# taz.de -- Demokrat El-Sayed gewinnt Michigan: Der Sieg des „unwahrscheinlichsten aller Kandidaten“
> Den industriell geprägten Bundesstaat Michigan bei den Zwischenwahlen zu
> gewinnen, ist eigentlich ein Selbstläufer für die Demokraten. Für Abdul
> El-Sayed war es dennoch hart.
(IMG) Bild: Abdul El-Sayed mit seiner Frau Sarah Jukaku: Republikaner und rechte Medien führten bis zuletzt eine millionenschwere Schmierenkampagne gegen ihn
Er wird der erste muslimische Senator der USA: Abdul El-Sayed. „We did it“,
rief der 42-jährige Demokrat am frühen Mittwochmorgen seinen
Anhänger:innen in Detroit, Michigan entgegen, als er sich zum Sieger
erklärte – noch bevor die US-Nachrichtensender das Rennen als entschieden
meldeten. „Ihr habt auf den unwahrscheinlichsten aller Kandidaten gesetzt.
Danke euch, das gebührt euch allen!“
Die Wähler:innen im industriell geprägten Michigan, der Heimat der
größten arabischen Minderheit in den USA, mussten länger um das Ergebnis
zittern als in [1][anderen Staaten, in denen die Demokraten bei den
Midterms abräumten]. In einzelnen Bezirken des Bundesstaates wurde langsam
ausgezählt. Schließlich war das Ergebnis da: Neben Senator El-Sayed wurde
auch seine Parteikollegin Joselyn Benson zur Gouverneurin gewählt.
Eine Wahlparty in Washington, D.C., rund 600 Kilometer Luftlinie von
Detroit entfernt: Der 26-jährige Rohan Singh stammt selbst aus Michigan. Er
erzählt der taz, wie sehr es ihn inspiriert, dass in seiner Heimat ein
„Mann of colour mit einem komischen Namen“ angetreten ist. Seine
Freund:innen in Michigan wollten diesmal „wirklich für El-Sayed stimmen,
statt nur gegen den Republikaner“. Von den etablierten Demokraten sei er
lange enttäuscht gewesen, doch diesmal habe es eine „echte linke“
Alternative gegeben.
Der progressive El-Sayed trat an mit dem Slogan „Geld raus aus der Politik,
Geld in eure Taschen, Medicare für alle“: ein Plädoyer gegen die horrenden
Preisanstiege infolge des Irankriegs und für eine gesetzliche
Krankenversicherung. Der Mediziner, der häufig im schwarzen T-Shirt statt
Anzug auftritt, leitete zuvor Gesundheitsämter im Bundesstaat. Die
schlechte medizinische Versorgung machte er zu einem seiner Kernthemen.
## Trump nannte ihn einen „Dschihadisten“
El-Sayed positioniert sich auch gegen das Parteiestablishment der
Demokraten und dessen Wirtschaftsnähe. Er betonte stets, kein Geld von
Unternehmen anzunehmen und stattdessen auf tausende Kleinspender:innen
zu setzen. In Endspurt seines Wahlkampfs wurde er dennoch massiv von
Lobbyorganisationen der Demokraten unterstützt.
Das brauchte der geschickte Redner vielleicht auch, um gegen seine
finanziell deutlich besser ausgestatteten Gegner bestehen zu können.
Republikaner und rechte Medien führten bis zuletzt eine millionenschwere
Schmierenkampagne gegen ihn. Sein direkter Kontrahent, der Republikaner
Mike Rogers, versuchte immer wieder, ihn in die Nähe der Muslimbruderschaft
zu rücken. US-Präsident Donald Trump nannte ihn einen „Dschihadisten“,
machte Witze über seinen Namen und ätzte zuletzt sogar, falls El-Sayed
gewählt würde, „wäre er der einzige Senator, der durch einen Metalldetektor
gehen müsste“, wenn er den Senat beträte.
Doch der Demokrat ließ sich nicht einschüchtern. Er erwiderte, er gehe
gerne durch einen Metalldetektor, wenn Trump sich an einen Lügendetektor
setze. Auch der Skandal um die Demokratin Haley Stevens, die in den
Vorwahlen gegen den linken Politiker verloren hatte und sich in letzter
Minute entschied, seinen Gegner Mike Rogers zu unterstützen, schadete ihm
nicht wesentlich.
Ein Kernstreitpunkt zwischen Stevens und El-Sayed waren die Beziehungen
zwischen den USA und Israel. El-Sayed kritisiert Israels Krieg in Gaza und
die Besatzung im Westjordanland immer wieder scharf. Stevens und Rogers
hingegen sind als leidenschaftliche Unterstützer Israels bekannt. Die
Israellobby AIPAC investierte zuvor nie dagewesene 30 Millionen Dollar in
Stevens' Vorwahlkampf. El-Sayed wurde Antisemitismus vorgeworfen. Viele
jüdische Wähler:innen stimmten in den Vorwahlen für Stevens.
## Seit über 30 Jahren in demokratischer Hand
Auch deshalb war der [2][Wahlkampf in Michigan] einer der meistbeachteten
der [3][diesjährigen Midterms]. Der Senatssitz in Michigan gilt als sicher
für die Demokraten – seit über 30 Jahren gab es hier keine republikanischen
Senator:innen. Doch ein offen linker Kandidat, der Ideen wie die
Einstellung der Waffenlieferungen an Israel oder die Besteuerung von
Milliardären lautstark vertritt, erschien einigen Kritiker:innen als
unnötiges Risiko. Bei Trumps schlechten Beliebtheitswerten hätte ein
farbloser Demokrat quasi von selbst gewonnen, so die Annahme.
Doch diese Zweifel dürften nun zerstreut sein. Abdul El-Sayeds Sieg im
Arbeiterstaat Michigan, der bei den Präsidentschaftswahlen zweimal
mehrheitlich für Donald Trump gestimmt hatte, sendet auch ein Signal an
andere progressive Kandidat:innen in den USA: Wenn es ein linker,
palästinasolidarischer Muslim in Michigan schaffen kann, ist vieles andere
auch möglich.
Zum Ende seiner Antrittsrede in Detroit wünschte El-Sayed seinem
geschlagenen Gegner Mike Rogers noch „einen schönen Ruhestand“. Er wisse,
dass dieser mit einem Haus in Florida und zwei Yachten gut versorgt sei.
Dann wandte er sich noch einmal an seine Wähler:innen und an alle
Eltern, die versucht hätten, ihren Kindern zu erklären, warum der Präsident
jemanden wegen seines Namens oder der Art, wie er betet, verspottet. „Lasst
sie wissen, dass die Bösen verloren haben.“
4 Nov 2026
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## AUTOREN
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