# taz.de -- Falschinformationen vor US-Zwischenwahl: „Meine größte Sorge ist die Spaltung darüber, was als Fakt gilt“
       
       > Welche Rolle spielt Desinformation vor den Midterm-Wahlen in den USA?
       > Social-Media-Forscherin Renée DiResta über verlorenes Vertrauen,
       > identitätsstiftende Influencer und KI.
       
 (IMG) Bild: 7. November 2020: Diese Familie wollte Joe Bidens Sieg bei der US-Präsidentschaftswahl nicht hinnehmen
       
       taz: Frau DiResta, Sie haben jahrelang im Stanford Internet Observatory
       Desinformation und Propaganda in der Politik untersucht. Das Institut wurde
       auf Druck von Washington geschlossen. Wie ist das passiert? 
       
       Renée DiResta: Es ging bei unserer Arbeit um die Integrität von Wahlen. Wir
       haben die Wahlen 2020 und 2022 beobachtet und über unsere Erkenntnisse
       berichtet. Das wurde dann zunächst von einem Mann namens Mike Benz als
       Zensurkomplott gegen rechte Stimmen dargestellt. Benz war Mitarbeiter der
       Trump-Regierung und [1][leugnete das Ergebnis der Wahl von 2020]. Außerdem
       informierte er republikanische Kongressabgeordnete, von denen er erwarten
       konnte, dass sie diesen Anschuldigungen gegenüber aufgeschlossen sind.
       Nachdem die Republikaner im November 2022 dann die Mehrheit im
       Repräsentantenhaus gewonnen hatten, begannen sie gegen uns zu ermitteln. Es
       gab eine Anhörung im Kongress, und einige Tage später erhielten wir einen
       Brief, in dem wir aufgefordert wurden, unsere E-Mails der Regierung zur
       Verfügung zu stellen. Gleichzeitig wurden wir von America First Legal
       verklagt, der von Stephen Miller gegründeten, rechtsgerichteten
       juristischen Organisation. Danach wurde unsere Organisation schrittweise
       abgewickelt.
       
       taz: Sie haben über Ihre Erkenntnisse aus dem Projekt und über diese
       Vorfälle ein Buch geschrieben. Zentrale These des Buches ist, dass
       Desinformation aus dem Zusammenspiel von Influencern, Algorithmen und der
       Crowd (dem Publikum) entsteht. Wie wirken diese drei Elemente zusammen? 
       
       DiResta: Man kann diese Elemente nicht isoliert betrachten. [2][Influencer
       wie etwa Trump oder Musk haben eine große Anhängerschaft.] Ihre Inhalte
       richten sich sowohl an diese Anhängerschaft – also an die Crowd – als auch
       an den Algorithmus. Wenn du beispielsweise etwas auf Instagram
       veröffentlichst, das deine Zielgruppe eigentlich lieben müsste, es aber
       nicht so aufbereitest, dass der Algorithmus es bevorzugt ausspielt, wird es
       kaum jemand sehen. Die eigenen Inhalte werden außerdem den Followern
       zunehmend nicht mehr automatisch angezeigt. Stattdessen konkurrieren sie
       mit allen anderen potenziell passenden Inhalten – den sogenannten nicht
       verknüpften Inhalten –, um in den Feeds der NutzerInnen aufzutauchen. Diese
       Inhalte machen mittlerweile 40 Prozent dessen aus, was Sie in Ihrem Feed
       sehen. Der Algorithmus wiederum orientiert sich daran, wie die Crowd auf
       Inhalte reagiert. Wenn ein Beitrag ausgespielt wird, ist entscheidend, wie
       viel Aufmerksamkeit er in der ersten Stunde erhält. Davon hängt ab, ob er
       noch mehr Menschen gezeigt wird. Der Algorithmus ist also auf Rückmeldungen
       der Crowd angewiesen. Gleichzeitig entscheidet der Algorithmus darüber, ob
       die Inhalte eines Influencers überhaupt sichtbar werden. Schließlich
       beeinflusst die Crowd selbst die Influencer. Die Crowd kann Druck ausüben:
       Warum sprichst du nicht über Gaza? Warum hast du diese Meinung geäußert?
       Dieses Phänomen nennt man „Audience Capture“: Die Crowd kann beeinflussen,
       worüber ein Influencer schreibt und spricht, weil dieser Angst hat, seine
       Anhängerschaft zu verlieren.
       
