# taz.de -- Gereizte Stimmung in der Ukraine: Wut in Kyjiw: Trump liefert uns an Putin aus
       
       > Die Nähe der Präsidenten der USA und Russlands sorgt für Protest in der
       > ukrainischen Hauptstadt. Auch der Bürgermeister ist Zielscheibe.
       
 (IMG) Bild: Im Zentrum von Kyjiw: Tetiana Soptschenko protestiert gegen US-Präsident Trump, am 18. 10. 2026
       
       Seit einer Stunde steht Tetiana Soptschenko auf dem Maidan im Zentrum von
       Kyjiw. Es regnet in Strömen. Sie hält ein Protestschild in die Höhe. Darauf
       spielen Donald Trump und Wladimir Putin mit blutverschmierten Händen
       Karten, an ihren Füßen verblutet ein kleines Mädchen in traditioneller
       ukrainischer Tracht.
       
       „Genauso fühlen wir Ukrainer uns heute“, sagt die 65-jährige Rentnerin.
       „Gierige Politiker spielen mit unseren Leben.“ Ihr Bruder gehörte vor vier
       Jahren zu den Verteidigern von [1][Mariupol]. Er wurde vermutlich dort von
       der russischen Armee getötet. Er wurde nie begraben. Seine Leiche wurde bis
       heute nicht übergeben.
       
       Jede Woche gibt es auf dem Maidan eine Versammlung zur Unterstützung der
       Forderung, dass [2][ukrainische Kriegsgefangene] in russischer Haft
       heimkehren sollen. Diesmal gibt es einen zusätzlichen Grund zum
       Demonstrieren: [3][Trumps Politik]. Über hundert Frauen und Männer halten
       ukrainische Fahnen, Plakate mit der Parole „Gefangenschaft tötet“ – und
       Poster gegen den US-Präsidenten.
       
       „Die Angriffe auf Kyjiw sind immer intensiver geworden“, sagt Tetiana
       Soptschenko. „Manchmal gibt es sechs oder sieben Mal Luftalarm in einer
       einzigen Nacht. Meine Enkelin ist vier, sie zittert bei jeder Explosion.
       Aber der US-Präsident will sie nicht schützen. Nicht die Kinder. Sondern
       russische Ölraffinerien. Weil ihm Geld wichtiger ist als unser Leben. Er
       ist dazu bereit, für russisches Öl mit unseren Leben zu zahlen! Ich kann
       nicht glauben, dass dies in der modernen Welt passiert.“
       
       ## Trump ermutigt Putin, sagt Selenskyj
       
       Der US-Präsident hat mehrfach ukrainische Angriffe auf die russische
       Ölinfrastruktur für die globale Treibstoffkrise verantwortlich gemacht,
       obwohl die Preissteigerungen in erster Linie an seinem eigenen Krieg gegen
       Iran liegen. Dass er russisches Dieselöl kaufen will, hat in der Ukraine
       Kritik ausgelöst.
       
       Präsident Wolodymyr Selenskyj hat gesagt, die Ukraine sei zum Stopp ihrer
       Angriffe auf Russlands Ölraffinerien bereit – wenn im Gegenzug Russland
       seine Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur einstellt oder die
       Ukraine ausreichend Abwehrmittel erhält.
       
       „Amerika muss sehen, dass Russland in Reaktion auf die Aufhebung von
       Sanktionen oder auf Vereinbarungen keine Schritte Richtung Frieden
       unternimmt“, schrieb Selenskyj auf seinem Telegram-Kanal. „Im Gegenteil:
       Jedes Signal, dass Geld verdient werden kann, wird von Russland als Beweis
       interpretiert, dass sein Krieg funktioniert und dass es weiterkämpfen kann.
       Russlands Haltung ist der Grund, warum der Krieg weitergeht, nicht die
       rechtmäßige Selbstverteidigung der Ukraine.“
       
       Laut dem ukrainischen Präsidenten hat Russland seit [4][Trumps Verkündung
       einer „Energie-Feuerpause“ vor einer Woche] 76 Angriffe auf die ukrainische
       Energieinfrastruktur durchgeführt. Auch an diesem Sonntag gibt es
       Stromausfall in Kyjiw und vielen anderen Landesteilen, die Wasserversorgung
       ist gestört.
       
