# taz.de -- Queeres Leben abseits der Szene: „Allein die Präsenz schafft Sicherheit“
> Constanze Körner organisiert die Tage für lesbische* Sichtbarkeit in
> Marzahn. Denn Queers haben dort zunehmend Angst vor rechter Gewalt.
(IMG) Bild: Auch in Berlin noch nicht überall selbstverständlich akzeptiert: ein lesbisches Liebespaar auf dem Tempelhofer Feld
taz: Viele queere Menschen kommen nach Berlin, um sich hier frei zu
entfalten. Oder täuscht der Eindruck?
Constanze Körner: Queerfeindliche Gewalt, Polizeigewalt und
antifeministische Vorfälle haben auf jeden Fall zugenommen. Ob in Wort oder
Tat! Dadurch ist die Angst vor Gewalt in unserer Community wieder extrem
gestiegen. Als wir letztes Jahr zur „Marzahn Pride“-Demo aufgerufen haben,
mussten wir vom Ostkreuz aus von der Polizei eskortiert werden, weil rechte
Gruppen uns bedroht hatten. In Marzahn fand parallel eine rechte
Demonstration statt. Ich überlege heute viel mehr als früher, ob ich mit
meiner Partnerin Hand in Hand über die Straße laufe und wo ich das tue. In
Marzahn mache ich das zum Beispiel nicht mehr.
taz: Wer ist bei euch vor Ort besonders betroffen?
Constanze Körner: Wir haben viel mit jungen Queers aus der
FLINTA*-Community zu tun. In unserer Marzahner Jugendgruppe sind einige
Jugendliche schon ab 12 Jahren dabei. In der Gemeinschaft finden sich aber
alle Altersgruppen, auch 80-Jährige. Wir erleben aktuell vor allem, dass
Jugendzentren von rechten Gruppen belagert und Jugendliche dort abgefangen
werden. Ein Coming-out in einem normalen Jugendklub ist in solchen Bezirken
eigentlich nicht möglich.
taz: Gibt es auch Gegengewichte?
Constanze Körner: Ein Lichtblick ist die Alice Salomon Schule in
Hellersdorf, die viele queere Themen behandelt. Von dort wenden sich
ehemalige Schüler:innen an uns, die kreative Projekte umsetzen wollen.
Das steht im Kontrast zu den ganz Jungen, die sich nur über Social Media
vernetzen, und den älteren Lesben*, die oft gar keinen digitalen Zugang
haben und höchstens an Frauenzentren angedockt sind.
taz: Wo setzt ihr mit eurem Projekt L*Empowerment an?
Constanze Körner: Wir wollen Lesben* in Marzahn generell sichtbarer machen.
Dabei beziehen wir das lesbische Leben nicht nur auf Frauen, die
cisgeschlechtlich sind. Es gibt non-binäre Lesben, Interlesben,
Translesben. Lesbischsein ist keine normierte Kategorie für uns. Wir
begreifen diese Identität weiter als die reine Geschlechtsfrage und wollen
für alle queeren Menschen Strukturen schaffen, damit sie sich sicher fühlen
können.
taz: Was müsste sich dafür in Bezirken wie Marzahn ändern?
Constanze Körner: Wir bekommen aktuell schlicht zu wenig Geld, um
umfassende Angebote machen zu können. Es braucht mehr Räume, die physisch
im Stadtbild sichtbar sind. Allein diese Präsenz schafft Sicherheit.
Momentan hängt fast alles an der Eigeninitiative engagierter
Einzelpersonen. Wir haben zwar eine Queer-Beauftragte im Bezirksamt, aber
man kann sich Sorgen machen, ob diese Stelle langfristig erhalten bleibt.
taz: Am 26. April ist der Tag der Lesbischen* Sichtbarkeit. Das feiert ihr
mit Veranstaltungen am ganzen Wochenende. Was ist dabei euer Ziel?
Constanze Körner: Natürlich ist lesbische* Sichtbarkeit das Hauptthema.
Aber ich wünsche mir vor allem, dass sich die Menschen durch diese Formate
trauen, selbst sichtbar zu werden. Wir haben bewusst nach „schönen“
Formaten gesucht. Wir zeigen zum Beispiel Filme, die einen positiven,
empowernden Blick haben. Gerade, wenn um uns herum vieles negativ ist und
das Leben als lesbische* Frau in der aktuellen politischen Lage vielleicht
wieder gefährlicher oder mit mehr Ängsten besetzt wird, brauchen wir Orte,
an denen man Lust hat, teilzunehmen. Es soll nicht nur um das Leid gehen,
sondern um etwas, das stärkt. Wir wollen Sichtbarkeit über Musik, Film und
Gemeinschaft herstellen, ohne die Menschen in ihrer Opferrolle zu zeigen.
taz: Wen erwartet ihr als Publikum bei euren Veranstaltungen?
Constanze Körner: Es ist definitiv ein anderes Publikum als in Kreuzberg
oder Schöneberg. In einem Außenbezirk wie Marzahn-Hellersdorf ist die Lage
oft angespannter, auch politisch. Viele queere Menschen existieren hier
eher zurückgezogen. Wir haben oft mit lesbischen* Frauen zu tun, die schon
seit den 70er-Jahren in ihren Wohnungen leben, kaum Familienanbindung haben
und sehr unter Einsamkeit leiden. Während Corona war das ein besonders
großes Problem. Deshalb haben wir L*Empowerment im Februar 2020
gegründet.
Was ist euer Ziel, damals und heute?
Der Austausch zwischen allen Generationen. Wenn sich Menschen
unterschiedlicher Altersgruppen begegnen und merken, dass es hier im Bezirk
Strukturen gibt, die sie auffangen, dann haben wir viel erreicht. Wir
brauchen eine Gesamtstrategie, damit queeres Leben in den Außenbezirken
keine Mutprobe mehr ist, sondern Normalität.
23 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
## TAGS
(DIR) Social-Auswahl
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