# taz.de -- Architektur für einen Krypto-Staat: Für Entrepreneure ist alles versiegelt
       
       > Liberland soll turbokapitalistische Sonderzone für Techmilliardäre
       > werden. Der deutsche Architekt Patrik Schumacher entwarf das virtuelle
       > Stadtmodell.
       
 (IMG) Bild: Architektur wie Turnschuh-Design: Mikrostaat Liberland mit welthöchstem Hochhaus und Yachten in der Donau, bislang nur Entwurf
       
       Alles unter 2,50 Meter Länge gilt nicht als Boot und braucht daher keine
       Schifffahrtskonzession. Das macht das Überqueren der Donau, die sich hier
       an dieser Stelle besonders schlammig und gottverlassen präsentiert,
       einfacher, zumindest in der Theorie. Die Realität schaut anders aus. Immer
       wieder kommt es vor, dass Neuankömmlinge, sobald sie die Freie Republik
       Liberland betreten haben, von der Grenzpatrouille in Gewahrsam genommen
       werden. Denn Liberland liegt mitten im Dauerstreitgebiet der EU-Außengrenze
       zwischen Kroatien und Serbien.
       
       Liberland ist ein sieben Quadratkilometer großes Niemandsland, das zwar als
       serbisches Staatsgebiet ausgewiesen, aber von der kroatischen Gemeinde
       Kneževi Vinogradi verwaltet wird. Ein geografisches Überbleibsel aus
       Grenzziehungen der k.u.k. Monarchie und der Donau. Auf dem Landweg schwer
       zu erreichen, da es fast keine Infrastruktur gibt. Doch die ersten
       Siedler:innen, die sich in ihren zusammengezimmerten Holzhütten
       niedergelassen haben, glauben fest an eine Zukunft dieses Ortes.
       
       Ähnlich wie bei Montelibero (Montenegro), Próspera auf der Karibikinsel
       Roatán (Honduras) oder der ortlosen, virtuellen Metastadt Praxis, in die
       auch der [1][Tech-Milliardär Peter Thiel investiert], handelt es sich bei
       Liberland um eine wirtschaftliche Sonderentwicklungszone. Sie zieht
       Neonazis, Querdenker, Postmonarchen, Steuerflüchtlinge und exotische
       Rechtslibertäre an.
       
       Alle wollen sie dem klassischen Sozialstaat entfliehen und im
       Totalkapitalismus wirtschaften. Mit an Bord ist etwa die österreichische
       Erzherzogin Herta Margarete Habsburg-Lothringen, der [2][chinesische
       Blockchain-Macher und TRON-Gründer Justin Sun] und der Deutsche Christian
       Jacken, einst Pirat, später AfD-Überläufer, danach Botschafter der Freien
       Republik Liberland.
       
       Darüber hinaus aber – und das ist der Unterschied zu anderen Sonderzonen –
       strebt Liberland seine eigene Staatlichkeit an. Die 2015 vom tschechischen
       Politiker und Kommunikationstechnologen Vít Jedlička gegründete Mikronation
       hat ihre eigene Staatsflagge, gelb-schwarz-gelb gestreift, mit einem Wappen
       mit Sonne, Wasser und Vogel in der Mitte.
       
       Für umgerechnet circa 9.000 Euro kann man online oder auf einer der
       jährlichen Liberland-Konferenzen die Staatsbürgerschaft erwerben. Sogar
       altmodisch analoge, dunkelblau eingeschlagene Reisepässe sind bereits im
       Umlauf. Mit dem einzigen völkerrechtlichen Problemchen, dass Liberland von
       keinem anderen Staat anerkannt wird.
       
       ## Die attraktive Start-up-City
       
       „Das wird sich aber bald ändern“, glaubt der Londoner Architekt Patrik
       Schumacher, seinerseits Liberland-Staatsbürger, der Vít Jedlička angeboten
       hat, einen Masterplan für das neue Traumland an der Donau zu erstellen.
       „Liberland wird nicht nur eine attraktive Start-up-City sein, sondern auch
       Heimat für Pioniere und Entrepreneure, die an Co-Kreation, Gamification und
       digitalem Networking interessiert sind.“
       
       Der aus Bonn gebürtige Schumacher ist CEO von Zaha Hadid Architects. Nach
       [3][dem Tod seiner Partnerin Zaha Hadid] übernahm der 65-Jährige das Büro
       und bedient mit seinen Projekten – mehr noch als zu Hadids Lebzeiten –
       autokratische und turbokapitalistische Bauherren. Für Liberland kreierte er
       eine Welt aus Kurven und Kanten, aus Blobs und Organoiden, aus fluiden
       Formen als Sinnbild für einen ebenso fluiden, durch die Finger rinnenden
       Wirtschaftsliberalismus.
       
