# taz.de -- Ausstellung über Künstlerkolonien: Wir essen Salat, ja, wir essen Salat
> Eine Ausstellung im Berner Kunstmuseum widmet sich Künstlerkolonien. Sie
> zeigt die ländliche Welteroberung und schlägt damit den Bogen ins Heute.
(IMG) Bild: Edmond de Pury: „Fischer auf Capri, o. D.“, Öl auf Leinwand, 123 × 91,3 cm
Der Titel der Freitag im Berner Kunstmuseum eröffneten Ausstellung ist,
alles in allem, gut gewählt: „Reise in die Freiheit“. Liegt die Betonung
auf dem Touristischen, Weltinteressierenden – oder auf der Bewegung aus
Zwängen und Konventionen hinaus? Der Kunsttempel wurde 1879 als – quasi –
architektonische Machtgeste der avancierenden bürgerlichen Klassen erbaut.
Zeitgleich entstanden die Künstlerkolonien, denen die Schau gewidmet ist,
etwa auf Capri oder am [1][Monte Verità]. Erobert zur Blütezeit der
bürgerlichen Klassen lagen sie weit weg von den Akademien der ästhetischen
Produktionen in den Hauptstädten.
Die Überschrift hätte auch „Reise in die Selbstbestimmung“ lauten können,
womöglich war dies zu kompliziert. Worauf es anzukommen hat, ist die
Bewegung selbst, das Reisen in Unbekanntes. Über 60 Gemälde zeigt diese
Ausstellung – und sie sind allesamt mit Orten und Landschaften verbunden,
die Idyllen fantasieren lassen – keine aus den Fugen knallenden Städte wie
Kopenhagen, Berlin, Rom oder London.
Die Kunstorte waren schwer erreichbar, man musste sich mühen, zu ihnen eine
Reise zu unternehmen, dort gar zu bleiben, Quartier zu nehmen, Bilder zu
malen. Capri als Trauminsel vor Neapel, nur mit schaukelnden Booten
erreichbar; der Monte Verità im schweizerischen Tessin, kaum wegsam dorthin
oberhalb des Lago Maggiore; Skagen, ein tristes Fischerdörfchen an der
Spitze Jütlands, karg und, als die ersten Künstler:innen kamen, als
Platz für sie nur denkbar, weil eine kleine Eisenbahnlinie durch sandige
und eher ja gräuliche Landschaften dorthin angelegt worden war.
## Ein alternatives Leben
Aber [2][die Künstlerscharen waren Kolonisten], für sie stand außer Frage,
dass sie ein alternatives Leben dort haben wollten, viel Pionierarbeit war
nötig, aber Zeit und Mittel waren ja vorhanden, so gut wie alle
Kunstmenschen waren irgendwie familiär vorgepampert.
Vieles, was heutzutage als bürgerlicher Lifestyle gang und gäbe ist, fand
dort erste Zeichenhaftigkeit. Atemübungen gegen Krankheiten, Gymnastik zur
Erspürung der Körper, vegetarische Nahrungsexperimente, Experimentelles in
sexuellen Hinsichten, offene Ehen, der Feminismus und das Ausleben queerer
Lüste – die Lebensreformbewegung, wie diese historische Vorläuferin zur
grünalternativen Bewegung genannt wurde, hatte im 19. Jahrhundert ihre
ersten Aufbrüche im Kunstmilieu.
Bei den Frauen insbesondere: In Skagen oder auf dem Hügel oberhalb Asconas
zu leben hieß auch, auf einschnürende Korsetts verzichten zu können.
Andererseits gab es immer auch Hohn und Spott auf die Aussteiger:innen,
etwa als 1905 der Anarchist und Schriftsteller Erich Mühsam nach einem
Besuch auf dem Monte Verità dichtete, „ein alkoholfreies Trinklied“: „Wir
essen Salat, ja, wir essen Salat / Und essen Gemüse früh und spat. / Auch
Früchte gehören zu unserer Diät./ Was sonst noch wächst, wird alles
verschmäht.“
## Suche nach der Echtheit
Die Gemälde sind von den Kurator:innen Livia Wermuth und Andreas Schwab
gut gewählt – Letzterer nah Bern lebender Autor des Buches „Zeit der
Aussteiger. Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Worpswede“,
faktisch die Inspiration zu dieser Schau und zugleich ihr Katalog. Gut,
dass beide sich entschlossen, zu den Bildern jeweils Texte als
Fact-Checking-Instanzen beizustellen und sie nicht hinter einem QR-Code
verschwinden zu lassen: Die Künstler:innen nahmen die realen Einwohner
in den Dörfern als Objekte ihrer Gemälde – wie aber war es, jenseits
künstlerischer Fantasien, um die echten Leben der, nun ja, Ureinwohner
bestellt?
