# taz.de -- Präsidentschaftswahl in Bulgarien: Kreml-Freundin ist klare Favoritin
       
       > Staatschefin Ilijana Jotowa dürfte die erste Runde der Präsidentenwahl am
       > Sonntag für sich entscheiden. Die Ex-Sozialistin ist klar auf
       > Russland-Kurs.
       
 (IMG) Bild: „Für ein Bulgarien in sicheren Händen“: Wahlplakat von Ilijana Jotowa
       
       Sie gibt sich siegessicher, und die Umfragen geben [1][Ilijana Jotowa]
       recht. An diesem Sonntag wird in Bulgarien, Mitglied der EU und der Nato,
       ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Die derzeitige Interims-Präsidentin, die
       seit Januar dieses Jahres im Amt ist, wird derzeit bei 45 Prozent
       gehandelt. Auf dem zweiten Platz dürfte Andrej Gjurow landen, dem 25 bis 30
       Prozent vorausgesagt werden. Die restlichen 25 Kandidat*innen sind
       Staffage. Kommt keine/r der Bewerber*innen auf mehr als 50 Prozent der
       Stimmen ist am 1. November eine Stichwahl fällig.
       
       Jotowa, ehemals Mitglied der russlandfreundlichen Sozialistischen Partei
       (BSP), war bis zum vergangenen Januar Vizepräsidentin an der Seite [2][des
       aktuellen Regierungschefs Rumen Radew]. Der trat vorfristig zurück, mit
       seiner neu gegründeten Partei „Progressives Bulgarien“ bei den
       Parlamentswahlen im April an und holte auf Anbieb 131 von 240 Mandaten.
       Fast schon müßig zu erwähnen, dass Jotowa die volle Rückendeckung Radews
       hat. Der Banker Andrej Gjurow, in diesem Jahr einige Monate lang
       Interims-Regierungschef, wird von den proeuropäischen Oppositionsparteien
       „Wir setzen den Wandel fort (PP)“ und „Demokratisches Bulgarien (DB)“
       unterstützt.
       
       Zwar hat das Staatsoberhaupt in Bulgarien vor allem repräsentative
       Aufgaben, ist jedoch Oberbefehlshaber der Streitkräfte, schließt
       internationale Verträge ab und hat die Möglichkeit, Gesetze mit einem Veto
       zu belegen. Und genau diese Vollmachten könnten künftig wichtig werden.
       
       Im Wahlkampf hatte sich Jotowa, im Einklang mit Radew, in Sachen
       Unterstützung für die Ukraine gegen die „Koalition der Willigen“
       ausgesprochen. Stattdessen brauche es eine Koalition des Friedens, in der
       Bulgarien eine stärkere diplomatische Stimme haben werde, um den Krieg zu
       beenden. Solange sie Präsidentin sei, werde kein bulgarischer Soldat in die
       Ukraine geschickt, hatte sie gesagt. Das war und ist bislang kein Thema in
       der öffentlichen Debatte. Zudem gibt es eine Erklärung des bulgarischen
       Parlaments von 2025, wonach sich bulgarische Truppen nicht an
       Militäreinsätzen auf ukrainischem Territorium beteiligen werden.
       
       ## Bedrohlich nahe
       
       Im vergangenen Juli hatte sich Radew aus der „Koalition der Willigen“
       zurückgezogen, auch hatte die Regierung eine Teilnahme an der
       Drohnenabwehrinitiative der Nato abgelehnt. Letzteres änderte sich
       schlagartig Mitte Oktober. Denn Russlands völkerrechtswidriger
       Angriffskrieg gegen die Ukraine ist mittlerweile auch dem
       Schwarzmeeranrainerstaat bedrohlich nahe gekommen.
       
       Am 6. und 13. Oktober wurden mehrfach Handelsschiffe in der bulgarischen
       Wirtschaftszone bzw. knapp außerhalb der bulgarischen Hoheitsgewässer von
       Drohnen angegriffen. Bereits einen Tag später kündigte
       Verteidigungsminister Dimitar Stojanow an, Sofia werde der Initiative bis
       Ende Oktober beitreten.
       
