# taz.de -- Wozu das AfD-Leak führen kann: Gamechanger für ein Parteiverbot?
> Die AfD-Mails können Belege in einem Verbotsverfahren werden, sagt
> Rechtsanwalt Chan-jo Jun. Wie ist die Partei mit rechtsextremen Vorfällen
> umgegangen?
(IMG) Bild: Deutschlandfahnen beim Parteitag der Rechtsextremen in Erfurt
Die AfD möchte lieber nicht über ihre internen Mails sprechen. Mehr als
420.000 davon sind seit Montag im Internet. Am Dienstag sprach die Partei
zwar von einem „Hackerangriff“ auf ihren Hosting-Dienstleister, erklärte am
Mittwoch aber, Fragen zum Inhalt nicht zu beantworten. Die Daten solle
niemand nutzen oder verbreiten. Die Echtheit des Bestands ist nicht
abschließend belegt, vieles spricht jedoch dafür.
[1][Die Mails reichen von 2026 bis ins Jahr 2013 zurück, also tief in die
Parteigeschichte.] Enthalten sind darin Unterlagen zu Ausschlussverfahren
ebenso wie interne Strategiepapiere. Auch Postfächer der
Parteischiedsgerichte sollen betroffen sein. Was lässt sich daraus über die
AfD als Ganzes sagen?
Der Würzburger Rechtsanwalt Chan-jo Jun hält auf Grundlage der Mails eine
neue Bewertung der Partei für möglich. Der Leak könnte ein „Gamechanger“
für ein [2][Verbotsverfahren der AfD] sein, sagt der IT-Rechtsexperte der
taz. Vorausgesetzt, die Daten sind authentisch – wovon der Rechtsanwalt
ausgeht.
Jun durchstöberte den Datenwust dabei vor allem nach Belegen, dass
Parteiorgane von verfassungsfeindlichen Vorgängen wussten. Und besonders,
wie sie damit umgegangen sind. „Es fehlte uns nie an Material für
verfassungsfeindliche Bestrebungen, sondern das, was uns die ganze Zeit
fehlte, ist die Zurechnung, nämlich der Nachweis, dass das der
Parteiführung oder Parteiorganen bekannt war.“
## Welches Material für AfD-Verbot interessant ist
Dafür könnten Schiedsgerichtsunterlagen wichtig sein, die Fragen
beantworten wie diese: Was wurde einem Mitglied vorgeworfen? Wie begründete
das Parteigericht seine Entscheidung, ein Mitglied auszuschließen oder
nicht? An solchen Schriftwechseln zeige sich, wie die Partei mit radikalen
Mitgliedern umgegangen sei, so Jun.
Relevant könnte zum Beispiel die Begründung oder Ablehnung eines
Beschlusses sein. Ein gescheiterter Ausschluss allein belege jedoch noch
keine Zustimmung der Gesamtpartei zu Äußerungen des Mitglieds. Doch nun,
anhand des riesigen Datenmaterials, lasse sich eben viel tiefgreifender
nachvollziehen. Etwas, was den Verfassungsschutzämtern lange schon legal
möglich gewesen wäre, wie Jun betont.
Die zweite Art Daten, die für ein Verbotsverfahren interessant sein
könnten, sind laut Jun diejenigen, die ein planmäßiges, innerparteiliches
Vorgehen zur Beeinträchtigung oder Beseitigung der
freiheitlich-demokratischen Grundordnung belegen. So können interne
Strategiepapiere zeigen, ob hinter öffentlichen Äußerungen eine gemeinsame
politische Absicht steht. Bisher habe man Planung häufig aus dem
öffentlichen Verhalten ableiten müssen, sagt er, dies sei nun anders.
Hinzukommen müssen gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass die Partei mit
ihrem Vorhaben Erfolg haben könnte.
