# taz.de -- Queere Erwartungen an Rot-Grün-Rot: „Haltung bleibt unverzichtbar“
       
       > CSD-Verein und LSVD stellen vor den Koalitionsgesprächen queere
       > Forderungen auf. Vereinsvorstand Marcel Voges drängt etwa auf Erhalt von
       > Projekten.
       
 (IMG) Bild: Starkes Zeichen: beim WorldPride in Amsterdam am 8. August dieses Jahres
       
       taz: Herr Voges, mit dem Ende der Legislaturperiode sollte automatisch
       [1][auch die Amtszeit des Queerbeauftragten enden]. Soeben aber hat Alfonso
       Pantisano mitgeteilt, dass seine Amtszeit bis zum 31. März 2027
       weiterlaufen soll. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht als CSD-Vorstand sein
       Amt?
       
       Marcel Voges: Grundsätzlich ist das Amt des Queerbeauftragten sinnvoll. Wir
       haben auch in vielen Bezirken Queerbeauftragte, mit denen wir als Verein
       vertrauensvoll zusammenarbeiten und die uns zum Beispiel bei der
       Beantragung von Fördermitteln unterstützen. Und es ist von Vorteil, so eine
       Ansprechperson auch auf Landesebene zu haben, die Anliegen der queeren
       Community formuliert, in die Senatsverwaltung hineinträgt und für die
       Belange der queeren Community kämpft – auch nach außen hin. Es sollte aber
       künftig klarer werden, was die Aufgaben und finanziellen Ressourcen dieser
       Person sind. Meine Erfahrung ist, dass die Stärke eines solchen Amtes sehr
       stark damit zusammenhängt, wie es ausgefüllt wird.
       
       taz: Welche Qualifikationen braucht so ein Amt? 
       
       Voges: Ich fände es gut, wenn die Person Menschen verbinden und die
       unterschiedlichsten Communities zusammenbringen und Brücken bauen kann.
       Gerade in Berlin ist es wichtig, die verschiedenen Anliegen
       zusammenzuführen und als vermittelnde Person aufzutreten. Es wäre auch
       hilfreich, wenn die Person sich auch als eine Art „Dienstleister*in“ der
       Community versteht. Viele queere Vereine, die zum Teil wichtige soziale
       Wohlfahrtsarbeit leisten und auf Fördergelder angewiesen sind, brauchen
       eine vertrauensvolle Ansprechperson in der Verwaltung.
       
       taz: Themenwechsel: In Berlin werden Regenbögenbänke nicht nur aufgestellt,
       [2][wie zuletzt am Berliner Ensemble], sondern auch zerstört – um nur ein
       Beispiel von Hasskriminalität zu nennen. Wie würden Sie die Stimmung bei
       Ihnen im [3][CSD-Verein] beschreiben? 
       
       Voges: Der islamistische [4][Anschlag auf den Berliner CSD] hat uns sehr
       getroffen und bewegt. Ich merke aber auch, dass es gerade aufgrund der
       gesellschaftlichen und politischen Lage – nicht nur in Deutschland, sondern
       weltweit – innerhalb der Community viel Kampfbereitschaft und Mut gibt. Den
       Satz „Jetzt erst recht!“ höre ich oft in letzter Zeit. Viele sind
       entschlossener denn je, für die Demokratie zu kämpfen. Wir im Verein sind
       auf jeden Fall voller Tatendrang, auch im nächsten Jahr wieder einen guten,
       starken und großen CSD auf die Beine zu stellen.
       
       taz: Am Montag starten die Gespräche für eine neue Koalition. Der
       CSD-Verein hat zusammen mit dem LSVD Verband Queere Vielfalt
       Berlin-Brandenburg einen Forderungskatalog formuliert. Was fordern Sie? 
       
       Voges: Wir hatten zur CSD-Saison als Verein sechs Forderungen aufgestellt
       und haben nun zusammen mit dem LSVD das Ganze kompakter gemacht und die
       drei wichtigsten Kernforderungen unterstrichen. Das ist erstens der Kampf
       gegen Hasskriminalität und Gewalt gegen queere Personen. Da geht es unter
       anderem darum, dass queere Menschen explizit im Berliner Gewalthilfegesetz
       aufgenommen werden, aber auch um den Erhalt und Ausbau niedrigschwelliger
       Anti-Gewalt-Projekte. Man muss auch den digitalen Raum stärker in den Fokus
       nehmen. Wenn man sich in den Kommentarspalten bewegt, sieht man, welchem
       Hass die queere Community teilweise ausgesetzt ist.
       
       taz: Was meint Ihre Forderung nach „ausdrücklicher Absicherung queerer
       Menschen im Berliner Gewalthilfegesetz“ konkret?
       
       Voges: Trans*, intergeschlechtliche, nicht-binäre, bisexuelle, schwule und
       lesbische Personen müssen die Möglichkeit haben, sich niedrigschwellig
       melden zu können, wenn sie Opfer von Gewalt in Beziehungen werden. Gewalt
       gibt es leider auch in queeren Beziehungen. Trans* Personen sind zum
       Beispiel überdurchschnittlich betroffen. Queere Menschen erleben aber
       erhebliche Hürden beim Zugang zu Schutz- und Beratungsangeboten. Die queere
       Community wurde bisher explizit nicht im Berliner Gewalthilfegesetz
       genannt. Das sollte sich ändern.
       
       taz: Eine zweite Forderung ist die nach einer dauerhaften Absicherung
       queerer Infrastruktur. Das ist ein Hilferuf nach ideeller und vor allem
       finanzieller Unterstützung. In Zeiten klammer Haushaltskassen ein frommer
       Wunsch? 
       
