# taz.de -- Finanzexperte über Ernährungssicherheit: „Schocks werden weiterhin auftreten“
       
       > Lebensmittelinflation und Hunger sind aktuell die größten Probleme, sagt
       > Entwicklungsexperte Álvaro Lario. Für Lösungen brauche es auch privates
       > Geld.
       
 (IMG) Bild: Weder erschwinglich noch gesund noch nachhaltig, also ganz bestimmt keine Lösung: hochverarbeitetes Essen einer Fast-Food-Kette
       
       taz: Herr Lario, Sie arbeiten mit Staaten zusammen, die am stärksten von
       globalen Krisen betroffen sind. Wie große Sorgen machen Sie sich um die
       Ernährungssicherheit?
       
       Álvaro Lario: Auf globaler Ebene macht uns die Lebensmittelinflation am
       meisten Sorgen. Laut dem [1][Bloomberg Agriculture Spot Index] stiegen die
       weltweiten Agrarpreise zwischen Juli und September um 13 Prozent. In den
       kommenden Monaten wird die Inflation weiter zunehmen. Durch die aktuelle
       Krise sind die [2][Ölpreise] gestiegen und damit die Transportkosten. Damit
       werden auch Weizen, Mais und so weiter teurer. Wenn man also in den
       Supermarkt geht, kosten die Nudeln mehr, das können wir alle beobachten.
       Aber natürlich sind Familien mit geringerem Einkommen am stärksten
       betroffen. In Entwicklungsländern entsteht dadurch großer Druck auf die
       Politik – und auf die Bevölkerungsgruppen, die ins Hintertreffen geraten.
       Das ist der erste Punkt.
       
       taz: Was ist der zweite Punkt? 
       
       Lario: Hunger. Derzeit sind weltweit fast 650 Millionen Menschen von Hunger
       betroffen. Diese Zahl ist zwar leicht zurückgegangen, aber es ist immer
       noch fast jeder Zehnte auf der Welt. Das ist sehr viel. Eine weitere Zahl,
       die ich alarmierend finde, ist, dass sich fast 2,7 Milliarden Menschen –
       fast ein Drittel weltweit – keine [3][gesunde Ernährung] leisten können.
       Immer mehr Menschen kaufen verarbeitete Lebensmittel und kein frisches
       Gemüse, Obst oder pflanzliche Proteine wie Bohnen, Erbsen und Linsen, weil
       diese immer teurer werden.
       
       taz: Die aktuelle Ölkrise hat offenbart, wie abhängig die Ernährungssysteme
       von fossilen Brennstoffen sind, die zum Beispiel für [4][die Herstellung
       von Kunstdünger] gebraucht werden. Welche Lehren ziehen Sie aus dieser
       Krise? 
       
       Lario: Es geht nicht nur um die Abhängigkeit von Kunstdünger und Öl,
       sondern auch um die Abhängigkeit vom Handel. In Afrika beispielsweise sind
       viele Länder nicht selbstversorgend mit Nahrungsmitteln. Das ist besonders
       merkwürdig, da Afrika über die Flächen, die Fähigkeiten und die
       Arbeitskräfte verfügt, um sich selbst zu versorgen. Dennoch hat die
       Afrikanische Union kürzlich festgestellt, dass der Kontinent jedes Jahr
       Lebensmittel im Wert von fast 100 Milliarden US-Dollar importiert. Hinzu
       kommen Düngemittel und Saatgut. Das erschwert es, auf globale Schocks zu
       reagieren.
       
       taz: Afrika sollte autark sein? 
       
       Lario: Die Länder müssen ihre Strukturen in den Bereichen Vertrieb,
       Lagerung, Produktion und Verarbeitung eines Teils der Lebensmittel zu
       höherwertigen Erzeugnissen stärken. Das macht die Länder
       widerstandsfähiger, denn Schocks werden weiterhin auftreten. Das haben wir
       gesehen. Es könnte Covid sein, der Einmarsch in die Ukraine, die Blockade
       der Straße von Hormus, es könnten [5][Dürren, Hitzewellen oder
       Überschwemmungen] sein. All das wird nicht verschwinden. Genau das ist im
       Grunde die Aufgabe des International Fund for Agricultural Development
       (Ifad). Wir versuchen, diese Strukturen zu schaffen, insbesondere in den am
       wenigsten entwickelten Ländern.
       
       taz: Welche Rolle spielt es, wie Landwirt*innen Nahrungsmittel anbauen?
       Hilft es, auf eine nachhaltige Landwirtschaft umzustellen, die nicht von
       fossilen Brennstoffen abhängig ist, sondern ökologisch betrieben wird wie
       beispielsweise die Agrarökologie? 
       
