# taz.de -- Parlamentswahl in Israel: Netanjahu, Eisenkot und Zigaretten in Gaza
       
       > In Gaza gibt es in diesen Tagen kaum ein Gespräch, in dem es nicht um die
       > israelischen Wahlen geht. Was erhoffen sich die Menschen? Unser Autor hat
       > sich umgehört.
       
 (IMG) Bild: Zwei Männer an einem fast leeren Marktstand in Chan Yunis. Viele hoffen nach der Wahl in Israel auf Veränderung
       
       In diesen Tagen verfolgen die Menschen in Gaza die Nachrichten zu den
       israelischen Wahlen mit solcher Spannung, dass bei keinem Treffen die
       unvermeidliche Frage ausbleibt: [1][„Hat Netanjahu gewonnen?“]
       
       So war es auch am Mittwoch, einen Tag nach den israelischen
       Parlamentswahlen, in einem kleinen Laden in Mawasi, einem Stadtteil von
       Chan Yunis im südlichen Gazastreifen. Hier kann man nicht nur teure
       geschmuggelte, sondern auch billige Zigaretten kaufen – solche, die aus
       getrockneten Pflanzenblättern als Tabakersatz hergestellt wurden. Ich, der
       ich immer wieder für die taz berichte, sitze hier mit Bekannten und rauche.
       
       „Also: Wer hat die Wahl gewonnen?“, fragt der Ladenbesitzer Ihab – das ist
       nicht sein richtiger Name, er will anonym bleiben. Er ist Ende zwanzig,
       verkauft geschmuggelte Zigaretten und fürchtet um sein Geschäft. Er glaubt,
       dass unter dem derzeitigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu der
       Verkauf geschmuggelter Zigaretten weitergehen kann. Schließlich sind die
       Zigarettenpreise seit Kriegsbeginn in die Höhe geschossen: Eine Lieferung
       von vier großen Kisten – jede mit 50 Stangen – erreichte mitunter einen
       Wert von 250.000 Dollar. Was bedeutet: Eine einzelne Packung war bis zu 500
       Dollar wert.
       
       [2][Angesichts der unklaren Wahlergebnisse weiß in diesem Laden noch
       niemand, wer die nächste israelische Regierung führen wird.] Das Gespräch
       geht weiter und schweift von Hilfsorganisationen über Diebesbanden bis hin
       zur Korruption unter der Hamas und wieder zurück zu den Wahlen in Israel.
       
       ## Die meisten hoffen auf Eisenkot
       
       Zunächst höre ich schweigend zu. Dann sage ich doch etwas. Ich weise auf
       die komplexe Situation hin, auf Netanjahus heikle Lage. „Er würde sogar ein
       Bündnis mit Somalia eingehen, nur um sein politisches Überleben zu
       sichern“, sage ich. Ich verfolge ja die politischen Ränkespiele in Israel
       über die Medien und erzähle den anderen von möglichen Manövern – etwa dass
       Netanjahu ein Bündnis mit seinem Herausforderer Gadi Eisenkot schmieden
       könnte. Etwas aber gibt mir doch Hoffnung: [3][Die arabischen Parteien
       könnten sich als entscheidender Faktor für einen Sieg Eisenkots erweisen.]
       
       Neben dem Ladenbesitzer Ihab gibt es noch eine weitere Person, die
       Netanjahu an der Spitze der israelischen Regierung sehen will. Doch die
       meisten anderen, die hier mit mir im Zigarettenrauch sitzen, hoffen auf
       Eisenkot – trotz seiner Karriere als ehemaliger Militärchef oder vielleicht
       gerade deswegen.
       
       Ibrahim zum Beispiel, ein Angestellter der Palästinensischen
       Autonomiebehörde. Seit 17 Jahren, seit Beginn der Hamas-Herrschaft, hat er
       keine Arbeit mehr verrichtet, erhält aber weiterhin sein Gehalt von der PA
       – auch wenn es nicht ausreicht, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er
       ist hoch verschuldet und lebt mit seinen Kindern in einem baufälligen Zelt.
       „Ich hoffe, dass Eisenkot gewinnt.“ Er glaubt, dass dieser die Hamas
       beseitigen könnte.
       
