# taz.de -- Erste Sitzung im neuen Abgeordnetenhaus: Ein Hauptthema, das nicht auf der Tagesordnung steht
       
       > Das Parlament wählt Hendrikje Klein als erste Linke zur Präsidentin und
       > lässt den AfDler Trefzer durchfallen. Doch eigentlich geht es um etwas
       > anderes.
       
 (IMG) Bild: Elif Eralp gratuliert Hendrikje Klein (r.) als neuer Parlamentspräsidentin. Sie selbst will zur Regierungschefin gewählt werden
       
       Eigentlich hätte es schon genug Interessantes in der ersten Sitzung des am
       20. September gewählten neuen Abgeordnetenhauses gegeben. Die erste
       Parlamentspräsidentin von der Linkspartei stand an diesem Donnerstagmorgen
       zur Wahl an, die AfD würde erstmals einen Stellvertreterposten
       beanspruchen. Und dann war zu befürchten, dass Alterspräsident Kurt Wansner
       von der CDU [1][wieder eine nicht wirklich präsidiale Rede] halten würde.
       
       Doch das eigentliche Thema an diesem Morgen steht nicht auf der
       Tagesordnung und dominiert doch die Gespräche auf den Gängen des
       Parlaments. Es ist die Frage, ob die ins Rote Rathaus strebende Elif Eralp
       von der Linkspartei tatsächlich Angst vor Terrorsympathisanten und
       Israel-Hassern hat. Das hat das Magazin Der Spiegel in einem [2][wenige
       Stunden vor Sitzungsbeginn veröffentlichten] Text nahegelegt.
       
       Zudem hat sich SPD-Fraktions- und Landesparteichef Steffen Krach [3][am
       Vorabend in der Talkshow „Markus Lanz“] deutlicher denn festgelegt, dass es
       keine rot-grün-rote Koalition geben wird, wenn die Abgeordnete Vanessa Emde
       Teil der Linksfraktion bleibt. „Dann werden wir keine Koalition haben“,
       sagt Krach dort nach mehrfachem Nachfragen. Emde [4][leugnet das
       Existenzrecht Israels].
       
       Die Frau, an der also laut Krach ein Linksbündnis hängen soll, sitzt in der
       Mitte der sechsten und hintersten Reihe der 44-köpfigen Linksfraktion.
       Wieder trägt sie den mehrfarbigen breiten Schal über der Schulter, der in
       den vergangenen Wochen auf schier jedem Bild von ihr zu sehen war. Emde
       klatscht wie andere Abgeordnete aus ihrer Fraktion, als Alterspräsident
       Wansner sagt: „Angriffe auf jüdische Menschen in unserer Stadt dürfen sich
       niemals wiederholen.“
       
       Wansner, der am nächsten Tag 79 Jahre werden wird, hält überhaupt eine
       gänzlich andere Rede als bei der Parlamentseröffnung 2021. Damals zeichnete
       er als Alterspräsident [5][ein düsteres Bild von Berlin] und bekam von der
       AfD teilweise weit mehr Beifall als von seiner eigenen CDU. Nun gibt es für
       Worte, die den Wert der Demokratie beschwören, auch Applaus von der
       Linksfraktion und später Dankesworte der neuen, 46-jährigen
       Parlamentspräsidentin Hendrikje Klein.
       
       ## Klein will überparteilich sein
       
       Für sie, die erste Linke und erste Ostberlinerin in diesem Amt, stimmen 98
       der 149 Parlamentarier im Saal. Das sind 10 Stimmen mehr, als Linkspartei,
       Grüne und SPD an diesem Morgen zusammen haben. Schon vorher war zu hören,
       dass sich auch einzelne CDU-Abgeordnete vorstellen könnten, Klein zu
       wählen.
       
       Sie, bislang parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Fraktion, gilt auch
       bei der CDU als gemäßigte Linke. Von ihr sind keine Reden mit Schaum vor
       dem Mund in Erinnerung, wohl aber fundierte Wortmeldungen zu
       Haushaltsfragen – in diesem Bereich leitete sie auch einen Unterausschuss
       des Parlaments.
       
       Als sie Alterspräsident Wansner nach 82 Minuten auf dem Podium vor den
       Abgeordneten ablöst, gibt sie einen Ausblick, wie sie sich ihren Job
       vorstellt. Das Amt verlange von ihr „Überparteilichkeit, aber keine
       Haltungslosigkeit“, sagt sie. Insbesondere auf den Respekt gegenüber Frauen
       will sie achten, Herabwürdigungen in Zwischenrufen unterbinden – was vor
       allem Richtung AfD geht.
       