       Bezeichnend hingegen waren die Reaktionen von Jotowa und Radew. Nach dem
       ersten Drohnenangriff berief Jotowa den Nationalen Sicherheitsrat ein. In
       einer anschließenden Erklärung fehlte jeglicher Hinweis auf den Urheber der
       Bedrohung. Nach dem zweiten Angriff meldete sich auch Radew zu Wort. „Uns
       fehlen stichhaltige, eindeutige Beweise, um einer bestimmten Partei
       Vorwürfe zu machen. Die Logik legt jedoch nahe, dass das Ergebnis Russland
       in die Hände spielt“, sagte der Regierungschef und ließ den russischen
       Botschafter einbestellen.
       
       „Die Eskalation des Krieges durch Russland und dessen aggressive Aktionen
       auf dem Territorium von Nato-Mitgliedstaaten erfordern eine geschlossene
       bulgarische Haltung“, schreibt der bulgarische Politikwissenschaftler
       Daniel Smilow in einem Gastbeitrag für die Deutsche Welle. Und weiter: „Die
       von Radew und Jotowa an den Tag gelegte ‚strategische Mehrdeutigkeit‘ in
       Bezug auf den Krieg in der Ukraine entwickelt sich zunehmend zu einer
       ernsten Belastung für Bulgarien: Russland hat uns zum Feind erklärt,
       während unsere Partner in Nato und EU sich fragen, wie unser tatsächlicher
       Standpunkt aussieht. Sie könnten uns sogar als das schwache Glied
       betrachten, das in erheblichem Maße von russischem Einfluss durchdrungen
       ist.“
       
       ## Kleine Proteste
       
       Das sehen offensichtlich auch Menschen in Bulgarien so. Mehrmals kam es in
       der Hauptstadt Sofia zu wenn auch kleineren Protesten gegen den
       außenpolitischen Schlingerkurs der Regierung. Beobachter*innen
       konstatieren einen leichten Rückgang der Zustimmungswerte für Jotowa. Doch
       ob Andrej Gjurow – er gilt als Unterstützer der Ukraine und adressiert eine
       proeuropäische, liberale sowie städtische Wähler*innenschaft – im Falle
       einer Stichwahl daraus politisches Kapital schlagen kann, ist fraglich.
       
       „Ein Sieg des Kandidaten des Regierungslagers würde es Bulgarien
       ermöglichen, den Weg Ungarns unter Viktor Orbán einzuschlagen – geprägt von
       zunehmenden autoritären Tendenzen, dem Schutz russischer Interessen und
       antieuropäischen Kampagnen“, heißt es in einer Analyse auf der ukrainischen
       Webseite Ukrainska Pravda. „Ein Sieg des Oppositionskandidaten hingegen
       würde zwar keinen raschen Kurswechsel für Bulgarien garantieren, aber er
       böte die Chance darauf in nicht allzu ferner Zukunft.“
       
       25 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Praesidentschaftswahl-in-Bulgarien/!6220696
 (DIR) [2] /Sieg-von-Rumen-Radew-in-Bulgarien-Ein-schwieriger-Partner-fuer-die-EU/!6172399
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Oertel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Bulgarien
 (DIR) Präsidentenwahl
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Bulgarien: Stichwahl entscheidet über Staatsoberhaupt
       
       Bulgariens Präsidentin Ilijana Jotowa liegt im ersten Wahlgang
       erwartungsgemäß vorn. Überraschend ist ihr relativ knapper Vorsprung.
       
 (DIR) Wahlen auf dem Balkan: Populisten sind schlecht für das Wachstum
       
       Während in den liberal regierten Ländern Polen und Ungarn die Wirtschaft in
       Fahrt gerät, kommen Bulgarien, Serbien und Rumänien unter die Räder.
       
 (DIR) Neue Regierung in Bulgarien: Rumen Radew legt los
       
       Die neue bulgarische Regierung ist seit Freitag im Amt. Auf ihrem Programm
       steht auch eine Verbesserung der Beziehungen zu Russland.
       
 (DIR) Parlamentswahlen in Bulgarien: Russland-Freund Radew klar vorn
       
       Bulgarien hat gewählt und Ex-Präsident Rumen Radew dürfte sich zum Sieger
       erklären. Seine Wahl ist auch eine klare Ansage an Brüssel im Ukraine-Kurs.
       
 (DIR) Parlamentswahl in Bulgarien: Die Rumen-Show
       
       Die Bulgaren wählen – zum achten Mal seit 2021. Aussichtsreichster Kandidat
       ist Ex-Präsident Rumen Radew, ein Populist und Russlandfreund.