       Lario: Wir haben ein Projekt in Benin, bei dem Fliegenlarven mit Biokohle
       kombiniert werden, um organischen Dünger herzustellen. Aber es ist nicht so
       einfach, das finanziell tragfähig zu machen. Damit ein Kleinbauer auf
       Agrarökologie umstellen kann, braucht er drei oder vier Jahre, um die
       Bodengesundheit zu verbessern – und in denen fällt sein Kapitalfluss
       geringer aus. Danach könnte er sogar noch produktiver sein und
       nährstoffreichere Produkte herstellen. Aber die Bauern und Bäuerinnen
       müssen für den Zeitraum, in dem sie Verluste machen, bezahlt werden.
       
       taz: Könnte Agrarökologie – also eine Landwirtschaft, bei der auch
       umliegende Ökosysteme wie Wälder oder Moore mitgedacht werden – langfristig
       die Welt ernähren? 
       
       Lario: Ich halte es für ein Wirtschaftsmodell, das funktionieren könnte.
       Aber einen vollständigen Wandel würde ich nicht erwarten. In der
       Landwirtschaft müsste ebenso schrittweise vorgegangen werden wie im
       Energiesektor. Agrarökologie ist ein Ansatz, den wir fördern, aber wir
       verstehen auch, dass dies – insbesondere für Kleinbauern und im Hinblick
       auf die Bodengesundheit – nicht von heute auf morgen geschehen kann. Es
       geht auch um lokale Eigenverantwortung. Es geht darum, sicherzustellen,
       dass Kleinbauern nicht nur Subsistenzwirtschaft betreiben, sondern eine
       rentable Kleinproduktion aufbauen.
       
       taz: Einige Kleinbauern befürchten, dass sie im Zuge der zunehmenden
       Industrialisierung der Landwirtschaft gegenüber großen Konzernen den
       Kürzeren ziehen. 
       
       Lario: Ich glaube nicht, dass es sich um eine Entweder-oder-Situation
       handelt. Wir unterstützen beides. Kleinbauern verfügen nicht über die
       nötige kritische Masse; sie können ihre Produkte nicht auf dem Markt
       absetzen oder Betriebsmittel zu einem bestimmten Preis einkaufen. Wir
       helfen ihnen dabei, Genossenschaften, Erzeugerorganisationen und
       Frauenverbände zu gründen. Eine gewisse Größe ist notwendig, um die
       Landwirtschaft wirtschaftlich rentabel zu machen. Und immer mehr
       Staatschefs in Afrika wollen Wertschöpfung und mehr Verarbeitung in ihren
       eigenen Ländern. Das schafft Arbeitsplätze. Größe ist wichtig, solange man
       sich nicht auf Monokulturen konzentriert, die letztendlich früher oder
       später ebenfalls nicht mehr rentabel sein werden, weil sie den Boden
       auslaugen und die Nährstoffqualität beeinträchtigen.
       
       taz: Trotz der drastischen Kürzungen bei den Entwicklungsmitteln ist der
       deutsche Beitrag zum Internationalen Fonds für landwirtschaftliche
       Entwicklung (Ifad), den Sie leiten, bislang stabil geblieben. Wie sieht die
       Situation insgesamt aus?
       
       Lario: Von unseren wichtigsten Gebern können wir mit stabilen Beiträgen
       rechnen. Auch die Länder, in die investiert wird, haben ihre eigenen
       Beiträge erhöht. Sie wissen es zu schätzen, dass wir versuchen, den lokalen
       Privatsektor zu fördern und Arbeitsplätze zu schaffen. Es handelt sich eher
       um einen produktiven und investitionsorientierten Ansatz als um reine
       Hilfe. Wir erhalten außerdem Mittel vom Markt, von Pensionsfonds und von
       Investoren, die uns Geld zu einem sehr niedrigen Zinssatz leihen, da wir
       ein sehr hohes Rating haben.
       
       taz: Der Ifad ist 2022 als erste UN-Organisation auf den Kapitalmarkt
       gegangen – und hat ein AA+ Rating erhalten. Ersetzt dieses Modell zukünftig
       öffentliche Entwicklungsgelder? 
       
