# taz.de -- Wiener Akademie: Wie die Kunst verwaltet wurde
> Eine Ausstellung der Wiener Akademie der bildenden Künste versucht die
> Geschichte des Widerstreits von Akademie und Avantgarde neu zu erzählen.
> Klappt das?
(IMG) Bild: Eine Ausstellungsansicht in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
Akademismus hat in der Kunst keinen guten Ruf. Sind vorgefundene Regeln und
Wissensbestände nicht zunächst Fesseln der individuellen Schöpfung, die
jenseits von Reproduktion ihre Regeln erst hervorbringt? Dennoch ist seit
dem 16. Jahrhundert der bevorzugte Ort dieser wundersamen Wandlung von
Fremd- zu Selbstbestimmung die Akademie. Sie generiert Wissen, etabliert
Kunst als autonome Sphäre. Zugleich haftet ihr der Verdacht an, gewonnene
Autonomie wieder herrschaftsförmig zu kanalisieren.
Unter dem Titel „Der große Michelangelo ist tot!“ rekapituliert die Wiener
Akademie die Geschichte der Institution und ihrer Feinde in 15 Stationen
von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Die vom Kunsthistoriker und
Kulturtheoretiker Helmut Draxler kuratierte Schau bezieht die ausstellende,
Wissen produzierende Institution selbst in die Bewegung der Reflexion ein.
300 Jahre nach Erstellung ihrer Statuten kann die Akademie aus ihrer
Sammlung zum Wandel von Organisation und Lehre vieles beitragen. Exponate
obsoleter Methoden wie Kopien und Gipsabgüsse werden zum kuratorischen
Asset, stehen gleichrangig neben Originalen, historischem Material,
Kommentaren und zeitgenössischen Arbeiten.
Der Gegensatz von Akademie und Avantgarde ist nicht mehr der unendliche
Streit von Alt und Neu, nicht mehr das Erbe historischer Avantgarden nach
ihrem Scheitern und ist auch etwas anderes als die Dialektik einer
Entfaltung der Ausdrucksmöglichkeiten.
## Kunst als symbolische Kategorie
Draxler relativiert mit der Ausstellung den Antagonismus, ohne der
Auseinandersetzung die Schärfe zu nehmen, und wählt die Figur des
Widerstreits, der sich weder in der Synthese aufheben noch nach einer
gemeingültigen Regel entscheiden lässt. Dieser Streit erst konstituiere
„Kunst als symbolische Kategorie“, zeige, was mit der Kunst in ihrer
Gegenwart möglich sei.
Alles beginnt am Grab Michelangelos um 1564. Die Florentiner hatten seinen
Leichnam insgeheim aus Rom überführt. Zur Nachfolge des „Göttlichen“
bedürfen gewöhnliche Sterbliche einer Lehre zur Vermessung der Welt und
einer Institution, die dieses Wissen verwaltet. Giorgio Vasari, Architekt,
Maler und in seinen „Viten“ früher Vertreter einer
Kunstgeschichtsschreibung, initiiert die Accademia del Disegno. Sie gibt
der Kunst ein theoriegeleitetes Verständnis und Wirkungsmacht im
entstehenden absolutistischen Staatswesen.
Die Erforschung des Sichtbaren gewinnt das Potenzial eigenständiger
geistiger Schöpfung in den Disziplinen Malerei, Skulptur und Architektur.
Vasari ist zugleich verantwortlich für das städtebauliche Programm seines
Fürsten Cosimo I. Neu ist der Effizienzgedanke. Künstler der Akademie
würden, so Vasari, [1][das Niveau der Meister der Hochrenaissance kaum
erreichen,] sie in der Quantität ihrer Produktion aber mehrfach
übertreffen.
## Das monarchische Prinzip
Die Pariser Akademie treibt ein knappes Jahrhundert später die
Rationalisierung des Kunstbegriffs und die Verklammerung mit den Interessen
des merkantilistischen Staatswesens auf die Spitze. Sie etabliert
Wettbewerbe, mit ihren conférences ein diskursives Format und erste Formen
von Kunstkritik. Unter den Auspizien des Königs soll die Autonomie des
Künstlers das monarchische Prinzip verkörpern.
Die neue Anbindung an den Staat verleiht Unabhängigkeit von einstiger
Willkür feudaler und kirchlicher Auftraggeber wie von einem über den Markt
vermittelten Geschmack. Später, Ende des 18. Jahrhunderts, war die Wiener
Akademie eine Art Kunstbehörde vom Zeichenunterricht bis zum Bauwesen.
