# taz.de -- 50. Fahrradsternfahrt: „Das Wichtigste ist das Erlebnis“
> Am Sonntag ruft der ADFC zur 50. Fahrrad-Sternfahrt auf. Norbert
> Rheinlaender war schon beim ersten Mal dabei – mit Begeisterung und nur
> drei Gängen.
(IMG) Bild: 25.000 Menschen sollen 2025 bei der ADFC-Sternfahrt mitgeradelt sein – es waren auch schon mal viel mehr
taz: Herr Rheinlaender, Sie haben 1977 die [1][Berliner Fahrrad-Sternfahrt]
mitbegründet. Sind Sie bei der 50. Sternfahrt am Sonntag auch wieder mit
dabei?
Norbert Rheinlaender: Nicht mehr als Radler. Ich stehe für die
Bürgerinitiative an einem Stand beim Umweltfestival.
taz: Sie meinen die [2][Bürgerinitiative Westtangente]?
Rheinlaender: Ich bin 1972 einer Bürgerinitiative beigetreten, die sich
„Bürgerkomitee Verkehrspolitik“ nannte. Mit der haben wir die ersten zwei
Fahrrad-Demonstrationen auf dem Kurfürstendamm gemacht. Diese Initiative
war nach zwei Jahren erschöpft, aber dann erfuhren wir, dass hinter unseren
Wohnhäusern eine Autobahn gebaut werden sollte. [3][Das hat uns motiviert,
die Bürgerinitiative Westtangente zu gründen.] Es sollte aber nicht nur
gegen die Autobahn gekämpft werden, sondern wir wollten auch für den
normalen Menschen, der keinen Pkw besitzt, eine Bewegungsform haben.
taz: Und da sind Sie beim Fahrrad gelandet.
Rheinlaender: Genau, deswegen haben wir das Fahrrad in den Vordergrund
gestellt und uns überlegt, statt der Autobahn eine Grüntangente
vorzuschlagen. Und diese Grüntangente ist im Prinzip das, was heute vom
Potsdamer Platz über den Gleisdreieck-Park nach Süden führt.
taz: Damit waren Sie also erfolgreich.
Rheinlaender: Wir brauchten dafür natürlich eine breite Zustimmung in der
Bevölkerung, und deswegen haben wir die Sternfahrt initiiert. Die war auch
schon beim ersten Mal an einen politischen Ansprechpartner gerichtet,
nämlich den Reichstag. Damals war zwar der Bundestag in Bonn, aber die
Reichstagswiese war ein Symbol für die Richtung, in die es gehen sollte.
taz: Wie viele Personen konnten Sie damals mobilisieren?
Rheinlaender: Im ersten Jahr haben wir immerhin schon 8.000 Radler auf die
Räder gebracht. Im Jahr drauf waren es dann schon 10.000.
taz: Wissen Sie noch, mit welchem Fahrrad Sie 1977 unterwegs waren?
Rheinlaender: Mit einem ganz normalen Dreigangrad. Das war die
Fichtel-&-Sachs-Gangschaltung, das war damals schon die bessere
Ausstattung. Es gab natürlich auch welche mit nur einem einzigen Gang.
taz: Inwiefern hat sich die Sternfahrt über die Jahre verändert?
Rheinlaender: Die Sternfahrt ist ja eigentlich eine Protestform. Auch heute
gibt es noch Einzelne, die Schilder an ihr Fahrrad machen oder ein
Fähnchen, auf das sie ihre Forderungen schreiben. Aber die große Masse
empfindet es als Spazierfahrt, teilweise mit Familie und Kindern oder einer
Lautsprecherbox vorneweg. Das ist heute ein anderer Charakter als damals.
taz: Braucht es denn immer noch Protest?
Rheinlaender: Ja, der Protest ist weiterhin notwendig. Es gibt immer noch –
jetzt im Ostteil der Stadt – diese Verlängerungswünsche und -planungen für
die Stadtautobahn A 100. Die werden nicht gestoppt, obwohl man inzwischen
in der Stadt- und Verkehrsentwicklung weiß, dass der Ansatz falsch ist, den
Autoverkehr über zusätzliche Verkehrsflächen flüssig zu kriegen. Egal, wo
wir eine Straße verlängern oder eine Spur breiter machen, bekommen wir
heute Staus.
taz: Was fordern Sie stattdessen?
Rheinlaender: Man muss den städtischen Verkehr anders organisieren. Wir
hatten beispielsweise bis 1967 die Straßenbahn in Westberlin, dann ist sie
abgeschafft worden. Wir wollen, dass heute endlich das Straßenbahnnetz
wieder nach Westen kommt. Bei der Autolobby ist aber die Ansicht weit
verbreitet, dass die Straßenbahn nicht ins Stadtbild gehört. Deswegen
möchten sie U-Bahnen bauen, damit die Straße frei wird für die Autos.
taz: Was macht die Sternfahrt für Sie so besonders?
Rheinlaender: Das Wichtigste ist das Erlebnis für die Radler – dass sie
merken, sie sind dem Autoverkehr nicht ausgeliefert und durch andere Radler
geschützt. Dass sie in ihrem Tempo fahren können, dass sie in keiner
Abgaswolke fahren müssen, dass sie leise fahren können.
taz: Sind Sie heute auch noch mit dem Fahrrad unterwegs?
Rheinlaender: Im Alltag, ja. Auch im Winter. Ich finde auch die
Bewegungsform Fahrrad für mich erholsam, also die körperliche Bewegung. Das
Fahrrad ist sehr wichtige Form der Mobilität, die so gut wie nur positive
Seiten hat, weil sie nicht die Umwelt verdreckt oder stinkt oder Lärm
macht. Und weil sie eine kommunikative Form ist, bei der man sich noch von
Mensch zu Mensch verständigen kann, auch wenn man nebeneinander fährt.
6 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anna Simbürger
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