       Lario: Die öffentliche Entwicklungshilfe belief sich im Jahr 2025 weltweit
       auf rund 175 Milliarden US-Dollar. Wenn wir nur von Subventionen in der
       Landwirtschaft durch Industrieländer sprechen, waren es von 2019 bis 2021
       jährlich etwa 700 Milliarden. [6][Rücküberweisungen] beliefen sich auf
       weitere 730 Milliarden. Die öffentliche Entwicklungshilfe wird also oft
       stark überschätzt. Als Institution im Entwicklungsbereich müssen wir
       sicherstellen, dass diese Mittel als Katalysator wirken und Geld aus dem
       privaten Sektor anziehen, denn dort liegt das eigentliche Geld. In unserem
       Fall mobilisieren wir es für die „erste Meile“ – dort, wo extreme Armut
       herrscht.
       
       taz: Bei diesem Modell brauchen Investoren Renditen. Könnte dies dazu
       führen, dass sich die Ausrichtung der Entwicklung verändert – geht es dann
       weniger um die Menschen und mehr um die Investoren? 
       
       Lario: In unserem Fall dreht sich alles um die ländliche Gemeinschaft. Wir
       geben Anleihen aus, die dank unseres AA+ Ratings attraktive Zinssätze mit
       sehr hoher Bonität verbinden. Befindet sich ein Land in einer
       Schuldenkrise, stellen wir ihm Zuschüsse zur Verfügung, die für das Land
       kostenlos sind, aber eine Finanzierung durch Geber erfordern. In allen
       anderen Fällen gewähren wir hoch vergünstigte Darlehen, beispielsweise zu
       einem Zinssatz von 0,5 bis 0,75 Prozent über lange Laufzeiten von 30 bis 40
       Jahren, je nach Land. Würden diese Länder sich das Geld auf dem Markt
       beschaffen, wäre der Zinssatz deutlich höher. Das Modell funktioniert.
       
       taz: Wie erzielen Sie bei diesen Zinssätzen Renditen? 
       
       Lario: Es ist eine Mischung aus den freiwilligen Beiträgen der Länder und
       der Kreditvergabe an eine Reihe von Ländern.
       
       taz: Mit welchem Argument werben Sie für die freiwilligen Beiträge der
       Staaten? 
       
       Lario: Es ist wichtig, weiterhin in Entwicklung zu investieren, Stabilität
       zu schaffen und widerstandsfähige Wertschöpfungsketten aufzubauen. Ich
       würde sagen, mehr Arbeitsplätze und wirtschaftliche Chancen schaffen
       Stabilität, tragen zu weniger Konflikten, weniger Kriegen in der Zukunft
       und weniger Zwangsmigration bei.
       
       taz: Sie haben bereits die hohen Subventionen der EU und der USA erwähnt.
       Was sind Ihrer Einschätzung nach die größten externen Faktoren, die
       Landwirten in Ländern mit niedrigerem Einkommen schaden?
       
       Lario: Wir sind der Ansicht, dass Subventionen konstruktiv sein müssen,
       etwa um Landwirten zu helfen, sich besser an Klimaschocks anzupassen. Ein
       weiterer Punkt ist, dass wir generell zwischen allen regionalen Blöcken –
       sei es in Afrika, Europa oder Lateinamerika – vor allem Sicherheit und
       Vorhersehbarkeit brauchen. Einige afrikanische Staats- und Regierungschefs
       fordern: Wenn etwa die EU ihre Politik ändert – seien es Exportverbote oder
       Nachhaltigkeitsanforderungen –, teilt das im Voraus mit, damit wir unsere
       Märkte darauf vorbereiten können.
       
       taz: Manche Krisen lassen sich nicht vorhersagen, aber wir kennen die
       Auswirkungen des Klimawandels. Die nächste Krise, die uns bevorsteht,
       [7][ist ein „Super-El-Niño“]. Gibt es Maßnahmen, mit denen Sie sich darauf
       vorbereiten? 
       
       Lario: Die Vorbereitung muss schon viel früher ansetzen, und zwar bei den
       Investitionen, die Staaten tätigen. Wenn wir zum Beispiel in Malawi
       investieren, wissen wir, dass das Land alle zwei Jahre von Zyklonen
       heimgesucht wird. Deshalb berücksichtigen wir dies bei der Planung der
       ländlichen Infrastruktur.
       
       26 Oct 2026
       
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