       Yahya, der als Elektriker arbeitet, stimmt ihm zu. Ebenso Kamal, ein
       Mitarbeiter des Palästinenserhilfswerks der Vereinten Nationen, UNRWA. Sie
       hoffen auf eine Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen, der
       Müllabfuhr, der Stromversorgung und der Dienstleistungen in den
       UNRWA-Lagern: „Wenn Eisenkot diese trostlose Realität, in der wir leben,
       ändern kann, dann hoffe ich, dass er eine Regierung bildet.“
       
       ## „Soll doch brennen, was von Gaza übrig ist“
       
       Fragt man vor dem Laden herum, ist die Stimmung ähnlich. Unter den
       Vertriebenen in den Flüchtlingslagern hofft fast jeder auf ein Ende der
       israelischen Likud-Regierung und möchte, dass Eisenkot dort die nächste
       Regierung anführt.
       
       Auch die meisten der verbliebenen Hamas-Mitglieder sehen das so. Mahmoud,
       ein Sicherheitsbeamter in der Hamas-Regierung, dessen richtiger Name nicht
       veröffentlicht werden soll, ist überzeugt, dass Eisenkot die
       Hamas-Mitglieder am Leben lassen oder ihnen die Flucht aus dem Gazastreifen
       ermöglichen würde. Mohammed selbst würde in die Türkei gehen, wenn er
       könnte, und verweist auf den bedeutenden Einfluss der Hamas dort, sowie auf
       die Immobilieninvestitionen der Hamas, von denen die türkische Wirtschaft
       profitiere.
       
       Ist die Hamas am Ende? Keineswegs, sagt er, ganz gleich, wer Israel in
       Zukunft regiert. „Solange die Steuern und der Geldfluss weitergehen, sind
       wir sicher. Aber Eisenkot wäre besser für uns als Netanjahu.“
       
       Und dann gibt es noch die vielen Menschen in Gaza, die dort ohnehin keine
       Zukunft mehr sehen und einfach nur wegwollen. „Soll doch brennen, was von
       Gaza übrig ist“, sagt Iyad, ein Arzt bei der UNRWA. Man merkt, dass ihm
       seine eigenen Worte wehtun.
       
       ## Den Küstenstreifen hinter sich lassen
       
       Suli vom UN-Entwicklungsprogramm will in die Niederlande. Auch Mohammed,
       der bis zu Kriegsbeginn Mitarbeiter in Wasserentsalzungsanlagen in Israel
       geschult hatte, bereitet sich auf die Ausreise vor. Für ihn sehen beide
       Optionen – Eisenkot oder Netanjahu – düster aus. „Ich werde meine Frau und
       meine Kinder bei der ersten Gelegenheit aus dem Gazastreifen herausholen“,
       sagt er.
       
       Ich nehme noch einen Zug von meiner Zigarette und blase den Rauch aus. Auch
       ich möchte den Gazastreifen so schnell wie möglich verlassen und nie wieder
       zurückkommen. Wenn Netanjahu Erfolg hat, wird er den Wiederaufbau
       verzögern, um sein eigenes politisches Überleben zu sichern, und uns damit
       für viele lange Jahre in diesem Elend gefangen halten – möglicherweise bis
       zur nächsten Wahl. Eisenkot ist kein Engel, aber ich hoffe dennoch darauf,
       dass er eine Regierung zusammenbekommt. Schon allein deshalb, weil mein
       Wunsch, diesen Küstenstreifen hinter mir zu lassen, unter Eisenkot
       Wirklichkeit werden könnte.
       
       Mitarbeit: Judith Poppe
       
       30 Oct 2026
       
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