# taz.de -- Sacharow-Preis für Strafgerichtshof: Die Vision einer Welt des Rechts
> Der Internationale Strafgerichtshof sollte die Straflosigkeit schwerster
> Verbrechen beenden. Jetzt steht er unter Druck wie nie seit seiner
> Gründung.
(IMG) Bild: Richterin Tomoko Akane, Präsidentin des Internationalen Strafgerichtshofs. Der hat den Sacharow-Preis 2026 erhalten
Mit der [1][Verleihung des Sacharow-Preises an den Internationalen
Strafgerichtshof (IStGH)] und seine Mitarbeiter*innen stellt sich das
Europaparlament höchstsymbolisch an die Seite einer Institution, die seit
ihrer Gründung mit heftigem Gegenwind zu kämpfen hatte. Dass allerdings die
Regierung der Vereinigten Staaten einmal ein Ultimatum ausrufen und drohen
würden, man werde [2][„dem Gerichtshof ein Ende setzen“], das hatte denn
wohl doch niemand gedacht, als im Juli 1998 nach langen Verhandlungen mit
den Stimmen von 120 Staaten das Rom-Statut des Internationalen
Strafgerichtshof verabschiedet wurde.
Damit sollte der seit dem Zweiten Weltkrieg und den Nürnberger
Kriegsverbrecherprozessen gehegte Wunsch Wirklichkeit werden, mit einer
permanenten internationalen Justizbehörde der weitgehenden Straflosigkeit
für schwerste Menschenrechtsverbrechen entgegenzutreten. Niemand, auch kein
Staats-, Regierungs- oder Armeechef, sollte sich fürderhin in der
Gewissheit wiegen können, für Verbrechen niemals belangt zu werden.
Erfahrungen, wie sie zuvor in den Ad-hoc-Tribunalen zum Völkermord in
Ruanda und den Verbrechen der Jugoslawien-Kriege gemacht worden waren,
flossen in Aufbau und Arbeitsweise des neuen Gerichtshofs ein.
Die damalige US-Regierung unter Präsident Bill Clinton war an den
Verhandlungen kontinuierlich beteiligt gewesen. Deutsche Verhandler, wie
der spätere IStGH-Richter [3][Hans-Peter Kaul], litten sichtlich unter all
den Hürden und Sonderbestimmungen, die die US-Unterhändler in das Dokument
hereinverhandelten. Aber es war klar, dass der Gerichtshof viel stärker
würde, wären die USA an Bord, deshalb war man zu einigen Konzessionen
bereit. Nur um dann zu erleben, dass Clinton seine Unterschrift wieder
zurückzog, die USA sich aus dem Statut zurückzogen und ihrerseits
Vorkehrungen trafen um zu verhindern, dass jemals US-Bürger vor dem Gericht
angeklagt werden könnten.
2002, nach der 60. Ratifizierung des Statuts durch einen Vertragsstaat,
nahm der IStGH in Den Haag seine Arbeit auf – praktisch gleichzeitig mit
dem Beginn des von der US-Regierung unter George W. Bush ausgerufenen
„Kriegs gegen den Terror“. Aber für die damit verbundenen Verbrechen, von
Folter bis zu CIA-Geheimgefängnissen, war der IStGH nicht zuständig – die
USA waren kein Vertragsstaat. Stattdessen richteten sich in den ersten
Jahren praktisch alle Ermittlungs- und Strafverfahren des IStGH gegen
Angeklagte des afrikanischen Kontinents. Die erste Verhaftung und
Verurteilung galt dem kongolesischen Milizenführer [4][Thomas Lubanga].
## Im Visier Trumps und Netanjahus
Angesichts des Angriffskriegs der USA gegen den Irak ab 2003 und seiner
verheerenden Folgen, die vollkommen straflos blieben, kam es insbesondere
in Ländern des Globalen Südens zu durchaus lautstarker Kritik an
Doppelstandards in der Anwendung internationalen Rechts. Einige
afrikanische Staaten, darunter Südafrika, erwogen ihren Austritt, auch wenn
den dann nur Burundi tatsächlich vollzog. Der Gerichtshof selbst konnte
daran allerdings wenig ändern.
Schon in der ersten Amtszeit Donald Trumps verhängten die USA Sanktionen
gegen Gerichtshof und einzelne Mitarbeiter*innen. Sie wurden unter Trumps
Nachfolger Joe Biden wieder aufgehoben. Mit Trumps zweiter Amtszeit und den
[5][Haftbefehlen gegen den israelischen Premier Benjamin Netanjahu und
seinen damaligen Verteidigungsminister Joav Galant] wegen Verbrechen in
Gaza 2024 verschärfte sich der Ton aus Washington zusehends. Im gleichen
Jahr wurde bekannt, dass der israelische Geheimdienst neun Jahre lang
Spionage- und Einschüchterungskampagnen gegen das Gericht gefahren hatte.
Der Gerichtshof hat seine Vision einer Welt, in der sich auch Herrscher an
internationales Recht halten und Menschenrechtsverletzungen konsequent
verfolgt werden, nicht in Gänze verwirklichen können. 24 Jahre nach seiner
Konstituierung geht es jetzt darum, wenigstens das zu verteidigen, was
bislang an Struktur hat geschaffen werden können. Die Verleihung des
Sacharow-Preises dürfte da nicht reichen.
22 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Bernd Pickert
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