Wer Kunst konsekriert, darüber wird von nun an gestritten. Im Aufwind
bürgerlicher Emanzipation spotten die Karikaturen William Hogarths der
Vorliebe des englischen Adels für dunkel gefirnisste Glattmalerei
kontinentaler Vorbilder. Der Einschnitt der Französischen Revolution mit
der zeitweiligen Abschaffung der Pariser Akademie bleibt nur eine kurze
Episode. Nachhaltiger auf den Lehrbetrieb wirken die antiakademischen
Tendenzen der Romantik.
## Individuelle Selbsterkundung
Mit der Rückkehr der Nazarener und anderer, die sich zuvor mit großer Geste
absentiert hatten, etabliert sich in Gestalt der Meisterklasse
institutionelle Hierarchie in einer neuen personalisierten Form. Für den
Akademiegegner Gustave Courbet ist die Meister-Schüler-Beziehung später ein
Selbstwiderspruch. Künstlerische Entwicklung ist ihm nur als individuelle
Selbsterkundung denkbar.
Der [2][Avantgarde als Kunst gelingt immer nur die temporäre Unterbrechung
des Betriebs.] Als Bewegung gegen die Institution Kunst bekämpft sie zur
Überwindung der Trennung von Kunst und Lebenspraxis gerade jene Autonomie,
deren symbolisches Mehr sie für den Fortschritt in die Waagschale wirft.
Der Begriff wird mehrdeutig, unter seiner Dachmarke formieren sich
ästhetische, kunstbetriebliche und politische Geltungsansprüche, die
keineswegs gleichsinnig voranschreiten.
Gegenpositionen gehen aus der Akademie selbst hervor, neue Bewegungen
breiten erfolgreich ihre Curricula aus. Im Katalog zur Ausstellung verfolgt
Sabeth Buchmann die Wirkung der Reformpädagogik des Bauhauses, die den
Fokus vom Werk auf die Selbstreflexion im Schaffensprozess lenkt, bis
hinein in die Sprachspiele gegenwärtiger konzeptueller Kunst.
## Der „Düsseldorfer Akademie-Krach“
In seinem Text über den „Düsseldorfer Akademie-Krach“ in den 1960er Jahren
verweist Hans-Jürgen Hafner darauf, dass der Protest von Studierenden nicht
überkommenem Akademismus galt, sondern exponierte Vertreter der Moderne
traf. Einige Aktivisten kehren im Rückgriff auf eine neue figurative
Malerei an die Akademie zurück, etwa Jörg Immendorff als Professor.
Das Konzentrat einer Akademiegeschichte hinterlässt der Gegenwart Fragen
nach dem stillen Rückzug des Staates. Das Interesse an Repräsentation durch
Kunst gehört weitgehend der Vergangenheit an, ebenso eine
gesellschaftspolitische Reformagenda, in deren Windschatten das Feld lange
Zeit expandierte.
Die neue Indifferenz untergräbt als Effizienzgebot für einen schlanken
Staat langfristig auch die Finanzierungsgrundlage der Akademien. Welche
Argumente können ihre partiell dem Primat der Ökonomie enthobene Praxis
dagegen noch behaupten?
Entfesselte, globalisierte Märkte stellen das Spekulationsobjekt Kunst
ununterscheidbar neben andere Luxusgüter. Löst am Ende der Geschichte der
Avantgarde das Kapital unverhofft deren Forderung ein, die Trennung von
Kunst und Lebenspraxis zu überwinden? Die Frage, wer Kunst konsekriert,
wird neu gestellt. Funktionen und Institutionen des traditionellen Betriebs
– Kritik, Museum, Akademie – werden damit nicht obsolet, sie drohen zum
Dekor im Dienst der Verwertung zu werden.
4 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Raffael-Ausstellung-in-Wien/!5448413
(DIR) [2] /Dada-Pop-Punk-und-linker-Aktivismus/!5546615
## AUTOREN
(DIR) Uwe Mattheiß
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Ausstellung
(DIR) Akademie der Künste
(DIR) Wien
(DIR) Avantgarde
(DIR) Kunsthochschule
(DIR) Kunstgeschichte
(DIR) Gegenwartskunst
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Verteidigung der Literaturkritik: Für die Störung des Betriebsablaufs
Warum Literaturkritik? Weil es in der Literatur um etwas geht. Literatur,
die glaubt, keine Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufgegeben.
(DIR) Preis für palästinensische Architekten: Optimisten in pessimistischen Zeiten
In der Akademie der Künste Berlin wurden die palästinensischen Architekten
Elias und Yousef Anastas ausgezeichnet. Aus Stein entwickeln sie Module.
(DIR) Aktionskünstler Milan Knížák gestorben: Der Erfinder der „Broken Music“
Milan Knížák prägte die tschechische Kunstszene als Aktionskünstler und
Pädagoge. Seine Arbeit als Rektor der Akademie der Bildenden Künste Prag
polarisierte. Ein Nachruf.