# taz.de -- Polit-Influencer Hasan Piker: Ein „Marxist“ im Maßanzug auf Twitch
> Der Polit-Influencer und Streamer Hasan Piker verschiebt die Grenze des
> Sagbaren in den USA nach links. Damit trifft er vor den Midterms einen
> Nerv.
(IMG) Bild: Der Anzug sitzt: Twitch-Streamer Hasan Piker bei einer Veranstaltung der „University Democrats“ in Texas
In der Zeit [1][um Halloween werden in den USA die Häuser geschmückt]: mit
Spinnweben, Totenschädeln – und natürlich mit Kürbissen. So hat es auch der
linke Streamer Hasan Piker gemacht. Nur tragen bei ihm die orangefarbenen
Rübenköpfe, die man in seinen Videos im Regal hinter ihm sieht, die
schaurigen Fratzen von [2][Elon Musk], Benjamin Netanjahu und Donald Trump.
Dabei gruseln sich viele eher vor Piker selbst. Denn der 35-jährige Sohn
türkischer Eltern aus New Jersey, der inzwischen in Los Angeles wohnt, ist
zu einer berüchtigten Stimme im amerikanischen Politikgeschäft geworden.
Mit 3,1 Millionen Followern auf [3][Twitch, einer sonst vor allem für
Gaming bekannten Plattform für Livevideos], und weiteren Millionen auf
Youtube, Tiktok & Co. ist er einer der erfolgreichsten politischen Streamer
weltweit. Unter dem Namen „HasanAbi“ kritisiert er dort den Einfluss von
Lobbyorganisationen, die Ungleichheit in den USA, vor allem aber Israels
Krieg in Gaza – und das auch mal mit eher derben Worten. E ist das linke
Enfant terrible der US-Streamerszene.
Bei Rechten, Republikanern und Demokraten der Mitte ist er verpönt. Donald
Trump nannte Piker einen „kommunistischen Agitator“, und Hakeem Jeffries,
der Minderheitenführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, befand Pikers
Israel-Kommentare als „gefährlich und antisemitisch“. Selbst Israels
Premier Benjamin Netanjahu holte in seiner Rede vor der
UN-Generalversammlung im September gegen den Streamer aus.
## Für seine 9/11-Aussage entschuldigt
Der Grund: der bekennende Antizionist Piker überschreitet gerne, was in den
USA lange als Grenze des Sagbaren galt. So nannte er Mao Zedong einmal
einen „großen Anführer“, die Hamas wiederum bezeichnete er als das
geringere Übel und „tausendmal besser“ als Israel. Für seine Aussage aus
dem Jahr 2019, die USA hätten „den 11. September verdient“, hat er sich
inzwischen entschuldigt. Antisemitismusvorwürfe weist er von sich und gibt
sie stattdessen an seine Kritiker zurück: Diese würden Israel mit dem
Judentum gleichsetzen.
Wer das alles einordnen will, braucht einen langen Atem. Denn Piker sagt
viel, wenn der Tag lang ist. Der breit gebaute Brillenträger streamt
teilweise acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Neben durchaus
scharfsinniger Politikanalyse liefert er viel Überspitzung und Provokation.
Piker, der meist in weit geschnittenen Anzügen zu sehen ist und vor der
Kamera auch mal asiatische Nudeln aus der To-go-Box löffelt, spricht dabei
ein Publikum an, das noch vor Kurzem scharenweise in die Arme der
Republikaner lief: es ist unter 30, männlich und heterosexuell. Wenn es in
seinem Kanal mal nicht um Politik geht, dann um Videospiele oder
Krafttraining.
Piker nennt sich selbst einen „Marxisten“. Dabei sind viele seiner
innenpolitischen Forderungen wenig radikal: Krankenversicherung für alle,
Reichensteuer und öffentlicher Wohnungsbau. Mit dem Kapital, das er selbst
aus seinen Twitch-Abos schlägt, scheint er kaum Probleme zu haben. Auch
wenn ihm sein knapp drei Millionen Dollar teures Haus in West Hollywood
einige Kritik von seinen Followern eingebracht hat. „Ich wäre lieber ein
reicher Sozialist als ein armer Schlucker, der den Kapitalismus
verteidigt“, sagte Piker mal in einem Stream.
## Demokraten sollen sich distanzieren
Von ihm unterstützt zu werden ist eine zweischneidige Sache. [4][Vor den
Midterms am 3. November] überbieten sich Demokraten und Republikaner
förmlich darin, alle Kandidaten, mit denen Piker sympathisiert,
aufzufordern, sich von ihm zu distanzieren. Das war schon beim New Yorker
Bürgermeister Zohran Mamdani der Fall. Jetzt trifft es unter anderem den
[5][Senatskandidaten aus Michigan, Abdul El Sayed]. Beide haben das
halbherzig getan, denn offen von ihm abzuwenden lohnt sich nicht: dafür ist
er zu einflussreich.
Man muss Hasan Piker nicht mögen, weder seine politische Haltung noch seine
selbstdarstellerische Art. Doch er trifft offenbar einen Nerv in einem
Land, in dem viele, vor allem junge Menschen, inzwischen sehr kritisch auf
Israel schauen – und auf Milliardäre wie Donald Trump.
1 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
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