# taz.de -- Energie-Knappheit in der Ukraine: Sie wissen nicht, wohin
       
       > In der Ukraine steht der wohl härteste Winter seit Anfang des Krieges
       > bevor. Die NGO Proliska rechnet mit einer „Evakuierungswelle“.
       
 (IMG) Bild: Eine Frau muss ihr beschädigtes Zuhause verlassen, nach einem nächtlichen russischen Raketenangriff in Kyjiw
       
       Die Rentnerin Olena Projdak füllt bei Kerzenlicht in ihrer Küche einen
       20-Liter-Kanister mit Wasser. Seit fast sechs Stunden hat die 70-Jährige
       keinen Strom mehr in ihrer Wohnung. Sie hat Angst, dass es bald auch kein
       Wasser mehr gibt, darum legt sie einen Vorrat an.
       
       „Alle sagen, dass der kommende [1][Winter in Kyjiw] der härteste seit
       Kriegsbeginn wird und wir die Stadt verlassen sollen. Aber wohin soll ich
       gehen? Mein Haus steht in den russisch besetzten Gebieten“, sagt Olena.
       2014 fiel Olenas Heimatstadt im Gebiet Luhansk unter russische Besetzung.
       
       Darum zog sie zunächst zu Verwandten ins Gebiet Donezk, doch nach dem
       russischen Großangriff verlor sie auch dort ihr Zuhause. Jetzt lebt sie in
       einer Mietwohnung in Kyjiw, unter ständigem russischen Beschuss und den
       damit verbundenen [2][Stromausfällen].
       
       „Putin zerstört unsere Heizkraftwerke, er terrorisiert absichtlich die
       Zivilbevölkerung“, sagt Olena. „Ich traue mich schon nicht mehr ins
       Einkaufszentrum nebenan, weil die gerade verstärkt beschossen werden“, sagt
       sie und zeigt ihre Anschaffungen für den Winter: Taschenlampen, Kerzen,
       Powerbanks, Thermopads, Wasserbehälter und ein Vorrat an Medikamenten. „Für
       mehr hatte ich kein Geld“, sagt sie und streichelt die Katze, die sie aus
       ihrer russisch besetzten Heimat mitgebracht hat.
       
       Die ukrainische Hauptstadt hat Ende September auf Notstromabschaltungen
       umgestellt, nachdem Russland die Energieinfrastruktur in Kyjiw und Umgebung
       bombardiert hatte. Seit Anfang Oktober gehören Stromausfälle zum Kyjiwer
       Alltag. In einigen Stadtteilen war auch die Wasserversorgung unterbrochen.
       
       Trotz der am 11. Oktober vom US-Präsidenten Donald Trump unerwartet
       verkündeten [3][„Energie-Waffenruhe“] zwischen der Ukraine und Russland
       gehen die russischen Angriffe auf Kyjiw unvermindert heftig weiter.
       
       Am 13. Oktober meldete der ukrainische Präsident auf seinen
       Social-Media-Kanälen: „Das Hauptangriffsziel war das Heizkraftwerk Nummer
       4. Leider gab es Treffer. Das Kraftwerk 4 ist eine der wichtigsten
       Energieanlagen in Kyjiw.“ In der Nacht zum 14. Oktober gab der Kyjiwer
       Bürgermeister Vitali Klitschko [4][Angriffe auf alle drei Kyjiwer
       Heizkraftwerke] bekannt.
       
       Täglich werden auch zivile Objekte getroffen: Wohnhäuser, Parks und
       Bürogebäude. Der ITler Dmytro Tschobytsch war gerade in einer
       Videokonferenz, als eine russische Drohne einige Stockwerke über ihm
       einschlug. „Zuerst hatte ich nicht mal den Luftalarm mitbekommen“, sagt
       Tschobytsch, der Handyspiele entwickelt. „Aber die Explosion war total
       laut, und plötzlich war mein Büro voller Rauch. Meine ausländischen
       Kollegen konnten das quasi live mitverfolgen, aber sie sind aus Israel und
       wissen, was Krieg bedeutet.“
       
       Gerade prüfen sie im Büro, wie sie auf Homeoffice umstellen können, damit
       die Leute wegfahren können, wenn sie müssen oder wollen. „Gut ist das
       nicht. Aber wie soll man so arbeiten? Heute Morgen sind die Geschosse
       direkt in einen Park eingeschlagen, in dem gerade eine Kindergruppe
       unterwegs war“, sagt Tschobytsch.
       
       Die Studentin Alina war dort gerade in einem Fitness-Studio im Erdgeschoss
       des Bürohauses: „Ich halte das nicht mehr aus. Gestern ist eine Granate
       direkt neben meinem Haus eingeschlagen, gerade eben gab es eine Explosion
       direkt über mir – ich habe sogar im Auto die Hitzewelle gespürt. Man kann
       eigentlich nichts mehr planen, wenn man weiß, dass man zum Training geht
       und dann vielleicht kein Zuhause mehr hat, in das man zurückkehren kann“,
       sagt die Studentin.
       