       „Ich glaube an eine Architektur, die Offenheit, Transparenz, Kontinuität
       und eine gewisse Form der Verschmelzung ausstrahlt“, sagt Schumacher im
       taz-Gespräch. „Damit verbunden ist auch ein enormer Grad an politischer und
       wirtschaftlicher Freiheit, die man in Liberland aktiv mitgestalten kann.
       Mit einer entsprechend dynamischen Konfiguration kann die Architektur
       dieser Vision zuarbeiten.“
       
       Das sieht man: Innerhalb des städtebaulichen Masterplans, der an bewegliche
       Metallpartikel in einem Magnetfeld erinnert, befinden sich Luxusvillen,
       Wohnhochhäuser, moderne Regierungsgebäude und diverse Entertainment-Hallen,
       mit einer hyperorganisch geformten, eigenen Angaben zufolge nachhaltig
       bewirtschafteten Parklandschaft rundherum. Die Visualisierung mit Schiffen
       und Yachten im Hafen verrät, dass man an einer Abgrenzung der Retorte
       stärker interessiert ist als an einer sozial gerechten Vernetzung ins
       Umland.
       
       „Doch das wichtigste Bauwerk, noch bedeutender als das Rathaus“, erklärt
       der Architekt, dem politische Ordnung nicht wichtig zu sein scheint, „ist
       das Incubator-Building, eine Art Urban-Cyber-Hub für digitale
       Zusammenarbeit und Crypto-Enterprises. Hier werden sich die Menschen
       treffen, sowohl real als auch virtuell, und in hybriden Konferenzen ins
       Gespräch kommen.“ Lange bevor erste Bagger anrollen, hat das Gebäude
       bereits Gestalt angenommen – zumindest im virtuellen Raum. Im Metaverse
       kann man durch Liberland spazieren, das Incubator-Building betreten und als
       Avatar an einer Veranstaltung teilnehmen.
       
       ## Sci-Fi-Horror-Mischung
       
       An die 45 Gebäude, die in Liberland eines Tages stehen sollen, sind bereits
       geplant. Auf metrotopia.io, einer virtuellen 4D-Plattform, die von ZHA
       Architects und dem Chicagoer Think-Tank ArchAgenda kreiert wurde, kann man
       diese Bauwerke – beziehungsweise deren digitale High-Fidelity-Zwillinge –
       erkunden. Der Spaziergang ist eine Horrormischung aus Sci-Fi-Filmen wie
       „2001: Odyssee im Weltraum“ und „28 Days Later“: Alles ist versiegelt durch
       gebaute Materie, Wiesen und Bäume sind lediglich als ornamentales Beiwerk
       zu finden.
       
       „Die virtuelle Antizipation von Liberland, eingebettet in unsere virtuelle
       Stadt Metrotopia, kann sich in ihrer Vielfalt sehen lassen“, freut sich
       Schumacher. Und verweist auf die Bauten zahlreicher hipper Büros aus aller
       Welt, darunter etwa Coop Himmelb(l)au, UNStudio, OMA oder LAVA Laboratory
       for Visionary Architecture, die an Liberland und Metrotopia mit der
       gleichen Blindheit teilzunehmen scheinen, wie sie auch [4][schon Pläne
       geschmiedet haben für die saudi-arabische], mittlerweile gestoppte
       [5][Wüstenutopie The Line]. Schumacher weiter: „Es gibt sogar ein
       Ross-Lovegrove-Museum und eine Fabrik von Bellwether Industries, die im
       Metaverse schon heute Autos und Drohnen produziert.“ Was will man mehr?
       
