# taz.de -- Forschungspreis gegen Tierversuche: Es droht die Einschläferung
> Hamburgs Preis für Forschung an Alternativen zu Tierversuchen wird dieses
> Jahr nicht verliehen. Die Linksfraktion fürchtet, dass er eingestellt
> wird.
(IMG) Bild: Alternativen zur Forschung an Tieren sind oft präziser und schneller – und verursachen kein Leid: Rhesus-Affe mit Implantat
Er war als ambitioniertes politisches Projekt von SPD und Grünen gestartet,
nun droht dem Hamburger Forschungspreis für Alternativen zum Tierversuch
ein schleichendes Ende. Wie aus einer [1][Antwort des Senats auf eine
parlamentarische Anfrage der Linksfraktion] hervorgeht, fällt die für
dieses Jahr eigentlich anstehende Verleihung komplett aus.
Auch für das kommende Jahr steht in den Sternen, ob überhaupt Finanzmittel
für den Preis bereitgestellt werden. Damit könnte ein wichtiges Instrument
zur Förderung tierversuchsfreier Forschung vor dem Aus stehen.
Ins Leben gerufen hatte den „Preis zur Förderung der Entwicklung von
Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch“ [2][im Jahr 2016] die
rot-grüne Koalition. Die Bürgerschaft beschloss damals, [3][die
Auszeichnung alle zwei Jahren zu vergeben], um herausragende
wissenschaftliche Arbeiten zu honorieren, die helfen, Tierversuche zu
ersetzen oder zu reduzieren.
Tatsächlich wurde der Zweijahresrhythmus nur in den Anfangsjahren, 2016 und
2018, eingehalten, wie der Senat in seiner Antwort einräumt. Erst 2021
wurde der Preis zum dritten Mal verliehen, ein weiteres Mal 2024.
Ausgezeichnet wurden dabei etwa Projekte wie [4][ein Reporterhautmodell],
mit dem chemische Substanzen auf toxische Wirkungen untersucht werden
können, oder eine digitale „Landkarte“ für Nieren-Organoide, die bereits
existierende künstliche Organmodelle erfasst, damit Forschende weltweit
leichter das passende tierfreie Modell für ihre Nierenforschung finden.
Die zuletzt ausgezeichneten Projekte „haben das Potenzial, die Forschung zu
revolutionieren, und leisten einen erheblichen Beitrag zu mehr Tierschutz“,
sagte die grüne Verbraucherschutzsenatorin Anna Gallina (Grüne) bei der
Preisverleihung 2024. Mit dem Preis wolle der Senat „die Entwicklung hin zu
einer Zukunft ohne Tierversuche aktiv unterstützen“, betonte die ebenfalls
grüne Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank.
## Nicht im Zeitplan
Aber nun bricht der Zeitplan für die Vergabe des Preises offenbar
vollkommen ein: Mit der Arbeit an der fünften Ausgabe wurde nach Angaben
des Senats „aus organisatorischen Gründen“ erst am 1. September dieses
Jahres begonnen. Eine behördenübergreifende Abstimmung findet demnach erst
in diesem Quartal statt. Konkrete Termine für eine Ausschreibung oder eine
etwaige Verleihung sind offen.
Auch die Finanzierung ist unklar. Der Preis ist traditionell mit einer
Summe von 50.000 Euro dotiert. Aber ob dieses Geld im kommenden Jahr
fließen kann, ist laut Senat ungewiss: „Ob und in welcher Form eine
Bereitstellung von Mitteln im Jahr 2027 erfolgen kann, ist zu prüfen“,
heißt es schlicht in der Antwort auf die Linken-Anfrage.
Zudem verabschiedet sich der Senat offenbar auch von der bisherigen
Verbindlichkeit. Künftig solle die Auszeichnung nur noch „regelmäßig“
vergeben werden – in Abhängigkeit von den „zur Verfügung stehenden
Ressourcen“.
Die Linksfraktion fordert in einem Bürgerschaftsantrag, dass die
Regierungsfraktionen zu ihrem eigenen Beschluss zurückkehren. Der Senat
müsse den Preis wieder verlässlich im Zweijahresrhythmus ausschreiben und
das Preisgeld garantieren.
