# taz.de -- Bewegung in der Berliner Kantstraße: Kampfplatz Fahrradspur
       
       > In der Kantstraße zeigt sich das Hin und Her der Berliner
       > Verkehrspolitik. Es ist zu hoffen, dass die neue linke Mehrheit dem
       > endlich ein Ende macht.
       
 (IMG) Bild: So Ist das doch eigentlich eine prima Lösung für Radfahrer in der Kantstraße
       
       Die Berliner Kantstraße gehört nicht zu den prominentesten Magistralen der
       Hauptstadt. Wie der weitaus bekanntere Ku’damm zieht sie sich kilometerlang
       durch den bürgerlichen Westen, wirkt aber an vielen Stellen eher
       gesichtslos. Immerhin kann man hier gut asiatisch essen – und dabei seit
       Jahren einen Straßenkampf der zeitgenössischen Art beobachten.
       
       Wie im Fall der Friedrichstraße, die von den Grünen zur autofreien Zone
       gemacht und von der anschließend regierenden CDU prompt wieder für den
       Kraftverkehr geöffnet wurde, werden in der Kantstraße die großen Brüche in
       der Verkehrspolitik sichtbar: Wer darf mehr Platz beanspruchen? Und wie
       viel ist uns die Sicherheit schwächerer TeilnehmerInnen wert?
       
       Der Radverkehr hatte es nie leicht auf der viel befahrenen
       Ost-West-Verbindung. Das änderte sich erst [1][nach einem furchtbaren
       Unfall], bei dem 2020 ein Mann auf dem Fahrrad von einem anderen hinter dem
       BMW-Lenkrad totgerast wurde. Auf Druck zivilgesellschaftlicher Gruppen
       wurde eine auch pandemietaugliche Pop-up-Radspur angelegt, halbwegs
       geschützt zwischen dem Gehweg und einer ehemaligen Kfz-Fahrspur, auf der
       nun geparkt, aber auch angeliefert wird.
       
       Das war unter einem rot-grün-roten Senat – die CDU und die FDP, eine im
       Berliner Westen aktive Kleinstpartei, prophezeiten das wirtschaftliche Ende
       der anliegenden Geschäfte. Auch wenn es dazu nicht kam: Als die CDU 2023
       wieder ans Ruder kam und stadtweit den Verkehr regeln durfte, tat sie ihr
       Bestes, die Änderungen rückgängig zu machen.
       
       Dazu bediente sich das Haus von Senatorin Ute Bonde auch eines innovativen
       Sicherheitsarguments: Die radfreundliche Anordnung lasse keinen Platz mehr
       zum fachgerechten Aufstellen von Feuerwehr-Löschfahrzeugen. Ein
       Charlottenburger Bezirksstadtrat – und Parteifreund von Bonde – drohte
       deshalb zwischenzeitlich sogar damit, das [2][Wohnen in den oberen
       Stockwerken an der Kantstraße zu verbieten].
       
       ## Pläne zur Rückabwicklung
       
       Als sich abzeichnete, dass die CDU bei den Wahlen in diesem September zu
       den Verlierern gehören würde, beschleunigte die Senatsverwaltung ihre Pläne
       zur Rückabwicklung der immer noch nicht „verstetigten“ und quasi im
       Pop-up-Limbus verharrenden Radspur: Sie schrieb die Bauarbeiten zur Anlage
       einer Busspur aus, die von Fahrrädern mitbenutzt werden soll. [3][Nun trat
       die Deutsche Umwelthilfe auf den Plan.] Sie unterstützte einen Bürger, der
       hierdurch einen Verlust von Sicherheit befürchtete, bei dessen Eilklage vor
       dem Verwaltungsgericht.
       
       Der Antrag wurde zurückgezogen, als Bondes Verwaltung versicherte, bis
       Jahresende (wenn voraussichtlich Rot-Grün-Rosa die Geschäfte in Berlin
       übernimmt) die Radspur nicht anzutasten. So zumindest verstand das die
       Umwelthilfe, die dann – nicht als einzige – mit Empörung zur Kenntnis nahm,
       dass auf der Radverkehrsfläche plötzlich Kfz-Lieferzonen abmarkiert wurden.
       
       Vorläufig letzter Plottwist: Vor einer Woche hat das
       „Widerstands-Kollektiv“, ein Zerfallsprodukt der „Letzten Generation“,
       [4][einfach mal des Nachts zur Malerrolle gegriffen] und die frischen
       weißen Markierungen mit Asphaltgrau wieder unkenntlich gemacht. Man werde
       keine Politik der verbrannten Erde akzeptieren, teilte die Gruppe im Netz
       mit: „Nehmt ihr uns den Fahrradweg, dann holen wir ihn zurück, Meter um
       Meter, Stück um Stück.“
       
       Schon um weitere Episoden – oder gar Staffeln – des längst ermüdenden
       Dramas „Kantstraße“ zu vermeiden, ist es dringend geboten, dass sich die
       neue linke Mehrheit in Berlin nun zusammenrauft. Und dann ein Provisorium
       aus Coronatagen endlich zur neuen Normalität erhebt.
       
       31 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ein-Jahr-nach-dem-toedlichen-Unfall/!5747600
 (DIR) [2] /Streit-um-Berliner-Radweg/!6044590
 (DIR) [3] /Radinfrastruktur-in-Berlin/!6216378
 (DIR) [4] /Radweg-auf-der-Kantstrasse/!6224108
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudius Prößer
       
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