       ## Versammelt die Tech- und Kryptoszene
       
       Doch so groß die Euphorie bei den einen, so klar die Bedenken bei den
       anderen: „Einerseits besteht die Führungselite Liberlands zu einem
       beträchtlichen Teil aus Unternehmern, Investoren und Akteuren der Tech- und
       Kryptoszene, die vor allem an Deregulierung, niedrigen Steuern und neuen
       staatlichen Strukturen interessiert sind“, sagt der Berliner Filmemacher
       Johannes Büttner im taz-Gespräch. „Andererseits begegnet man dort vielen
       jungen Männern, die durch das Internet sozialisiert sind und von Wokeness,
       staatlicher Bevormundung und Verlust individueller Freiheit sprechen. Sie
       ziehen in einen Wald an der Donau, um dort noch einmal von vorne
       anzufangen.“
       
       Büttner, bekannt etwa für [6][seinen Film „Soldaten des Lichts“ (2025)],
       besuchte Liberland. Sein 70-minütiger Dokufilm „Island in the Net“, eine
       Anspielung auf die virtuelle Dimension Liberlands, wird demnächst auf
       Festivals zu sehen sein. „Sie können Ihre Firma auf der
       Liberland-Blockchain registrieren“, erzählt einer der Protagonisten in
       Minute acht. „Es gibt bereits Anteile von Unternehmen, die in Liberland
       ansässig sind, und wir haben jetzt schon Investoren für den höchsten
       Wolkenkratzer der Welt.“ Der müsste dann, aktuellen Bautätigkeiten in
       Saudi-Arabien zufolge, wo der Chicagoer Architekt Adrian Smith gerade den
       1.007 Meter hohen Jeddah Tower baut, weit über einen Kilometer hoch sein.
       
       „Das sind große Glücksversprechen“, behauptet Büttner. „Und irgendwann
       stellt sich die Frage, was es überhaupt bedeutet, dass ein Staat real ist.
       Es gibt zwar ein Territorium, aber ein großer Teil des Staates existiert
       bislang nur in Bildern, Erzählungen, digitalen Infrastrukturen und in den
       Köpfen seiner Bewohner. Gleichzeitig werden Unternehmen registriert,
       Gesetze geschrieben, Ämter vergeben und Investitionen getätigt. Man
       beobachtet also eine Gruppe von Menschen beim Versuch, eine politische
       Vorstellung so lange zu spielen, bis sie Wirklichkeit wird.“
       
       Das sei gefährlich, erklärt Stephan Trüby, Professor für Architekturtheorie
       an der Universität Stuttgart, auf taz-Anfrage. „Vor ein paar Jahren hätte
       ich Liberland und ähnliche Projekte für schräge Bitcoin-Propagandaprojekte
       gehalten, aber durch Trump 2.0, Milei und diversen Tech-Bros an der Macht
       könnte sich das rasch ändern.“
       
       Gestalterisch sei der Liberland-Masterplan für Trüby eine Art „Monaco des
       21. Jahrhunderts“. Denn: „Hier gibt es keine Tempelanspielungen und auch
       [7][keine klassischen Demonstrationsgesten politischer Macht] wie Achsen
       oder Symmetrien. Vielmehr orientiert sich die Architektursprache an den
       fließenden und vielleicht auch sich verflüchtenden Strömen des Kapitals.
       (…) Ein wenig erinnert mich Liberland sogar an einen lässig designten
       Turnschuh.“
       
       ## Ray-Ban-Pilotenbrillen
       
       Trüby bezieht sich in seinem Vergleich auf einst militärische
       Kleidungsstücke wie Bomberjacken oder Ray-Ban-Pilotenbrillen, die nach dem
       Krieg von diversen Subkulturen übernommen wurden – mit dem Narrativ von
       Schutz, Stärke und Rebellion. Und „in Liberland wird das Narrativ der
       lässigen Sneaker-Silicon-Valley-Generation aufgegriffen und in Architektur
       übersetzt.“
       
       Mit dem Turnschuh-Design à la Mark Zuckerberg kann sich Patrik Schumacher,
       der möglicherweise in einigen Jahren mit seinem Architekturbüro ZHA nach
       Liberland auswandert, sogar anfreunden. „Die Analogie ist erfrischend“,
       findet er. Sie ist beunruhigend, meint dagegen Trüby, „denn sie
       symbolisiert eine digitale und ökonomische Macht, die ein bisschen
       latenter, ein bisschen freundlicher daherkommt und nicht immer auf Anhieb
       enttarnt wird.“
       
       2 Nov 2026
       
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