# taz.de -- Kunst feiert Qualzucht: Auf den Hund gekommen
> Dem Dackel hat die Bremer Kunsthalle eine Ausstellung gewidmet. Fragen
> nach Rassewahn und Abrichtungs-Zynismus übergeht sie mit einem
> Augenzwinkern.
(IMG) Bild: Jagdszene um 1860: Ein Prototyp des zu dieser Zeit in Entwicklung befindlichen Dackels greift eine Wildsau an
Nichts gegen Hunde. Die mögen wir schließlich alle. Und auch ein Dackel ist
kein Problem. Ihm eine ganze Ausstellung zu widmen, wie es die
[1][Kunsthalle Bremen] nun tut, wirft allerdings schon die Frage auf, warum
das sinnvoll sein könnte und wohin man damit will. Das scheint Kuratorin
Annett Reckert auch irgendwann bei der Vorbereitung von „Der Dackel – eine
Ikone geht Gassi“ aufgegangen zu sein.
Allerdings offenkundig zu spät, um mit den angehäuften Exponaten auf die
Fährte einer Antwort zu stoßen: Die Ausstellung verliert sich in der Fülle
der ikonografisch mehr oder minder ähnlichen Hundedarstellungen seit dem
frühen 17. Jahrhundert (in dem es Dackel im engeren Sinne noch nicht gab).
Weder chronologisch noch thematisch bekommt sie das Sujet in den Griff. Wo
Diskurs und Nachdenken nötig wäre, häuft Reckert großzügig unterstellte
Wirkungen auf Assoziationen auf raunende Nichtantworten.
„Warum verstört der präparierte Lumpi zutiefst?“, fragt sie also
rhetorisch-suggestiv im Katalogtext und nennt es „eine Einsicht, dass der
Dackel – per se und besonders im Museum – ebenso unergründlich ist wie
viele Werke der Kunst“. Genauer betrachtet handelt es sich aber um eine
Plattitüde, keine Einsicht. Und völlig unklar bleibt, wen der ausgestopfte
Rauhaardackel aus der Kika-Sendung „Wissen macht Ah!“, um den es hier geht,
jemals verstört haben soll.
Leider beschränkt sich die gedankliche Unschärfe nicht auf den Katalogtext.
Ebenso impressionistisch sind auch die sieben Räume der Schau
zusammengestellt. So teilen sich Pablo Picassos spontaner Ein-Linien-Dackel
(1957) und das von Otl Aicher und Elena Schwaiger kühl-kalkulierend
entworfene Olympia-Maskottchen Waldi (1972) einen Raum, weil … – na ja,
warum denn nicht?
## Bloß keine bösen Bilder
Wer gerne Dackelbilder anschaut, wird hier mit qualitätsvollen Exemplaren
bedient, die aus unterschiedlichen Epochen stammen und auch sonst wenig
miteinander gemeinsam haben: Andy Warhol, Friedrich von Kaulbach, [2][die
unglaubliche, 1941 vor der Vernichtung in die USA geflüchtetete ungarische
Tierfotografin Ylla].
Im monothematischen Setting, also ohne Vergleichs- oder Gegen-Bilder,
verhindert diese dackelige Beliebigkeit aber jede vertiefte
Auseinandersetzung mit den Künstler*innen und vermeidet fast schon
ängstlich alles Fragen, kulturhistorisch, kunstsoziologisch, das der Schau
Relevanz verleihen könnte.
Selbst da, wo ein böser Blick auf den Dackel aufblitzt, wird dieser schnell
in nichtssagende Niedlichkeit aufgelöst: Zwar hängt Otto Dix'
kriegsversehrter, blinder Streichholzhändler von 1920 in der Schau, dem des
abgedankten Kaisers Lieblingshund an den Beinstumpf pisst.
Aber offenbar um da etwas die Härte rauszubekommen, hat man sich von der
Berliner Kommunikationsdesignerin Gabriela Jolwicz noch einen harmlosen
Gegenholzschnitt mit dem Titel „Dackel auf der Müllerstraße“ anfertigen
lassen. Auf dem scheint ein Dachshund mit flatternden Ohren zu fliegen.
Süß! Und auf dem Boden, sein Schattenriss, sieht er aus wie ein Engel. Ist
das nicht niedlich!
Nicht so viel Deutungsspielraum lässt Robert Doisneaus 1977 in kühlem
Schwarzweiß fotografierter „Chien à Roulettes“; also einem Hund irgendwo in
Paris, der sich nur dank mit dem Hinterkörper verbundenen Rädern
fortbewegen kann. Offensichtlich ein Fall von Dackellähme, also ein
unheilbarer Bandscheibenvorfall. So etwas tut nach veterinärmedizinischer
Lehrmeinung weh.
Aber das Tier schaue ja so selbstbewusst, beeilt sich Reckert beim
Presserundgang zu sagen, „und eine Behinderung heißt ja nicht, dass man
darunter auch leidet.“ Das ist blanker Zynismus angesichts dessen, dass
diese Schädigung nicht nur schmerzhaft, sondern eben Folge der [3][per
Qualzucht gestalteten Dackel-Körperform ist].
Denn selbstverständlich ist der Dackel kein Naturprodukt. Er ist eine
kunstvoll gezielt für die Dachs- und Fuchsjagd entwickelte Waffe. Ihre
Herstellung und das trainierende Abrichten übernehmen im 19. Jahrhundert
Tierzuchtvereine: Seit den 1990ern [4][hat die kritische
Geschichtswissenschaft weltweit herausgearbeitet], dass sie der Ort sind,
an dem die bis dahin akademische Rassendoktrin verhängnisvoll
popularisiert, zum falschen Bewusstsein verallgemeinert wird.
Die Bremer Ausstellung verfolgt – darin gar nicht ungeschickt – das rein
kulinarische Ziel seichter Unterhaltsamkeit. Sie will nur spielen. [5][Die
Ideologisierung des Tierkörpers] aber blendet sie dafür aus. Deshalb kann
sie gar nicht anders, als sie fortzuschreiben, als selbstverständliches,
als nicht weiter zu hinterfragendes hunderassistisches Allgemeinwissen.
Oder, um es mit Reckert zu sagen: „Wir kennen ja alle den
Dackel-Charakter.“
30 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zum-Verhaeltnis-von-Kunst-und-Blindheit/!6086873
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Ylla
(DIR) [3] /Die-Dackel-Anomalie/!6002328
(DIR) [4] https://kops.uni-konstanz.de/server/api/core/bitstreams/8aee2e29-442c-419f-b9f2-36af56d84e59/content
(DIR) [5] https://www.hsozkult.de/event/id/event-139875
## AUTOREN
(DIR) Benno Schirrmeister
## TAGS
(DIR) Kunsthalle Bremen
(DIR) Körper in der Kunst
(DIR) Hunde
(DIR) Tiere
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