# taz.de -- Debatte: Krieg gegen die Natur
       
       > Der Gipfel zur Biodiversität hat wichtige Beschlüsse gefasst, doch mit
       > der Land- und Forstwirtschaft wird weiter der eigene Untergang
       > subventioniert.
       
 (IMG) Bild: Wie hier am Great Barrier Reef sind weltweit zahlreiche Korallen von der Korallenbleiche betroffen
       
       Ist der große Naturschutzgipfel im armenischen Jerewan mit einem
       Schulterzucken zu Ende gegangen? Die 196 Mitgliedstaaten des Übereinkommens
       zur Biologischen Vielfalt haben sich auf ein Abschlussdokument geeinigt, in
       dem einiges an Gutem steht, anderes aber fehlt. Der WWF zahlte in seiner
       Stellungnahme Tribut an Halloween und sah in den Beschlüssen von Jerewan
       „mehr Süßes als Saures“.
       
       Angesichts der Problemlage wäre ein Schulterzucken ein Desaster. Laut der
       Internationalen Naturschutzunion (IUCN) sind etwa 41 Prozent aller Frosch-,
       Salamander- und Krötenarten weltweit davon bedroht zu verschwinden, 71
       Prozent aller Palmfarnarten stehen auf der Roten Liste der IUCN, 44 Prozent
       der Riffkorallen, 11 Prozent der Vögel, 26 Prozent der Säugetiere.
       
       Diese Zahlen belegen einen Kollaps. Folgerichtig hatte UN-Generalsekretär
       António Guterres zur Eröffnung des Gipfels gesagt, ob ihrer
       klimaschädlichen Wirkungen kämen Subventionen für fossile Energieträger
       „der Subventionierung von Suizid“ gleich. Er sprach von einem „Krieg“ gegen
       die Natur, der noch nicht beendet sei.
       
       Deshalb sind größere Fortschritte nötig als „wenigstens einige“. Was zu der
       Frage führt: Wenn sich die Weltgemeinschaft unter enormem Einsatz von
       Ressourcen – Tausende von Wissenschaftlern, Behördenmitarbeiterinnen,
       Aktivistinnen und Regierungsvertretern fliegen nicht nur zu den Gipfeln,
       sondern auch zu Zwischenverhandlungen; die Gipfel verschlingen allein an
       Organisationskosten staatliche Gelder jeweils etwa in Höhe von 40 bis 50
       Millionen Euro – auf nicht mehr als das einigen kann, brauchen wir sie dann
       noch in dieser Form?
       
       ## Umweltschädliche Subventionen
       
       Der Biodiversitätskonvention fehlen, genau wie etwa den Konventionen zum
       Klimaschutz, gegen Wüstenbildung oder für den Schutz der Feuchtgebiete –
       wie also beinahe allen Übereinkommen zum Umweltschutz –, klare Regeln. Es
       fehlen Behörden in den Nationalstaaten, die diese Regeln umsetzen und die
       Strafen verhängen können, wenn sie gebrochen werden.
       
       Ein Beispiel: Als wesentlichen Treiber für das Artensterben und die
       Vernichtung von Ökosystemen benennen Wissenschaftler:innen und
       Umweltpolitiker:innen umweltschädliche Subventionen. Sie deutlich zu
       reduzieren, ist in einem der 23 Ziele festgehalten, die sich die
       Biodiversitätskonvention in ihrem „Abkommen von Kunming-Montreal“ vor vier
       Jahren gegeben hat. Ziel 18 verlangt, umweltschädliche Subventionen (die
       finanzielle Unterstützung für umweltschädliches Wirtschaften) bis 2030 um
       jährlich mindestens 500 Milliarden US-Dollar abzubauen.
       
       Wenn nun der Bundestagsabgeordnete Harald Ebner (Grüne) die Bundesregierung
       vor dem Naturgipfel in Jerewan fragt, wie weit sie mit dem Abbau
       schädlicher Subventionen denn gekommen sei, antwortet mit einem genervten
       Schulterzucken: „Zu umweltschädlichen Subventionen liegt keine Definition
       oder Auflistung vor.“ Eine negative Klimawirkung habe lediglich die
       Finanzhilfe „Bundesförderung von Produktionsanlagen von Borosilikatrohrglas
       und Glasvials zur Verwendung in der Impfstoffproduktion“, die bereits
       ausgelaufen sei. Das darf man getrost mit „ist uns doch egal“ übersetzen.
       
       Nun ist es nicht gewagt zu behaupten, dass der Finanzminister eine kluge
       Definition „umweltschädlicher Subventionen sowie Vorschläge zu ihrem Abbau“
       nicht einmal auf die Tagesordnung im Kabinett bekommen würde, so wie es
       sein Partei- und Regierungskollege Carsten Schneider nicht schafft, das
       „Gesetz zur Stärkung der natürlichen Infrastruktur“ dort zu beschließen.
       Verkehrs- und Agrarministerium blockieren das wichtige Vorhaben, das die
       Eingriffe durch den beschleunigten Ausbau von Verkehrs- und
       Energieinfrastruktur ausgleichen sollte.
       
