# taz.de -- UN-Artenschutzkonferenz in Jerewan: Machtkampf um unsere Lebensgrundlagen
       
       > Natur mag jeder. Aber interessiert sich auch jeder dafür, wie sie
       > erhalten werden kann? Das dürfte nach der UN-Artenschutzkonferenz nicht
       > anders sein.
       
 (IMG) Bild: Natur unter Druck: Illegaler Bergbau im Gebiet der indigenen Saamaka in Suriname
       
       Am Wochenende wird der [1][Weltnaturschutzgipfel im armenischen Jerewan] zu
       Ende gegangen sein. Mit einer großen Einigung oder einem großen Knall. Wen
       interessiert’s? Nicht mal seinen richtigen Namen wagen Berichterstatter zu
       nennen. Wer liest schon was über ein „Treffen der Mitgliedsstaaten der
       Konvention über biologische Vielfalt“?
       
       Natur indes mag jeder. Dabei geht es um so viel: Ob Böden, Wälder, Meere
       weiter CO2 speichern und so das Klima stabilisieren können. Ob der Boden
       fruchtbar bleibt und Süßwasser trinkbar. Ob es weiter Insekten als
       Bestäuber und [2][Fisch in den Ozeanen] geben wird, eine wichtige
       Proteinquelle für rund drei Milliarden Menschen.
       
       Über all das wurde in Jerewan verhandelt, in einem den Vereinten Nationen
       eigenen abstrakten Diplomatenenglisch. Darin ringen die
       Teilnehmer:innen erbittert um Formulierungen, die außerhalb der
       Konferenzräume kaum jemand versteht. Und die allzu oft das Papier nicht
       wert sind, auf dem sie geschrieben sind. Viele Verhandlungen der
       Biodiversitätskonvention der vergangenen 30 Jahre galten als Erfolg. Auf
       ihnen wurden wichtige Ziele der Naturschutzpolitik formuliert, es wurden
       Gefahren benannt, indigene Völker als wichtige Akteure erkannt und
       notwendige Gelder avisiert.
       
       Danach sind die Ministerinnen und Beamten, Wissenschaftler, Lobbyisten und
       Aktivistinnen wieder nach Hause gefahren und standen dort vor einer
       unüberwindbaren Wand aus Wirtschafts- und Sozialsystemen, die auf Wachstum
       angewiesen sind (so wie der Naturschutz selbst auch, wenn er jährlich mehr
       Gelder vom Norden in den Süden umverteilen will) und kaum veränderbaren
       Konsummustern. Und trotzdem sind die Verhandlungsergebnisse aus Jerewan
       nicht egal.
       
       Der [3][Machtkampf um den Umgang mit unseren Lebensgrundlagen] findet auf
       vielen Ebenen und an vielen Orten statt. Sie sind vernetzt und beeinflussen
       einander. Brasilien zum Beispiel stand in den Verhandlungen eher auf der
       Seiten der blockierenden Staaten wie Saudi-Arabien und Russland – doch der
       Wahlausgang in diesem globalen Hotspot der Biodiversität ist wohl wichtiger
       für ihren Schutz als die Dokumente aus Jerewan.
       
       Während die Europäische Union in ihren Verfahren zur Entbürokratisierung
       ihre Umweltgesetze schleift, feiern Aktivisten aus dem Bergischen Land in
       Nordrhein-Westfalen einen Erfolg: Beim Örtchen Osberghausen darf der Fluss
       Agger wieder frei fließen und wird nicht mehr zur Energiegewinnung
       aufgestaut. Das ist gut für Pflanzen und Tiere. Und gut für Menschen, die
       auf einen ausgeglichenen Wasserhaushalt angewiesen sind.
       
       Der Schutz von Ökosystemen, der Erhalt der Arten und ihrer genetischen
       Vielfalt (das meint Biodiversität) geschieht praktisch, vor Ort,
       vorangetrieben von Engagierten. Durch die Verhandlungen von Jerewan können
       sie Rückenwind erhalten. Oder Gegenwind, der in der Regel ihre
       Beharrungskräfte weckt. Die „Agger-Freunde“ verdienen Applaus, ihr Einsatz
       wurde bisher viel zu selten gewürdigt. Und die Berichterstattung über den
       Weltnaturschutzgipfel folgt.
       
       31 Oct 2026
       
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