       Sie, die Linke, zitiert Hanna-Renate Laurien von der CDU, 1991 bis 1995
       erste Frau an der Spitze des Abgeordnetenhauses. „Wer Fairness erwartet,
       sollte auch respektvoll zuhören können“, gibt Klein Worte ihrer
       Amtsvorgängerin wieder und erinnert auch an Lauriens Spitznamen
       „Hanna-Granata“, der für ihre Durchsetzungskraft stand.
       
       Und auch danach greift Klein nicht etwa zu Worten eines kommunistischen
       Vordenkers, sondern hat ein Zitat von SPD-Ikone Willy Brandt heraus
       gesucht. Der war nicht nur Berlins Regierungschef, sondern saß vorher in
       den 1950er Jahren wie nun Klein dem Abgeordnetenhaus vor, das damals im
       Rathaus Schöneberg tagte. Von dem übernimmt sie die Haltung, das Nachdenken
       sei „die eigentliche Hauptaufgabe des Parlaments“.
       
       Schon während der Stimmauszählung bei Kleins Wahl verschiebt sich der Blick
       der mehreren Dutzend Journalisten vom Plenarsaal in den Parlamentsflur im
       ersten Stock. Elif Eralp, die als Regierende Bürgermeisterin eine
       rot-grün-rote Koalition anführen möchte, hat dorthin gebeten. Sie nimmt
       kurz Stellung zu der Spiegel-Berichterstattung und müht sich, Stärke und
       Kampfbereitschaft zu vermitteln. „Wer sich um sich und seine Familie sorgt,
       muss sich nicht dafür schämen“, ergänzt neben ihr stehend der
       Landesvorsitzende der Linkspartei, Maximilian Schirmer.
       
       ## AfD mit mehr Stimmen als Sitzen
       
       Zurück im Plenarsaal steht die Wahl von Kleins Stellvertretern an. Zwei
       sieht die Landesverfassung vor, das Vorschlagsrecht haben die nach der
       Linkspartei größten Fraktionen, die CDU und die AfD. Christdemokratin
       Cornelia Seibeld, Vorgängerin von Klein, wird mit großer Mehrheit und nur
       33 Nein-Stimmen nun zur Vizepräsidentin gewählt. Was bedeutet, dass
       mindestens 11 der 44 Linksfraktionäre sie nicht abgelehnt haben.
       
       Der AfDler Martin Trefzer hingegen scheitert mit nur 40 Stimmen statt der
       nötigen 77. In der Wandelhalle vor dem Plenarsaal aber spricht er vor
       Journalisten von einem „Kracher-Ergebnis“, mit dem er „total happy“ sei.
       Das leitet er daraus ab, dass die AfD-Fraktion allein nur 29 Sitze hat, er
       also noch mindestens 11 Stimmen anderswoher bekommen haben muss. Die
       verortet Trefzer bei der CDU und sagt: „Die Brandmauer bröckelt.“ Die
       CDU-Spitze hatte ihre Abgeordneten angehalten, nicht für Trefzer zu
       stimmen. Der will zwar „irgendwann“ erneut kandidieren, aber nicht schon in
       der nächsten Parlamentssitzung. Der zweite Vizeposten bleibt währenddessen
       unbesetzt.
       
       Als die Stimmauszählung für weitere Präsidiumsmitglieder läuft, stellen
       sich in der Wandelhalle nun führende Grüne und wenig später auch SPDler
       Steffen Krach vor Kameras und Mikrofone, um sich zu Eralp als eigentlichem
       Thema des Tages zu äußern. Viel mehr Klarheit in Sachen Koalitionsbildung
       bringt jedoch auch das nicht. Das kann erst der Parteitag der Linkspartei
       am Samstag und nächste Fraktionssitzungen liefern.
       
       Wenn das Parlament in zwei Wochen wieder tagt, wird allein schon die
       Sitzordnung dort abbilden, ob Grüne und SPD weiter auf dem Weg Richtung
       Linksbündnis sind: Sitzt Vanessa Emde dann noch in der Mitte der sechsten
       Reihe der Linksfraktion, ob mit oder ohne Schal, wird dieser Weg laut Krach
       zu Ende sein.
       
       29 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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