       ## Aus Wäldern werden Plantagen
       
       Und zur gleichen Zeit, in der die Umweltszene der Welt in Jerewan
       verhandelte, [1][verhandelten auch die Agrarpolitiker der Europäischen
       Union über die Agrarsubventionen der nächsten Jahre.] Es sieht so aus, als
       sollten Landwirte weniger Geld dafür bekommen, wenn sie Hecken oder
       Blühstreifen anlegen, Kühe auf Weiden grasen lassen oder nur weit entfernt
       von Teichen und Bächen düngen. Mehr Geld sollen sie indes dafür erhalten,
       welche Flächengrößen sie bewirtschaften.
       
       Weltweit gehören Land- und Forstwirtschaft zu den Branchen, deren Akteure
       sich am hartnäckigsten gegen eine ökologisch-soziale Transformation wehren.
       Sie lobbyieren in Lateinamerika wie in Europa erfolgreich dagegen, den
       Einsatz von Pestiziden und Dünger einzuschränken. Sie produzieren so viel
       Fleisch für den Export auf den Weltmärkten, wie irgend möglich, sie wandeln
       dort, wo es noch Wälder gibt – in Lateinamerika, in Afrika und Asien –
       Wälder in Plantagen um oder wehren sich dagegen, Plantagen in Wälder
       umzuwandeln, wie in Deutschland.
       
       Wer den Verlust von Biodiversität auch nur verlangsamen will, der muss die
       Land- und Forstwirtschaft verändern. Es gibt wenig Unklarheiten darüber,
       wie diese Veränderung aussehen müsste. Die Deutsche Akademie der
       Naturforscher Leopoldina in Halle zum Beispiel hat das Notwendige in
       zahlreichen Positionspapieren veröffentlicht. Nötig wäre, die
       Kulturlandschaft – also Wiesen, Äcker – zu erhalten, zu pflegen und
       nachhaltig zu bewirtschaften. Und einige Flächen – Moore und Wälder – aus
       der Nutzung zu nehmen und dort der Natur ihren Lauf zu lassen.
       
       Das umzusetzen bedeutet ein zähes Ringen in den ländlichen Regionen. Es
       gilt, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass sie auch als Nachbarin
       eines Nationalparks ein gutes Leben führen kann. Es erfordert, Landwirte
       dafür zu entschädigen und ihnen einen Sinn dafür zu vermitteln, dass ein
       Teil ihrer Flächen in ein Moor zurückverwandelt wird – das ihre Vorfahren
       in harter Arbeit entwässert haben. Und in Kommunal- und Landesparlamenten
       wären Abgeordnete nötig, die Geld in den öffentlichen Nahverkehr stecken
       und in Fahrradparkhäuser statt in Umgehungsstraßen.
       
       ## Ein Schulterzucken reicht nicht
       
       All das ist von den Verhandlungen des UN-Gipfels aber gar nicht weit
       entfernt, denn diese bilden die sonst verborgenen, globalen Lieferketten
       und Finanzströme ab. Wer in China sein Dumpling mit Schweinefleisch
       bestellt, isst womöglich ein Schwein, gefüttert mit Soja aus Brasilien. Um
       die Bevölkerung der Tropen an den Umsätzen zu beteiligen, die die Industrie
       des Globalen Nordens mit Rohstoffen aus den Regenwäldern generiert, braucht
       sie die Unterstützung der Regierungen und der Zivilgesellschaften aus dem
       Norden.
       
       Die Ergebnisse von Jerewan reichen nicht aus, aber sie halten das Thema in
       der Debatte. Sie zeigen der Öffentlichkeit, welche Regierungen wenigstens
       die Problemlage anerkennen – und können sie daran messen, etwa in Europa.
       Sie zeigen, welche Regierungen den Schuss der weltweiten Naturkrise noch
       gar nicht gehört haben.
       
       Dies müsste in ein Urteil über ihre Zuverlässigkeit als Handels-, aber auch
       als Sicherheitspartner einfließen. Und die Ergebnisse zeigen weltweit, was
       zu tun ist – [2][im Finanzministerium des Bundes, in den Forsten
       Nordrhein-Westfalens, in den Konzernzentralen in Paris und der Schweiz und
       zwischen den Einkaufsregalen der Supermärkte]. Mit einem Schulterzucken
       kommt jedenfalls niemand mehr davon.
       
       Anm.d.Red.: In einer früheren Version stand, dass man in China ein Dumpling
       mit Schweinefleisch aus Deutschland essen könne. Es gibt aber seit 5 Jahren
       ein Importverbot in China. Die entsprechende Stelle wurde geändert.
       
       1 Nov 2026
       
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