       Voges: Ich will nicht immer nur meckern. Berlin hat im weltweiten Vergleich
       sehr starke Förderstrukturen für die queere Community und gehört auch zur
       absoluten Spitzengruppe bei queerer Infrastruktur. Und trotzdem merken wir,
       dass es häufig noch nicht ausreicht. Die Beratungsstellen sind überlastet
       oder haben zu wenig Personal und queere Räume brechen weg oder müssen
       aufgrund zu hoher Mieten schließen. Berlin ist als Stadt der Freiheit für
       die queere Community ein wichtiger Zufluchtsort.
       
       taz: Was also tun? 
       
       Voges: Deshalb sollten wir einen hohen Anspruch an unsere queere soziale
       Infrastruktur haben. Da geht es natürlich einerseits darum, das, was wir
       haben, zu erhalten. Das wird ja immer schwieriger mit einem klammen
       Haushalt. Andererseits müssen wir gucken, in welchen Bereichen wir die
       queere Infrastruktur ausbauen müssen.
       
       taz: Sie fordern drittens von einer künftigen Regierung, die Bewerbung um
       den WorldPride 2032 politisch wie finanziell zu unterstützen. Zunächst
       sollten wir erklären, was der WorldPride ist, der diesen Sommer in
       Amsterdam stattfand. 
       
       Voges: Der [5][WorldPride ist das größte Pride-Ereignis] weltweit und
       findet alle zwei Jahre immer in einem anderen Land und häufig auch auf
       einem anderen Kontinent statt. Aber noch nie hier. Wir wollen ihn endlich
       mal nach Deutschland holen.
       
       taz: Warum braucht Berlin so einen WorldPride? 
       
       Voges: Wenn es eine Stadt gibt, die wie geschaffen ist für ein
       internationales Großereignis wie den WorldPride, dann ist es Berlin. Nach
       dem islamistischen Anschlag auf den CSD wäre es auch ein wichtiges Zeichen,
       wenn die neue Landesregierung das Vorhaben unterstützen würde.
       
       taz: Was würde so ein Megaevent kosten? 
       
       Voges: Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, welches Konzept man
       fährt. Für uns ist wichtig, dass wir ein Konzept entwickeln, wo die breite
       queere Community dahintersteht. Dazu machen wir im November ein
       Communityforum, um schon mal erste Leitplanken für ein mögliches Konzept
       festzulegen. Und eines steht fest: Ein internationales Großereignis wie der
       WorldPride bringt queere Menschen aus aller Welt nach Berlin. Schon jetzt
       hat der jährliche CSD einen erheblichen touristischen Effekt und die Stadt
       profitiert davon. Bei einem WorldPride würde sich das natürlich
       multiplizieren.
       
       taz: Ich muss gerade an die gescheiterte Olympia-Bewerbung Berlins denken.
       Statt Olympia der WorldPride in Berlin – das gefällt mir. 
       
       Voges: So ein Großereignis zieht sich über einen ganzen Monat. Wenn wir so
       einen WorldPride organisieren, sollten die Community-Strukturen nachhaltig
       davon profitieren. Das muss schon bei der Konzeptarbeit und in der
       Bewerbungsphase mitgedacht werden. Was bauen wir als Community in dieser
       Zeit für uns neu auf? Wo schaffen wir vielleicht Eigentum, um uns
       unabhängiger zu machen? Wir werden die Bewerbung mit einer Vision für die
       Community verbinden. Die Community soll am Ende vom WorldPride profitieren.
       
       taz: Die Pressemitteilung zu den Forderungen an die neue Regierung ist mit
       „Haltung ist hot“ überschrieben. Wie wichtig ist es, heute Haltung zu
       zeigen? 
       
       Voges: Haltung bleibt unverzichtbar. Gerade in einer Zeit, in der wir
       weltweit den Aufstieg des Faschismus erleben, ist es wichtig, sich breit
       zusammenzuschließen und gemeinsam Haltung zu zeigen. Wir erleben gerade,
       wie die liberale Demokratie unter Druck geraten kann, und der Angriff auf
       die queere Community ist immer auch ein Frühwarnsystem für eine Demokratie.
       Das hat man in der Türkei, in Russland, in Ungarn und in vielen anderen
       Ländern gesehen.
       
       taz: Leider. 
       
       Voges: Demokratie kann sich aber erneuern und muss jeden Tag verteidigt
       werden. Da kommt es auf jeden Einzelnen an. Die queere Community war schon
       immer eine mutige Bewegung. Der CSD ist aber auch ein Ort, wo sich viele
       andere aus der Gesellschaft einem gemeinsamen Anliegen anschließen und
       zusammen Haltung zeigen. Diesen Charakter werden wir ausbauen.
       
       taz: So gesehen blicken Sie wahrscheinlich frohen Mutes in die
       Koalitionsverhandlungen und hoffen auf ein rot-grün-rotes
       Regierungsbündnis? 
       
       Voges: Es ist ja nicht unsere Aufgabe, uns für ein bestimmtes
       Regierungsbündnis einzusetzen. Die Haushaltslage und gesellschaftlichen
       Spannungen werden auch eine große Herausforderung für eine mögliche
       rot-grün-rote Regierung. Und letztendlich wird es wahrscheinlich auch
       Differenzen geben zwischen dem, was die queere Community fordert und dem,
       was die künftige Regierung macht. Wir werden so wie in der Vergangenheit
       auch, den Finger in die Wunde legen, wo es notwendig ist, aber den Prozess
       auch konstruktiv begleiten. Letztendlich hätte die neue Regierung auch erst
       mal eine Chance verdient, und wenn es notwendig wird, poltern wir halt
       wieder ein bisschen!
       
       2 Nov 2026
       
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