# taz.de -- Nach der Knesset-Wahl in Israel: Schon wieder die Quadratur des Kreises
> Können sich jüdische und arabische Parteien für eine Koalition die Hand
> reichen? Die Geschichte zeigt: Es geht. Ob das heute noch gilt, ist
> fraglich.
(IMG) Bild: Mansour Abbas, Vorsitzender der Ra’am-Partei, gibt bei der Knesset-Wahl am 27. Oktober 2026 seine Stimme ab
Die arabischen Parteien haben in Israel einen historischen Sieg
eingefahren. Die islamische Partei Ra’am hat – nach Auszählung von 90
Prozent der Stimmen 7 Sitze erhalten, die Vereinigte Liste, in der sich
linke und konservative palästinensische Israelis tummeln, 12. So viele wie
nie zuvor. Hatten viele palästinensische Israelis früher die Wahlen
boykottiert, zeigt die gigantische Wahlbeteiligung nun: Auch für
palästinensische Israelis gibt es einen Unterschied zwischen den
zionistischen Regierungen der Vergangenheit und der rechtsextremen
Regierung unter Benjamin Netanjahu. Die steht in ihren Augen für ethnische
Säuberung, Verwüstung im Gazastreifen, Diskriminierung palästinensischer
Israelis.
Die palästinensisch-israelischen Wähler*innen wollten weitere vier
Netanjahu-Jahre verhindern. Freude darüber ist angebracht. Allerdings muss
[1][dieser historische Erfolg jetzt in konkrete Politik übersetzt] werden.
Nicht nur Ra’am, auch die Vereinigte Liste hat – in Abkehr von ihrer
bisherigen Haltung – Bereitschaft signalisiert, mit dem zionistischen
Anti-Netanjahu-Block zu kooperieren. Ihnen liegt am Herzen, Geld für die
unterfinanzierten arabischen Communitys zu sichern, gegen Kriminalität in
arabischen Gegenden vorzugehen, staatlicher Diskriminierung
entgegenzutreten.
Nun liegt der Ball bei den jüdischen Parteien. Im Vorfeld haben die
Parteien des Anti-Netanjahu-Lagers eine Koalition mit arabischen Parteien
ausgeschlossen. Und ja, für viele jüdische Israelis ist die Zusammenarbeit
mit palästinensischen Israelis ein rotes Tuch. Und doch zeigt ein Blick in
die nicht zu ferne Vergangenheit: Es kann gehen.
2021 gaben sich unter anderem der Rechte Naftali Bennett und Mansour Abbas
von der islamischen Partei Ra’am als Teil einer Anti-Netanjahu-Koalition
die Hand und regierten das Land gemeinsam, mit einigen Erfolgen – bis die
Koalition nach einem Jahr wieder zerbrach, vermeintlich an einem Streit
über ungesäuertes Brot. Tatsächlich ging es um die Besatzung und den
Siedlungsbau. Die breite Koalition hatte lange versucht, diese
Sollbruchstelle zu ignorieren, denn allen war klar: Eine Einigung in dieser
Frage war ausgeschlossen.
Auch diesmal wird es nicht unter der Quadratur des Kreises gehen – und alle
Seiten werden wohl versuchen, die Frage aller Fragen in diesem vom Jordan
bis zum Mittelmeer reichenden Landstrich zu ignorieren. Denn ein echter
Politikwechsel ist nicht in Sicht. Es bleibt zu hoffen, dass die
zionistischen Parteien verstehen, dass sie nun auf die arabischen Parteien
zugehen müssen. Denn die Alternative – [2][eine weitere Regierung unter
Netanjahu] – wäre ein Desaster. Man sollte meinen, dass der Regierungschef
dies in den vergangenen vier Jahren, in denen er das Land ruiniert und
international isoliert hat, unter Beweis gestellt hat.
Auch Neuwahlen würden wohl Netanjahu in die Hände spielen. Für die
Opposition und ein liberales, demokratisches Israel könnte dies die letzte
Chance sein. Möge sie sie nutzen. Oder, um es auf Arabisch zu sagen:
Inschallah.
29 Oct 2026
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