„Bei jeder Verleihung haben sich Senatorinnen gern mit diesem Preis
fotografieren lassen. Jetzt, wo er Arbeit und Geld kostet, wird er still
und leise beerdigt“, kritisiert ihr tierschutzpolitischer Sprecher Stephan
Jersch. „Wer Forschende zu tierversuchsfreien Methoden motivieren will,
muss verlässlich sein. Ein Preis, von dem keiner weiß, ob und wann er
kommt, setzt keine Anreize – ganz offensichtlich steht der Senat nicht mehr
hinter diesem Preis und seiner Zielsetzung.“
## Vielversprechende Alternativen
Trotz jahrzehntelanger Kritik von Tierschutzverbänden und Teilen der
Wissenschaft gehören [5][Tierversuche in der biomedizinischen
Grundlagenforschung und in der pharmazeutischen und toxikologischen Prüfung
nach wie vor zum Standard].
Kritiker:innen bemängeln dabei nicht nur die ethische Vertretbarkeit
und das massive Leiden der Versuchstiere, sondern auch die
wissenschaftliche Aussagekraft. Denn wegen biologischer und genetischer
Unterschiede zwischen Mensch und Tier lassen sich die Ergebnisse von
Tierversuchen oft nur eingeschränkt auf den Menschen übertragen. Gefordert
wird deshalb seit Jahren ein grundsätzlicher Ausstieg aus dem Tierversuch.
Dass es längst vielversprechende Wege gibt, zeigt die [6][Forschung an
Ersatzmethoden]. Von dreidimensionalen Zellkulturen und [7][organähnlichen
Minigeweben], sogenannten Organoiden, über computergestützte
[8][Simulationen auch mit künstlicher Intelligenz] bis hin zu sogenannten
„Organs-on-a-Chip“ gibt es immer ausgefeiltere Instrumente, um menschliche
Physiologie und Krankheiten im Labor abzubilden.
Organs-on-a-Chip sind künstliche Zellkultursysteme in der Größe eines
USB-Sticks, die die Struktur und Funktion menschlicher Organe nachbilden.
Die Chips enthalten winzige Kanäle, die mit lebenden menschlichen Organ-
und Blutgefäßzellen besiedelt sind.
Aber der Übergang von der herkömmlichen Praxis zu innovativen Technologien
kostet viel und braucht spezialisierte Labore. Gerade deshalb sind
Anschubfinanzierungen wie der Hamburger Forschungspreis für Forschende ein
wichtiges Signal.
## Neue Professur für Reduktion von Tierversuchen
Die Behörden für Verbraucherschutz und Forschung betonen, dass die
Hamburger Hochschulen „im Rahmen der ihnen durch die Hamburger
Zukunftsverträge bereitgestellten Mittel“ weiterhin „an einer Reduktion von
Tierversuchen in der Lehre“ arbeiteten. So habe die Universität Hamburg im
vergangenen und in diesem Jahr Tierschutztage veranstaltet. Am
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) sei zudem eine Professur für
3R-Methoden eingerichtet und das [9][Hamburg Center of 3R Research] als
Vernetzungsplattform etabliert worden.
3R steht für Replace (ersetzen), Reduce (verringern), Refinement
(verbessern). Das Rahmenkonzept soll helfen, Tierversuche auf das
notwendige Maß zu beschränken und das Leiden der Tiere so gering wie
möglich zu halten. Das 3R-Center fördert derzeit drei Projekte, etwa zu
3D-gedruckten Trainingsmodellen oder Plazentamodellen als Alternativen,
über zwei Jahre mit insgesamt rund 250.000 Euro.
28 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F105498%2F23_05581_faellt_der_fuenfte_hamburger_forschungspreis_fuer_alternativen_zum_tierversuch_aus
(DIR) [2] /Tierversuche/!5301716
(DIR) [3] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%253A%252F%252Fwww.buergerschaft-hh.de%252Fparldok%252Fdokument%252F61514%252F21_12241_forschungstierhaus_am_uke_und_alternativen_zum_tierversuch
(DIR) [4] https://www.igb.fraunhofer.de/de/presse-medien/presseinformationen/2024/reporterhautmodell-mit-hamburger-forschungspreis-fuer-alternativ.html
(DIR) [5] /Zukunft-der-Tierversuche/!5821236
(DIR) [6] /Bioingenieur-ueber-Tierversuche/!5913447
(DIR) [7] /Alternativen-zu-Tierversuchen/!5913446
(DIR) [8] /Medizinische-Forschung-KI-koennte-die-Anzahl-von-Tierversuchen-deutlich-verringern/!6178253
(DIR) [9] https://www.uke.de/organisationsstruktur/medizinische-fakult%C3%A4t/hamburg-center-of-3r-research/index.html
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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