# taz.de -- Unterwegs mit Musik: Die Menschen da draußen
       
       > Mit Musik geht vieles besser, ganz nah am Ohr. Man kann dabei die
       > Menschen um sich sozusagen ausknipsen. Gruselig ist das, meint unsere
       > Kolumnistin.
       
 (IMG) Bild: Draußen ist man selten allein. Aber man kann die anderen halt auch für sich „draußen“ lassen
       
       Seit Kurzem besitze auch ich solche [1][kleinen Bluetooth-Kopfhörer], die
       man sich direkt in die Ohrmuschel steckt, um – ja, warum eigentlich? Der
       Liebste hat sie mir geschenkt, damit ich auch unterwegs mit ihm
       telefonieren kann, ohne dass er über den Lautsprecher meines Handys zu
       hören ist.
       
       Nun bin ich dabei ja aber – trotz der Ohrstecker – immer noch zu hören und
       ziehe es deshalb auch weiterhin vor, private Telefonate in der
       Öffentlichkeit möglichst zu vermeiden: weil ich andere Leute nicht
       ungefragt mit meinen Privatangelegenheiten belästigen will. Zu oft habe ich
       mich selbst schon über lautstark telefonierende Leute im Bus oder gar an
       der Supermarktkasse geärgert – weniger wegen der Lautstärke, sondern weil
       sie dabei die Bedürfnisse und Befindlichkeiten und damit im Grunde die
       lebendige Existenz der Menschen in ihrer Umgebung so überheblich und
       geringschätzig wegignorieren.
       
       Eine andere Möglichkeit, die mir die neuen Kopfhörer eröffnen, finde ich
       dagegen allerdings geradezu großartig: Ich gehe jetzt morgens – wie fast
       immer – zu Fuß zur Arbeit und höre dabei – neu! – Musik! Das lenkt mich von
       der Monotonie des immer gleichen Wegs ab, der mich an einer viel befahrenen
       Straße links und verwilderten, menschenleeren Grünanlagen rechts
       entlangführt und auf dem außer mir kaum jemand zu Fuß unterwegs ist, sodass
       ich mich nur wenig auf andere Verkehrsteilnehmer*innen konzentrieren
       muss.
       
       So ist das Zu-Fuß-Gehen mit Musik eine beinahe rauschhafte Erfahrung – es
       versetzt mich in einen Rhythmus, der mein Gehen gleichzeitig schwungvoller
       und ruhiger macht, regelmäßiger. Das ist gleichzeitig entspannend und
       hochkonzentriert: gehen wie in meditativer Trance. Ich habe begonnen,
       Playlists für verschiedene am Tag zu erwartende Herausforderungen
       zusammenzustellen: von Trance House und Techno über Deutschrap bis zu a
       cappella gesungener [2][Kirchenmusik der Spätrenaissance], je nachdem,
       welche Art von Grundstimmung ich gerade brauche oder bekämpfen will. Und
       ich fühle mich damit auf dem Weg zur Arbeit wie eine Sportlerin auf dem Weg
       in die Arena: topfit, fokussiert und allen Herausforderungen gewachsen –
       souverän im zwanglosesten Sinne des Worts.
       
       Einen Schock versetzte mir allerdings der Versuch, dieses Erlebnis auch im
       Gedränge des öffentlichen Berliner Nahverkehrs auszuprobieren: Schon auf
       dem U-Bahnhof Hermannplatz fühlte ich mich in der quirligen Menge mit
       meiner Musik auf den Ohren plötzlich wie isoliert. Die anderen Menschen
       schienen sich wie Figuren in einem Computerspiel um mich herum zu bewegen:
       Komparsen, „Non Player Characters“ – Hindernisse eigentlich.
       
       Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, was der Grund dafür war: Ich
       hörte sie nicht mehr! Die Macht meiner Kopfhörer hatte sie einer ihrer
       wesentlichsten, wesenhaftesten Eigenschaften, der Sprache, beraubt,
       verstummen lassen (beziehungsweise eigentlich natürlich ich).
       
       Irgendwie schien mich die Welt um mich herum damit plötzlich weniger
       anzugehen – und mit ihr die Menschen darin. Ich konnte sie an- und
       abschalten, mich so als Teil der lebendigen Menge fühlen oder von ihr
       absondern: körperlich zwar anwesend, also sichtbar, aber akustisch
       unerreichbar, schalldicht. Irgendwie anders als diese anderen: erhaben.
       
       Ich mach das nicht mehr! Es war ein geradezu gruseliges Erlebnis, eine
       schockierende Erfahrung: Souveränität im autoritärsten Sinne des Wortes,
       eine von den anderen unkontrollierbare Macht über sie. Aber immerhin auch
       lehrreich: Ich habe seither nämlich irgendwie das Gefühl, die Bedeutung der
       bei Politiker*innen so beliebten Erzählung von „den Menschen da
       draußen“ zu verstehen.
       
       30 Aug 2026
       
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