# taz.de -- Leiko-Ikemura-Ausstellung in Venedig: Geheimnisvoll sind ihre Gestalten allemal
       
       > Die lichtdurchfluteten Skulpturen von Leiko Ikemura sind nun in der
       > Gallerie dell’Accademia Venedig zu sehen. Sie bilden ein Spiel mit Farbe
       > und Geschichte.
       
 (IMG) Bild: Zwischen strengen Renaissance-Gemälden liegen Leiko Ikemuras Glasfiguren: Blick in die Ausstellung „TransLucent“, Venedig
       
       Ohne Licht kein Sehen, ohne Licht gibt es auch keine Kunst. Erst das Licht
       macht die Farbe zur Farbe und die Form zur Form. Diese Eigenschaft des
       Lichtes nutzten die mittelalterlichen Maler, die das es als ein
       Gestaltungsmittel verstanden, um auf die Gegenwart Gottes als den Ursprung
       des Lichts hinzuweisen. Ihre Bilder reflektierten das Licht daher nicht,
       sie wurden zur Quelle des Lichts. Erst seit der Renaissance, mit der
       Durchsetzung der realistischen Tendenzen setzte sich in der Malerei das
       Naturlicht durch. Das [1][Licht als ein Gestaltungsprinzip] sollte dann
       nach Jahrhunderten wieder in der modernen Kunst ein Thema etwa bei László
       Moholy-Nagy werden. Unter den zeitgenössischen Künstlern sind es James
       Turrell oder Ólafur Elíasson, die sich des Lichts annehmen.
       
       Beeindruckt vom Licht in Venedig, das die Lagunenstadt mal wie eine
       schwebende Fata Morgana, mal wie eine in Farben strahlende Hochburg
       erscheinen lässt, ließ sich die in der südjapanischen Präfektur Mie
       geborene, doch seit Jahren in Berlin lebende Künstlerin Leiko Ikemura auf
       ein Abenteuer ein. Sie stellt jetzt in der ehrwürdigen Galleria
       dell'Accademia ihre in Glas gegossenen Skulpturen [2][einigen
       mittelalterlichen Bildern und Gemälden aus der Frührenaissance gegenüber].
       Wo denn sonst als in dieser Stadt, wo nicht nur das Licht seinen Zauber
       entfaltet, sondern wo auch das Herstellen von Glas auf eine lange Tradition
       zurückblickt.
       
       Tatsächlich sind auch einige der Skulpturen in enger Zusammenarbeit mit den
       venezianischen Werkstätten von Murano hergestellt. Ikemura formt in ihrem
       Berliner Atelier aus weichen Ton ihre geheimnisvollen Gestalten, die dann
       in einem aufwendigen Verfahren in Glas gegossen werden. Dabei erstarren die
       Spuren ihrer Finger zu einer harten, das Licht reflektierenden Oberfläche
       und verleihen so den Skulpturen etwas Lebendiges.
       
       Geheimnisvoll sind ihre Gestalten allemal. Es sind Fabelwesen aus der
       Naturreligion Shinto, Kami genannt, die bereits seit Jahren auch Ikemuras
       lichtdurchflutete Bilder bevölkern. So erscheinen in Venedig Hasen, Katzen,
       Mädchen, mondsüchtige Frauengesichter, hockende Mönche zwischen Bildern von
       Giorgione, Bellini oder Veneziano. Mal in durchsichtigem Glas, mal in Lila
       oder Zitronengelb reflektieren sie das Licht, das die historischen Gemälde
       mit ihren goldenen Hintergründen und [3][dem königlichen Blau] ausstrahlen.
       Als ob Ikemuras Figuren schon immer zu den alten Bildern gehören würden.
       
       ## Wesen aus einem weit entfernten Kulturkreis
       
       Erstaunlich, welche Einheit diese Wesen, obwohl sie aus einem, der
       christlichen Tradition weit entfernten Kulturbereich kommen, mit den
       Motiven der Alten Meister herstellen. Dabei werden die Skulpturen selbst
       zur Quelle des Lichts, die zuweilen die Gestalt eines Kopfes, einer
       sitzenden Figur mit einem Vogel auf der Schulter oder eines liegenden
       Mädchens annimmt. Daher auch der Titel der Ausstellung „TransLucent – La
       forma della luce“ (TansLucent – Die From des Lichts).
       
       Besonders gelungen ist diese Einheit der alten und neuen Bilder an der
       Stelle, wo sich [4][Tizians] über sieben Meter langes, um 1535 entstandenes
       Monumentalgemälde „Mariä Tempelgang“ befindet. Drei Glasskulpturen Ikemuras
       stehen davor. In der Mitte „Scala“ von 2026, eine durchsichtige Treppe aus
       Glas, die sich bei Tizian fortsetzt, seine ganz Bildkomposition prägt.
       Rechts „Velvet Girl“, ein liegendes Mädchen, das schon 2021/2022 entstand
       und das typische Tizianrot an den Gewändern seiner Figuren in sich
       aufnimmt. Links „Girl Sitting“ von 2020, das Tizians schimmerndes Gold
       reflektiert.
       
       Draußen im Hof der Accademia steht man dann vor einem Sockel, auf dem
       Ikemuras „Glass Baby“ von 2020 liegt, ein zarter Kopf aus Glas. Der sich
       ständig ändernde Himmel spiegelt sich auf seiner Oberfläche und lässt die
       Skulptur je nach den Wetterverhältnissen himmelblau oder in verschiedenen
       Abstufungen von Grau aufleuchten. Wer sich auf Ikemuras transparente,
       filigrane, Licht durchlässige Kunst einlässt, lernt das Licht zu sehen.
       
       29 Oct 2026
       
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