# taz.de -- Verabredungen auf dem Land: Zurück auf null
       
       > Wenn man auf dem Land wohnt, passiert ohne Verabredungen gar nichts. Das
       > pralle Leben fühlt sich anders an.
       
 (IMG) Bild: Es stimmt ja nicht, dass auf dem Land gar nichts los ist
       
       Dass es nicht einfach sein würde, soziale Kontakte zu halten, wusste ich
       vorher. Vielleicht war das sogar die größte Hürde beim Umzug aufs Land,
       denn den Rest kannte ich schon aus meiner Kindheit: die abends
       hochgeklappten Bürgersteige, die soziale Kontrolle, das überschaubare
       Kulturprogramm und so weiter. Ich hatte keine Sorge, mich nicht wieder
       daran zu gewöhnen.
       
       Was mich hingegen schon beunruhigte: mich ab jetzt für jedes Treffen
       verabreden zu müssen. Weil man hier draußen bei plötzlicher Langeweile
       nicht einfach ins Viertel schlendert, wo schon irgendwer zwischen Konzert,
       Kneipe und Theater unterwegs sein wird.
       
       Im Kern hat sich das dann auch bewahrheitet. Die Spontaneität ist quasi
       restlos getilgt aus meinem Sozialleben. Dass dieser Zustand in der Praxis
       dann aber gar nicht so schlimm ist, liegt an all den Menschen, die sich
       viel Mühe mit mir geben: der Bremer Freund, der sich schon Tage vorher auf
       einen Kaffeespaziergang in Bahnhofsnähe festnageln lässt. Der andere aus
       der Gegenrichtung, der auch für einen kurzen Kartenspielabend ins Auto
       steigt. Und auch alle, die mich in Hamburg oder Berlin zuverlässig
       aushalten, halten mein Sozialleben auf angenehm hohem Niveau.
       
       Dafür bin ich dankbar und ich weiß auch, dass es vielen hier draußen
       schlechter geht. Und inzwischen habe auch ich Phasen erlebt, in denen es
       nicht so rund läuft – in denen man über Wochen nicht rauskommt, und in
       denen es hier einsam werden kann. Und wenn die Kraft fehlt, um Ausflüge zu
       planen oder Einladungen auszusprechen, dann passiert eben auch gar nichts.
       
       ## Allein im Dreckskaff
       
       Ich hatte nie viel übrig für Leute, die ihrer Schulzeit nachtrauern. Damals
       hatte ich viele ältere Freund:innen und ich kann mich noch gut erinnern,
       wie sie mich erst im Dreckskaff allein zurückließen, um mir nach einem
       Vierteljahr Studium oder Zivildienst Vorträge darüber zu halten, dass ich
       mir die Scheiße auch bald zurücksehnen würde.
       
       Ich habe es nicht getan und werde wohl auch nicht mehr damit anfangen. Was
       ich mir aber tatsächlich manchmal wünsche, wäre ein offener Raum, in dem
       man alte wie neue Bekannte trifft, der durchlässig genug für Unerwartetes
       ist, aber auch verlässlich genug, um das zu pflegen, was schon da ist.
       
       Wahrscheinlich habe ich die falschen Hobbys für so was und verhalte mich in
       politischen Zusammenhängen zu unberechenbar. Ich bin auch – glaube ich –
       überdurchschnittlich stark vom Verfall gesellschaftlicher Konventionen
       betroffen. Womit ich meine: Meine Freund:innen heiraten entschieden zu
       wenig und feiern ihre Geburtstage zu selten.
       
       Am Anfang des Sommers, als plötzlich alle weg waren, habe ich schon kurz
       überlegt, mich um Mitgliedschaft in der Arno-Schmidt-Gesellschaft zu
       bemühen. Oder Kafka. So ein vergeistigter Zusammenhang jedenfalls, der
       einerseits nicht nur aus Linksradikalen besteht, andererseits aber auch
       keine bescheuerten Grillfeste veranstaltet. Irgendwas muss es doch geben in
       diesem Spannungsfeld.
       
       Ich hoffe, Sie versprechen sich keine konkreten Vorschläge von diesem Text,
       denn mehr ist bei mir nicht zu holen. Außer vielleicht die Idee, etwas
       weniger Homeoffice zu machen, weil man auf Dauer schon unangenehm
       selbstgerecht wird davon.
       
       Wobei ich mich jetzt gerade frage, ob es nach über 50 Folgen
       Speckgürtelpunks nicht langsam an der Zeit wäre, die „geistige
       Mülltrennung“ vom Anfang wieder in den Blick zu nehmen. Arbeiten in der
       Stadt, das Leben hier draußen – so war der Plan, aber so langsam schleicht
       sich dann doch die Ahnung ein, dass genau das Gegenteil passiert ist. Und
       das kann ja nicht gut gehen.
       
       20 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan-Paul Koopmann
       
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