Bleibt die Frage, ob gehackte Mails überhaupt juristisch verwendet werden
dürfen. Jun unterscheidet dazu zwischen Strafverfahren und einem
Parteiverbotsverfahren. Die rechtswidrige Beschaffung führe nicht
automatisch dazu, dass Erkenntnisse unbrauchbar seien. So billigte das
Bundesverfassungsgericht etwa 2010 eine Wohnungsdurchsuchung, deren
Anfangsverdacht auf angekauften Steuerdaten aus Liechtenstein beruhte. Auch
bei Steuer-CDs gab der Staat schon einmal Geld für Material aus, das
illegal erbeutet wurde.
## „Die AfD kann sich nicht mehr verstecken“
Doch sogar wenn die Mails selbst nicht verwertet werden, verweist Jun auf
einen Grund, warum sie wertvoll sind: Die Mails könnten Hinweise liefern,
welche Zeugen zu befragen und welche Unterlagen anzufordern wären. Jetzt
seien neue Möglichkeiten gegeben, Verdachtsfällen auf den Grund zu gehen.
„Ich glaube, dass die Sachen, die die Partei gemacht hat, sich nicht mehr
verstecken lassen“, ist AfD-Experte Jun überzeugt Auch andere
Jurist*innen sehen das so. „Die AfD ist verfassungswidrig und ein
Parteiverbotsverfahren wäre wahrscheinlich erfolgreich“, sagte die Juristin
Valentina Chiofalo von der Gesellschaft für Freiheitsrechte bereits am
Dienstag der taz. Ihre Organisation hielt ein Verbotsverfahren schon auf
Grundlage aller vor dem Leak bekannten Tatsachen über die AfD für
aussichtsreich. Dazu veröffentlichte die GFF ein rund 1.500 Seiten starkes
Gutachten, das allein auf öffentlich zugänglichen Quellen beruht.
Auch politisch bringt das AfD-Leak neuen Schwung in die Debatte. Die
Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Irene Mihalic, ist der
Auffassung, [3][man solle dem Bundesverfassungsgericht die Möglichkeit
geben, ein Verbot zu prüfen]. Rechtsanwalt Jun sieht im bisherigen Zögern
der Antragsberechtigten vor allem politische Erwägungen. Doch nun sei der
Moment gekommen, richtig hinzuschauen, nachzuhaken [4][und Konsequenzen zu
ziehen.]
22 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fragen-und-Antworten-zum-AfD-Leak/!6223805
(DIR) [2] /taz-Talk-ueber-AfD-Verbot/!vn6088915/
(DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=fg5CZ4k1lXI&t=33
(DIR) [4] /Geleakte-AfD-Mails-Folgen-jetzt-endlich-mal-Konsequenzen/!6223153
## AUTOREN
(DIR) Friedrich Kraft
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) AfD-Verbot
(DIR) Schwerpunkt Neonazis
(DIR) Verfassungsschutz
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Rechtsanwalt über AfD-Leak: „Diese Innenansicht hatten wir bisher nicht“
Der auf IT spezialisierte Rechtsanwalt Chan-jo Jun hält den AfD-Leak für
einen möglichen „Gamechanger“. Steckt darin das fehlende Puzzlestück für
ein Verbot?
(DIR) AfD-Pläne für Europa: Rechtsextremes Schredderprogramm
AfD-Chefin Weidel will die europäischen Institutionen radikal entmachten.
Von einem Austritt aus der EU und dem Euro ist indes nicht mehr die Rede.
(DIR) FAQ zum AfD-Leak: Wie es jetzt weitergeht
Hacker haben Hunderttausende Mails der AfD veröffentlicht. Erste Vorwürfe
klären sich, es kursieren auch falsche Informationen. Was wir wissen und
was nicht.
(DIR) AfD in Mecklenburg-Vorpommern: AfD-Abgeordneter zeigt Neonazi-Geste im Schweriner Landtag
Tommy Thormann ist schon in der Vergangenheit als Rechtsextremist
aufgefallen. Im Landtag von MV knüpft er an seinem ersten Parlamentstag
daran an.