       taz: Als Sie in Stanford waren, hatte Ihr Team Desinformation markiert und
       die Plattformen darüber informiert. Diese reagierten dann darauf – oder
       eben nicht. Wie war die Resonanz? 
       
       DiResta: In unserem Bericht steht, dass die Plattformen in 60 Prozent der
       Fälle nichts unternahmen. Das war also nicht besonders wirkungsvoll.
       
       taz: Verfügen die Plattformen überhaupt noch über wirksame Mechanismen, um
       Desinformation in ihren eigenen Ökosystemen zu bekämpfen und Inhalte zu
       moderieren?
       
       DiResta: Es gibt durchaus noch interne Teams für die Integrität von Wahlen.
       Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Beiträge, die gegen die
       jeweiligen Richtlinien verstoßen, nicht viral gehen. Meistens werden solche
       Beiträge markiert. Wenn Inhalte tatsächlich entfernt werden, handelte es
       sich überwiegend um Betrugsversuche oder Androhungen von Gewalt – zum
       Beispiel im Vorfeld des [3][6. Januar]. Mein Team hat zwar nicht gezielt
       zum 6. Januar geforscht, wir haben allerdings untersucht, welche der von
       uns gemeldeten Inhalte entfernt wurden. Es waren etwa 10 Prozent. Bei den
       entfernten Inhalten handelte es sich vor allem um Identitätsmissbrauch,
       Betrugs- und Phishingversuche. Beiträge von Menschen, die behaupteten, die
       Wahl sei manipuliert worden, wurden nur selten gelöscht.
       
       taz: Die Lüge über die angeblich gestohlene Wahl war vermutlich die
       folgenreichste Desinformation der vergangenen Wahlzyklen. Was sind Ihrer
       Ansicht nach die gefährlichsten Falschinformationen, die den aktuellen
       Zwischenwahlkampf beeinflussen? 
       
       DiResta: Das ist eine interessante Frage. Ich betreibe auf X inzwischen
       einen Bot, der Community Notes verfasst – ein nutzerbasiertes System zur
       Selbstkontrolle. Im vergangenen Jahr wurde dieses Programm für KI-gestützte
       Autoren geöffnet. Dieses Jahr beschloss ich, selbst einen solchen Bot zu
       bauen. Warum ich das mit Ihrer Frage verbinde: Ich kann jetzt sehen, welche
       Korrekturen angefordert werden – was Nutzer melden und worüber sie eine
       Richtigstellung wünschen. Es ist meist ziemlich vorhersehbar. Die Details
       ändern sich, aber die grundlegenden Erzählmuster bleiben gleich. Ich
       bekomme beispielsweise viele Anfragen zu angeblich illegalen Stimmen von
       Einwanderern ohne Aufenthaltsstatus. Andere drehen sich um die
       vermeintliche Unsicherheit von Wahlen wegen Briefwahl. In der vergangenen
       Woche gab es viele Anfragen zu James Talarico und seiner angeblichen
       Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung. Neben der Frage, welche
       Themen den Menschen wichtig sind und welche Gerüchte verbreitet werden,
       zeigt sich dabei vor allem, dass selbst sehr solide Korrekturen häufig
       abgewertet werden. Man kann etwa Informationen einer staatlichen Stelle
       vorlegen oder offizielle Statistiken zu illegalen Stimmen. Trotzdem
       bewerten andere Nutzer die Korrektur negativ. Sie sagen, es handle sich um
       eine Meinung, die Quelle sei nicht zuverlässig genug oder die Informationen
       seien unvollständig. Mich hat überrascht, wie häufig die Debatte letztlich
       darum geht, was überhaupt als Tatsache gilt. Ich habe deshalb keine
       konkrete Antwort darauf, welches einzelne Gerücht die größte
       Falschinformation darstellt. Meine größte Sorge ist die enorme Spaltung der
       Öffentlichkeit darüber, was als Fakt gilt und welche Quellen oder Belege
       als akzeptabel angesehen werden.
       
