# taz.de -- Parlamentswahl in Israel: Wer sind die Königsmacher in Israel?
> Die arabischen Parteien legen ein historisch einmaliges Wahlergebnis hin
> – auch an ihnen hängt nun, wie es mit Israel weitergeht. Wer sind sie?
(IMG) Bild: Anhänger der Ra’am-Partei des israelischen Abgeordneten Mansour Abbas sind begeistert von den ersten Hochrechnungen
Wieso sprechen im Zusammenhang mit den Wahlen in Israel gerade alle über
die arabischen Parteien?
Das liegt vor allem daran, dass weder das Lager um Ministerpräsident
Benjamin Netanjahu eine Mehrheit hat noch das oppositionelle Lager um
Ex-Militärchef Gadi Eisenkot. Den arabischen Parteien kommt also als
Königsmacher eine zentrale Rolle zu. Außerdem haben sie ein historisch
gutes Ergebnis erzielt: Die Partei Ra’am kommt nach Auszählung von 90
Prozent der Stimmen auf 7 Sitze, die Vereinte Liste auf 12. Das liegt vor
allem daran, dass die palästinensischen Israelis dieses Mal an die Urnen
gezogen sind. Die Wahlbeteiligung unter ihnen lag bei um die 80 Prozent.
Zuvor hatten viele von ihnen israelische Wahlen boykottiert.
Woher rührt die hohe Wahlbeteiligung ?
Für viele palästinensische Israelis ging es darum, die in ihren Augen
katastrophale Netanjahu-Regierung aktiv zu verhindern. Sie haben den
verheerenden Krieg in Gaza mitverfolgt, bei dem nach palästinensischen
Angaben mehr als 74.000 Menschen getötet wurden, [1][genauso wie die
eskalierende Siedlergewalt im Westjordanland und den steil ansteigenden
Ausbau der Siedlungen.] Hinzu kommen die Probleme innerhalb der arabischen
Gemeinschaft in Israel, die sich von der aktuellen extrem rechten Regierung
im Stich gelassen fühlt: mangelnde Bekämpfung organisierter Kriminalität,
Armut, Diskriminierung, Abrissbefehle für Wohnhäuser ohne Baugenehmigung,
mangelhafte Stromversorgung.
Die palästinensische Israeli Nagham Zbeedat drückt es in einer Kolumne in
der israelischen Tageszeitung Ha'aretz so aus: „Letztendlich habe ich nicht
gewählt, weil ich plötzlich an die israelische Demokratie geglaubt hätte,
sondern weil ich es leid war, immer wieder zu hören, dass die Palästinenser
selbst für ihre Ausgrenzung verantwortlich seien.“
Welche Politik verfolgen die arabischen Parteien?
Die arabischen Parteien haben eine sehr unterschiedliche politische
Ausrichtung. Gemeinsam ist ihnen, dass sie vor allem für die Belange von
palästinensischen Israelis eintreten.
Fangen wir [2][mit Ra’am] an.
Ra’am ist als einzelne Partei angetreten und ist konservativ und islamisch
geprägt. [3][Ihr Anführer, Mansour Abbas,] geriet 2020 in die Kritik, als
er sich gegen LGBT-Rechte positionierte. Gleichzeitig hat Abbas 2021 mit
dem zionistischen Anti-Netanjahu-Block eine Regierung gestellt und hat
damit einen wichtigen Schritt Richtung jüdisch-arabische Kooperation
gemacht. Ra’am ist 1996 aus dem sogenannten südlichen Flügel der
Islamischen Bewegung in Israel hervorgegangen, die von der
Muslimbruderschaft beeinflusst war. Dieser Flügel gilt als moderaterer als
der nördliche. 2026 hat Ra’am sich von der religiösen Bewegung gelöst. Für
die Wahl 2026 holte Abbas den jüdisch-israelischen Politiker Yoav
Segalovitz, ehemaliger Generalmajor der Polizei, als inoffiziellen Vize in
die Partei.
Und die Vereinte Liste?
Die besteht aus den drei anderen arabischen Parteien. Ta’al wurde 1996
unter anderem von Ahmad Tibi ins Leben gerufen, ist säkular und
arabisch-nationalistisch ausgerichtet. Ihre Politiker*innen
unterstützten die Friedensverhandlungen. Sie streben weiterhin einen
palästinensischen Staat an sowie die Gleichberechtigung von
palästinensischen und jüdischen Israelis.
Balad wurde 1995 gegründet, als Reaktion auf die Oslo-Friedensverträge, und
ist noch stärker nationalistisch ausgerichtet. Manche ihrer Vertreter
streben langfristig eine Einstaatenlösung an, allerdings in Form eines
gemeinsamen demokratischen Staates. Balad wird von Sami Abu Shehadeh
angeführt, der sich allerdings wegen eines umstrittenen Artikels über das
Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 aus dem Wahlkampf zurückgezogen hat und
nicht antrat. Ihm wurde zuvor, auf Antrag des Ministers für Nationale
Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, mit Ausschluss gedroht.
Chadasch ist die älteste der Parteien, sie ist 1977 aus der Kommunistischen
Partei Israels und anderen linken Gruppen heraus entstanden. Sie versteht
sich nach wie vor als sozialistisch-kommunistisch, in ihr sind auch
jüdische Israelis aktiv.
Und jetzt? Werden sie Teil einer Regierungskoalition?
Ra’am war schon vor der Wahl bereit, eine Koalition mit zionistischen
Parteien zu bilden. Die Parteien der Vereinten Liste hingegen hatten vor
der Wahl eine Regierungsbeteiligung nicht in Betracht gezogen. Nach der
Wahl hat der Anführer der Vereinten Liste, Yousef Jabareen, jedoch seine
Bereitschaft erklärt, eine Alternativregierung zu Netanjahu zu
unterstützen. Innerhalb der Liste sträubt sich vor allem Balad gegen eine
Zusammenarbeit mit zionistischen Parteien.
Und werden die [4][zionistischen Parteien mit ihnen kooperieren?]
Das bleibt abzuwarten. Doch positive Signale kamen bislang nur von der
Mitte-links-Partei Demokraten; die anderen Parteien der zionistischen
Opposition äußerten sich eher ablehnend.
Mitarbeit: Judith Poppe
30 Oct 2026
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