# taz.de -- Nach den Wahlen in Israel: Bibi beschuldigt seine eigenen Habibis
> Israels Nochpremier Netanjahu verfehlt die Mehrheit in der Knesset –
> jetzt unterstellt er ausgerechnet seinen Freunden in Katar
> Wahlbeeinflussung.
(IMG) Bild: Linke Aktivisten rufen den Anti-Netanjahu-Block dazu auf, mit arabischen Parteien eine Regierung zu bilden
Die Wahl in Israel ist beendet, doch der Nachwahlkampf hat gerade erst
begonnen. Die Parteien bringen sich für mögliche Koalitionsverhandlungen in
Stellung – oder säen, im Fall der Likud-Partei und ihres Chefs Benjamin
Netanjahu, einfach gleich Zweifel an der Legitimität der Wahl.
„Die Wahlen in Israel wurden gestohlen“, erklärte die Partei am Donnerstag.
Es gehe um einen „Anschlag auf die Demokratie“ mit dem Ziel, Israel zu
„islamisieren und die rechte Regierung zu stürzen“. Keine zionistische
Partei dürfe mit den arabischen Parteien kooperieren.
Der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir forderte gar die
Festnahme der Chefs der israelisch-arabischen Parteien. Die Ra’am-Partei
wies die Vorwürfe zurück.
Einen realen Hintergrund immerhin gibt es: Das Zentrale Wahlkomitee unter
dem Vorsitz des Richters Noam Sohlberg hat den Inlandsgeheimdienst Schin
Bet angewiesen zu ermitteln, weil der Verdacht bestehe, dass Katar
„signifikante Summen“ nach Israel geschickt habe, um die arabische
Wählerschaft zu beeinflussen.
„Mir wurden ernsthafte Verdachtsmomente hinsichtlich einer unzulässigen
Einflussnahme auf die Wahlen zur Kenntnis gebracht – ausgeübt durch
Finanzmittel ausländischer Akteure, die gegen israelische Interessen
handeln“, wird ein Brief Sohlbergs von der Times of Israel zitiert. Der
Verdacht lasse sich bislang nicht bestätigen, erklärt er, doch man müsse
„gründlich untersuchen“.
## Einmischung von Bibi und Katar
Dass der Golfstaat Katar in Israel und den palästinensischen Gebieten
mitmischt, ist nichts Neues. Ein enger Vertrauter von Premier Netanjahu
steht derzeit im Zentrum von Ermittlungen. Er soll im Auftrag Dohas unter
anderem daran gearbeitet haben, das Image Katars aufzupolieren.
Jahrzehntelang hat außerdem Katar der palästinensischen Miliz und Partei
Hamas im Gazastreifen Gelder zugebracht. Das geschah mit Duldung Israels,
laut katarischen Diplomatiekreisen sogar auf Jerusalems ausdrücklichen
Wunsch hin. [1][An der ganzen Causa beteiligt] war auch der mittlerweile
über 18 Jahre lang seines Amtes waltende Premier Netanjahu.
Die Verbindungen Netanjahus zu Katar greift natürlich auch die Opposition
auf. Gadi Eisenkot, dessen Partei Jaschar die zweitmeisten Einzelstimmen
nach Netanjahu gewann, erklärte, es sei ja toll, dass Netanjahu endlich den
Einfluss Katars im Staat Israel verurteile. Eine solche Einmischung sei
„inakzeptabel“, ob sie bei den Wahlen oder im Büro des Premierministers vor
sich gehe.
Eisenkot griff außerdem den Unterton der Anschuldigungen auf: Der Premier
betreibe „eine unzulässige Einflussnahme auf die israelische
Öffentlichkeit“ mit dem Ziel, „die rechtzeitige Veröffentlichung der
Wahlergebnisse zu verzögern“ und eine Delegitimierung derselben
herbeizuführen.
Jon Polin, Sohn der von der Hamas ermordeten Geisel Hersh Goldberg-Polin,
äußerte deutliche Kritik an Netanjahu: Es sei „ironisch“, dass ausgerechnet
der Premier sich nun über möglichen Einfluss Katars beschwere.
## Kein Bibi, kein Tibi
Für Netanjahu geht es um einiges: Seine Regierungskoalition hat mit nur 53
Sitzen die Mehrheit von 61 in der Knesset verfehlt und muss einen Verlust
von 11 Mandaten im Vergleich zur letzten Wahl 2022 hinnehmen. Das
zionistische Oppositionslager gewann 48 Sitze, die restlichen 19 Mandate in
der Knesset erhalten die beiden arabischen Wahllisten, Ra'am und die Joint
List.
Die Chancen, dass der Oppositionsblock sich noch auf eine Einheitsregierung
mit Netanjahu einlässt, stehen nicht besonders gut. Avigdor Lieberman,
dessen Israel Beitenu 7 Sitze gewann, erklärte jüngst
öffentlichkeitswirksam, dass er „weder mit Bibi noch mit Tibi sitzen“
werde.
Ahmad Tibi ist einer der Parteiführer der arabischen Joint List. Eine
Koalition mit Netanjahu oder den arabischen Parteien schließt er also aus.
Selbst wenn die anderen beiden konservativ-rechten Parteien der
zionistischen Opposition zustimmen würden: Ohne Israel Beitenu käme diese
Konstellation nicht auf die nötigen Sitze.
Was also nun? Mit erneuten Neuwahlen rechnen immer mehr Israelis. „Im April
dann“, schmunzelt ein junger Mann in einem Café im liberalen Herzen Tel
Avivs. So wollen es die staatlich festgelegten Fristen, falls eine
Regierungsbildung scheitert. Was bleibe ihm denn außer Galgenhumor, fragt
er.
29 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lisa Schneider
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