So sehr aber der Blick auf Authentizität, auch echte Echtheit geeicht
scheint, so bleibt etwa auch das Bild eines jungen Mannes bei seiner
Tätigkeit am Fischernetz rätselhaft: Wann wo auch immer war je ein junger,
körperlich von keiner Alterung berührter makelloser Mann bei seiner
Tätigkeit nackt zu sehen? Oder wann, wie auf einem Gemälde aus Capri, lief
eine junge Frau mit einer Hälfte ihres Oberkörpers barbusig durch die
Gassen? Oder was mag sich der Maler einer Gruppensituation von Fischern im
Meer gedacht haben, als er diese mit lächelnden Mienen auf die Leinwand
brachte?
Liegt da nicht, keineswegs kompliziert, eine Art von Lust auf Exot:innen
vor? Oder musste dies ästhetisch so gezeigt werden, weil die pure,
arbeitsplackerische Dokumentation auf dem Markt der Gemälde in den
Metropolen wenig Anklang gefunden hätte? Wenn schon nichtbürgerliche
Menschenobjekte – dann doch wenigstens ob ihres Loses, körperlich brutal
hart arbeiten zu müssen, mit gewinnenden Mienen.
Der Clou scheint nur, und die Ausstellung sagt dies auch in ihren
instruktiven Begleittextchen, dass kurz nach der „Entdeckung“ dieser Orte,
besonders auf Capri und in Skagen, deren Ureinwohner begannen, aus den (was
sie ja faktisch waren) Touristen selbst Kapital zu schlagen: als
Dienstpersonal, mit Postkartenständen, mit Restaurants und all dem Gewerbe,
das sich überall inzwischen einstellt an Orten, die auf den bucket lists
der Weltbewohner stehen: Da muss man hin …
## Hot Spots ihrer Zeit
Denn, abgesehen vom Monte Verità, der im Tessiner Tourismusmarketing keine
Rolle spielt, sind diese Künstlerkolonien in gewisser Weise Hot Spots ihrer
Zeit geworden: Sehens- und Besuchswürdigkeiten jenseits offizieller
Museumsarrangements. Wer wüsste in heutiger Zeit schon über Worpswede
Bescheid, hätten sich dort nicht Paula Modersohn-Becker, Rainer Maria Rilke
und Heinrich Vogeler eine Zeit lang niedergelassen? Eben: ein geografischer
Alptraum ohne Liebreiz mitten in Mooreslandschaft.
Dass die Ausstellung in Bern ohne die genretypischen fame holder wie die
eben Genannten auskommt, ist von inhaltlich starkem Reiz. So lenkt niemand
von den Berühmtheiten vom eigentlichen Thema ab: die Freiheit, sich von
Konventionen wegzubewegen, sich zu trauen, nicht alternativlos zu denken,
auch zu scheitern, anders als rund um und in den Kunstakademien zu Luft zu
kommen, und sei es landwirtschaftliche.
Diese feine, recht eigentlich unbeabsichtigte Wechselwirkung zwischen
Kolonisierung von übersehbaren Örtlichkeiten und den Nützlichkeiten der
neuen Gäste für die ursprünglichen Bewohner dieser Landschaften hatte
vielleicht noch einen anderen Effekt, auch dies legt die Ausstellung nahe:
[3][die Geburt der Instagramabilität] interessanter Weltgegenden.
Künstler:innen und ihre Gemälde, die als erste klassische Kunstwerke –
die Fotografie als Genre war gerade geboren – wie Werbung für Land und
Leute jenseits der eigenen Metropolenbubble funktionierten. Dass das auch
viel mit Exotismus, Welteroberung ohne Krieg und Vernutzung angeblich
ursprünglicher Lebensweise zu tun hatte: egal. Für die Ureinwohner, so
sieht es auf vielen der gezeigten Bilder aus, war die zunächst sachte
Invasion ihrer Gäste weltnäherbringend.
4 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jan Feddersen
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