# taz.de -- Journalistin zu Serbien-Wahl: „Ich glaube nicht, dass dieses Parlament lange Bestand hat“
       
       > Serbiens Studenten haben die Wahl gewonnen. Die Journalistin Biljana
       > Stepanović rechnet trotzdem mit baldigen Neuwahlen. Warum?
       
 (IMG) Bild: Wahlplakat von Aleksandar Vučić in Belgrad: Wie wird er sich in dem neuen Parlament verhalten?
       
       taz: Frau Stepanović, [1][die Studentenliste hat die absolute Mehrheit
       gewonnen], während die bisherigen Oppositionsparteien nicht genug Stimmen
       erhielten, um ins Parlament einzuziehen. Was bedeutet das? 
       
       Biljana Stepanović: Das Parlament gleicht nun einem klassischen
       Zweiparteiensystem, das ist neu für uns. Neben der Studentenliste sind nur
       noch die Fortschrittspartei SNS unter Vučić und Listen nationaler
       Minderheiten vertreten. Ich glaube nicht, dass dieses Parlament lange
       Bestand hat. Hier stehen sich zwei Seiten gegenüber, die nicht nur
       politisch, sondern in ihren Werten unvereinbar sind.
       
       taz: Woran machen Sie diesen Gegensatz fest? 
       
       Stepanović: Die SNS ist tief mit der organisierten Kriminalität
       verflochten. Die Studentenliste ist das Gegenteil. Es wird auch noch
       Präsidentschaftswahlen geben, und dafür hat die SNS keine guten Kandidaten.
       Ich wäre nicht überrascht, wenn es schon im Frühjahr Neuwahlen gibt, bei
       denen die SNS vielleicht gar nicht mehr antritt. Eine Priorität der
       Studentenliste ist es, die Medien unabhängiger zu machen. Dann könnten
       viele Menschen erkennen, welche Skandale die SNS jahrelang verschwiegen
       hat.
       
       taz: [2][Aleksandar Vučić] hat angekündigt, in die Opposition zu gehen. Was
       ist von ihm zu erwarten?
       
       Stepanović: Das, was wir schon in den Neunzigern sahen, als er in der
       Radikalen Partei Oppositioneller war. Er scheut weder Mittel noch Worte.
       Schon vor dem Eingeständnis der Niederlage kündigte er an, seine Gegner
       nicht zu schonen und das Schlimmste über sie auszubreiten. Wir müssen mit
       der schmutzigsten Kampagne rechnen. Fraglich bleibt nur, ob er im Parlament
       überhaupt sprechen wird. Auch deshalb halte ich die Lage für unhaltbar.
       
       taz: Im Wahlkampf spielten die Oppositionsparteien kaum eine Rolle. Was
       bedeutet das? 
       
       Stepanović: Am klügsten handelte die Demokratische Partei. Sie verließ das
       Parlament, weil es keinen Sinn mehr hatte. Es gab keine Debatten. Dann
       schloss sie sich den Studenten an und stellte ihnen alle Ressourcen zur
       Verfügung. Zwei, drei weitere Parteien folgten kurz vor der Wahl. Die
       anderen traten an, obwohl es am Ende eigentlich ein Referendum war: SNS
       oder die Studentenliste. Alle anderen Parteien scheiterten an der
       Sperrklausel. Für den Pluralismus braucht Serbien aber starke Parteien, vor
       allem demokratischer Prägung. Ich erwarte eine neue Opposition.
       
       taz: In anderen europäischen Ländern gibt es ebenfalls Studentenproteste.
       [3][Auch im Nachbarland Albanien]. Was können sie von Serbien lernen? 
       
       Stepanović: Dieser Protest hat gezeigt, dass man friedlich, mit Ausdauer
       und Verstand etwas erreichen kann. Die Studenten haben nichts angezündet,
       nichts zerstört, sie räumten bei Kundgebungen sogar ihren Müll selbst weg.
       Sie ertrugen Schläge und Verhaftungen und schlugen nicht zurück. Das war
       ein Kampf in der Tradition Gandhis. Ich will niemandem Ratschläge erteilen,
       aber die Establishments in Europa verstehen diese jungen Menschen kaum. Das
       war Vučić’ Problem: Er hat sie nicht verstanden und mit alten Methoden
       bekämpft. Auch für die EU ist das eine Lehre. Sie hat die Geschichte vom
       serbischen Weg nach Europa mitgespielt, obwohl sich Serbien von
       europäischen Werten stets entfernt hat.
       
       taz: Wie wird die Regierung aussehen? 
       
       Stepanović: Die Studenten haben eine Expertenregierung versprochen. Das war
       ein Hauptmotiv, sie zu wählen: Die SNS installierte Loyalisten ohne jede
       Qualifikation in Ministerien und Staatsbetrieben. Es spielte keine Rolle,
       wer dort saß. Entschieden hat ohnehin Vučić. Jetzt müssen Rechtsstaat,
       Leistung und Anstand zurückkehren. Die Studentenliste hat die Mehrheit und
       kann eine Regierung ohne Kompromisse bilden.
       
       26 Oct 2026
       
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