       taz: Sie sagen, die häufigsten Falschinformationen seien weitgehend immun
       gegen Korrekturen durch staatliche Stellen, traditionelle Medien oder
       Faktenprüfer. Gibt es überhaupt noch wirksame Möglichkeiten, Desinformation
       und Propaganda zu bekämpfen? 
       
       DiResta: Wenn das Publikum dem Absender vertraut, ist es für Korrekturen
       empfänglich. Das Problem ist, dass dieses Vertrauen oft zerbrochen ist.
       Wenn Menschen den Institutionen misstrauen, die Korrekturen anbieten, sind
       Widerlegungen und Faktenchecks wirkungslos. Deshalb argumentiere ich in
       meinem Buch, dass wir mehr brauchen als Faktenchecks. Wir brauchen
       glaubwürdige Kommunikatoren, die Beziehungen innerhalb von Communitys
       aufbauen, Medienkompetenz, die Menschen dabei hilft, wiederkehrende
       Gerüchte und Propagandatechniken zu erkennen, und Plattformen, die
       Sensationslust und Empörung nicht ständig belohnen.
       
       taz: Sie schreiben in Ihrem Buch über die Psychologie von Gerüchten und
       Desinformation. Welche menschlichen Impulse sprechen Influencer und
       Algorithmen an? 
       
       DiResta: Identität. Zugehörigkeit. Kameradschaft. Das Gefühl, für dieselbe
       Sache einzutreten. Menschen wollen das Gefühl haben, Teil von etwas
       Sinnvollem zu sein und etwas zu wissen, das anderen verborgen bleibt.
       Gerüchte laden zur Beteiligung ein: Menschen teilen Geschichten,
       untersuchen vermeintliche Beweise, verbinden einzelne Punkte miteinander
       und versuchen gemeinsam, die Ereignisse zu verstehen. Algorithmische
       Verstärkung und Kuratierung haben diesen uralten menschlichen Prozess enorm
       beschleunigt. Influencer geben den Menschen eine Geschichte, für die sie
       sich begeistern können, und vermitteln ihnen ein Gemeinschaftsgefühl.
       Dieses Gefühl, beteiligt zu sein, ist belohnend. Man konsumiert eine
       Geschichte nicht mehr nur, sondern hilft dabei, dafür zu sorgen, dass
       andere Menschen ebenfalls die „Wahrheit“ erfahren.
       
       taz: In diesem Wahlkampf spielt KI eine immense Rolle. Wie hat sie das
       Zusammenspiel von Influencern, Algorithmen und Crowd verändert? Hat sie die
       Bekämpfung von Desinformation unendlich viel schwieriger gemacht? 
       
       DiResta: KI hat das Zusammenspiel von Influencern, Algorithmen und Crowd
       nicht grundlegend verändert, wohl aber die ökonomischen Bedingungen. Die
       Technologie ist inzwischen sehr, sehr leistungsfähig. Es ist ausgesprochen
       schwer geworden, zu erkennen, was echt ist. Zugleich ist die Produktion
       solcher Inhalte billig, weshalb es viel mehr davon gibt. Ihre Überprüfung
       wird hingegen immer aufwendiger. Desinformation zu bekämpfen lohnt sich
       schlicht nicht mehr.
       
       2 Nov 2026
       
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