       Allein am 13. und 14. Oktober wurden in Kyjiw fünf Menschen durch russische
       Angriffe getötet und 36 verletzt. Die meisten Verletzten gab es im Bezirk
       Desnjansky, wo eine Rakete ein neungeschossiges Wohnhaus getroffen hat.
       
       „Heute bin ich einfach zu erschöpft, all das zu zählen, was seit dem Morgen
       auf die Ukraine nieder gegangen ist – Ballistik auf Kyjiw, Lenkbomben auf
       Charkiw und Molnija-Drohnen auf Kramatorsk“, sagt Jewhenij Kaplin, Leiter
       einer der größten ukrainischen Hilfsorganisationen, [5][Proliska]. Die
       Mitarbeiter von Proliska helfen seit 2014 der Zivilbevölkerung in den
       frontnahen Gebieten und anderen vom Krieg betroffenen Regionen.
       
       Aufgrund der Energiekrise und des zunehmenden Beschusses bereitet sich die
       Mission auf eine neue groß angelegte Evakuierungswelle aus den frontnahen
       Regionen vor. Nach Einschätzung ihrer Mitarbeiter verschlechtert sich die
       humanitäre Lage entlang der gesamten Frontlinie.
       
       „Das wird tatsächlich der härteste Winter seit Beginn des Krieges. In
       Cherson gibt es keine Aussicht auf Heizung, und dort leben 65.000 Menschen;
       in Nikopol ist ein ganzer Stadtteil an der Frontlinie betroffen, das sind
       etwa 50.000 Menschen. Dazu kommen noch etwa 85.000 Menschen im nicht
       besetzten Teil des Gebietes Donezk. Das heißt, potenziell müssen 200.000
       Menschen über den Winter evakuiert werden. Diese Evakuierungswelle wird das
       Land überrollen, sobald der erste Frost einsetzt“, sagt Kaplin.
       
       Die Situation verschärfe sich laut Kaplin dadurch, dass Großstädte wie
       Kyjiw und [6][Charkiw] selbst mit Stromausfällen zu kämpfen haben und daher
       nicht Tausende von Flüchtlingen aufnehmen können. „Diejenigen, die ein
       Häuschen auf dem Land haben, kommen dort besser über den Winter. Sie können
       mit einem Ofen heizen oder sich einen Generator kaufen“, sagt Oleksandr
       Serhienko, Direktor des Kyjiwer Forschungsinstituts „Instytut Mista“
       (Stadt-Institut).
       
       Allen anderen rät er zu Wasservorräten. Und die Bewohner von Hochhäusern
       sollten sich zusammenschließen und Solarmodule sowie zusätzliche
       Generatoren anschaffen, die es bei Stromausfällen ermöglichen, die Aufzüge
       zu betreiben und Wasser in die oberen Stockwerke zu pumpen.
       
       Der Experte ist davon überzeugt, dass die meisten Kyjiwer in der Hauptstadt
       bleiben werden, weil sie an Wohnung und Job gebunden sind oder nicht die
       Mittel für einen Umzug haben.
       
       Eine von ihnen ist Olena Projdak, die Rentnerin, die aufgrund der
       russischen Aggressionen bereits zweimal ihr Zuhause verloren hat: „Egal,
       wie der Winter wird, ich wüsste einfach nicht, wo ich hinfahren könnte. Ich
       bleibe also hier und vertraue auf Gott und die ukrainischen Streitkräfte“,
       sagt sie und füllt einen weiteren Wasserkanister.
       
       Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
       
       16 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kyjiw-ruestet-sich-fuer-Winter/!6221490
 (DIR) [2] /Kyjiw-ruestet-sich-fuer-Winter/!6221490
 (DIR) [3] /Zwischen-Energie-Waffenruhe-und-Trumps-Diesel-Deal-mit-Putin-Die-Angriffe-auf-die-Ukraine-gehen-weiter/!6221275
 (DIR) [4] /Kyjiw-ruestet-sich-fuer-Winter/!6221490
 (DIR) [5] https://proliska.org/
 (DIR) [6] /Pride-in-Charkiw/!6212787
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Surkowa
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Energiekrise 
 (DIR) Energiespeicher
 (DIR) Wasserversorgung
 (DIR) Kyjiw
 (DIR) wochentaz
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Russlands Methoden in der Ukraine: Ein Angriff auf die Zukunft
       
       Die russische Armee attackiert in der Ukraine nicht nur Öllager, sondern
       auch gezielt Orte der Kultur. Was das für Städte wie das westukrainische
       Luzk bedeutet.
       
 (DIR) Peruaner im Ukrainekrieg: Als Kanonenfutter nach Russland geködert
       
       Russland lockt Peruaner mit falschen Jobangeboten in den Ukrainekrieg.
       Viele werden vermisst, ihre Familien haben kaum Chancen, sie zu finden.
       
 (DIR) „Energie-Waffenruhe“ und Diesel-Deal: Übel mitgespielt
       
       Zwischen angeblicher „Energie-Waffenruhe“ und Trumps Diesel-Deal mit Putin
       gehen die Angriffe auf die Ukraine weiter. Und die EU ist wieder Zuschauer.