       „Trump sagt viele Dinge“, ärgert sich auf dem Maidan eine andere
       Demonstrantin, die ebenfalls Tetiana heißt und 53 Jahre alt ist. „Erinnern
       Sie sich, wie er am 8. Mai schrieb, dass er die Rückkehr von 1.000
       ukrainischen Gefangenen aus Russland ausgehandelt hat, und im Gegenzug die
       Weltkriegs-Siegesparade in Moskau stattfinden kann? Die Parade fand statt,
       aber es kamen nicht 1.000 Gefangene zurück. Nur ein Drittel so viel wurden
       ausgetauscht. Dann hat er seine Nachricht darüber vom offiziellen Konto des
       Weißen Hauses gelöscht. Also wie sollen wir ihm als Verbündeten vertrauen,
       wenn er sein Wort bricht und uns jetzt zur Kapitulation auffordert?“
       
       ## Bürgermeister Klitschko tut zu wenig, sagen manche
       
       Ermüdet durch die russischen Angriffe und die dadurch verursachten Ausfälle
       und Verkehrsprobleme, kritisieren Einwohner Kyjiws nicht nur ihre
       westlichen Partner, sondern auch ihre lokalen Behörden. Am Samstag forderte
       ein Protest vor dem Gebäude der Stadtverwaltung den Rücktritt von
       Bürgermeister Witali Klitschko. Der legendäre Athlet und dreifache
       Boxweltmeister ist seit zwölf Jahren Bürgermeister der ukrainischen
       Hauptstadt. Neuwahlen gibt es wegen des Kriegsrechts nicht.
       
       [5][Ein harter Winter steht bevor], der Bürgermeister steht vor der
       Herausforderung, mobile Schutzräume bereitzustellen, die Heizsaison
       vorzubereiten und mit Stromausfällen umzugehen.
       
       Weil sie mit seinen Leistungen unzufrieden sind, sammelten sich am Samstag
       bis zu 1.000 Menschen im Herbstnebel, darunter Kriegsveteranen,
       Bürgeraktivisten und viele Jugendliche. Sie sangen „Kyjiw ohne Klitschko!“
       und, wie es inzwischen üblich ist bei Protesten in Kyjiw, schwenkten
       Protestplakate aus Pappkartons mit ironischen Sprüchen.
       
       „Schrödingers Bürgermeister: Klitschko existiert unabhängig von seinen
       Zuständigkeiten“, stand da, oder: „Ich gehe aus Kyjiw nicht weg, soll
       dieser inkompetente Bürgermeister weggehen“, oder „Blackout in Kyjiw, k. o.
       für Klitschko“.
       
       „Nach zwölf Jahren hat der Bürgermeister völlig den Bezug zur Realität
       verloren“, sagt der 27-jährige Softwareentwickler Artem Ostrovnyi. „Er
       kümmert sich um Parks, gläserne Bushaltestellen und Baustellen in
       historischen Vierteln. Aber nach fast fünf Jahren Krieg gibt es einen
       einzigen mobilen Schutzraum, wo man sich vor den Shahed-Drohnen verstecken
       kann! Er sollte durch jemand ersetzt werden, der fähiger ist.“
       
       Die 48-jährige freiwillige Katastrophenhelferin Kateryna Terekhova sagt,
       dass die Behörden es nicht schaffen, die bei russischen Angriffen
       zerstörten Gebäude wieder aufzubauen. „Ich helfe, nach Angriffen Trümmer
       wegzuräumen, und unsere Organisation hilft den Menschen, ihre Wohnungen
       instand zu setzen“, sagt sie. „Aber warum machen das Freiwillige? Und nicht
       die städtischen Behörden?“
       
       Ein kleiner Gegenprotest versammelte sich in der Nähe, mit einer Handvoll
       Leuten, die Plakate mit der Aufschrift „Klitschko ist unser Bürgermeister“
       hochhielten. Der 43-jährige Lehrer Artem meint: „Ich glaube, die Kritik an
       Klitschko rührt von seinem politischen Konflikt mit Präsident Selenskyj. Es
       ist der Präsident, der die Bezirksverwaltungen einsetzt, und die blockieren
       viele Entscheidungen. Klitschko wird absichtlich untergraben, weil er nicht
       zum Team des Präsidenten gehört.“
       
       Nach zwei Stunden war alles vorbei. Der Alltag setzte wieder ein: Luftalarm
       und Stromausfall.
       
       18 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Surkowa
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Kyjiw
 (DIR) Klitschko
 (DIR) Social-Auswahl
       
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