# taz.de -- Mehr Menschen betroffen: Blockierte Handelswege verschärfen Hungerkrise
> 266 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger. Kriege, Extremwetter
> und blockierte Transportwege verschärfen die Situation, Hilfsgelder
> schrumpfen.
(IMG) Bild: Der seit 2023 andauernde Krieg in Sudan hat eine der schwersten Hungerkrisen weltweit ausgelöst
Vor dem Welthungertag am 16. Oktober haben Hilfsorganisationen alarmierende
Zahlen vorgelegt: Dem Welthungerindex der Welthungerhilfe zufolge hat sich
die Situation in 32 Ländern weltweit verschlechtert. 57 Länder werden beim
bisherigen Tempo bis 2030 nicht einmal ein niedriges Hungerniveau
erreichen. Die Organisation schätzt die Zahl der chronisch Unterernährten
auf 645 Millionen weltweit.
Ein ähnliches Bild zeichnet der Hungerkrisen-Report der NGO Aktion gegen
den Hunger. Demnach litten im Jahr 2025 rund 266 Millionen Menschen in 47
Ländern unter hoher akuter Ernährungsunsicherheit. Unter ihnen seien 30
Millionen Kinder. Damit habe sich die Zahl der von dieser besonders
schweren Form des Hungers Betroffenen innerhalb eines Jahrzehnts
verdoppelt. Die Mittel für humanitäre Nahrungsmittelhilfe in Krisengebieten
seien seit 2022 um 59 Prozent gekürzt worden.
„Konflikte sind noch immer der Treiber Nummer eins für Hunger“, sagte Rania
Dagash-Kamara, die aus Sudan stammende Vizedirektorin des
UN-Welternährungsprogramms WFP, der taz bei einem Besuch in Berlin. 70
Prozent der Hungernden lebten in Konfliktgebieten. „Würden diese Konflikte
aufhören, könnten wir uns um den Rest der Hungernden kümmern.“ Durch
bewaffnete Konflikte würden Menschen keine Landwirtschaft mehr betreiben
können und den Zugang zu ihren Lebensgrundlagen verlieren. „Sie sind dann
auf Hilfe angewiesen“, so Dagash-Kamara. „Die Menschen wollen Frieden, auch
um sich selber versorgen zu können.“
Hinzu kommen schwere Störungen der globalen Wirtschaft. Dagash-Kamara
spricht von einem „dreifachen Würgegriff“ auf die globalen Versorgungswege:
Durch den Angriff der USA und Israel auf den Iran ist die [1][Straße von
Hormus] blockiert. Die jemenitische Huthi-Miliz [2][blockiert gleichzeitig
die Straße von Bab al-Mandab] am Übergang von Roten Meer und Indischen
Ozean. Und auch der Seeweg über das Schwarze Meer für den Export von Gütern
wie Getreide oder Düngemittel aus der Ukraine funktioniert seit Juli 2026
wegen der wachsenden Intensität der Militäraktionen nicht mehr. All das
lasse die Preise für Nahrungsmittel, Treibstoff und Dünger weltweit
anschwellen.
„Allein die Kosten für unsere humanitären Transporte sind um bis zu 25
Prozent gestiegen“, sagt Dagash-Kamara. Hilfslieferungen etwa von
hochkalorischen Keksen von Dubai nach Afghanistan gingen früher einfach
durch Iran. „Heute müssen wir sie außen um den Iran herum durch elf Länder
fahren. Das dauert Monate.“
Getreide, das das WFP in Indien kaufe, um es in den Hungergebieten Sudans
zu verteilen, könne nicht mehr auf dem direkten Seeweg in die Hafenstadt
Port Sudan transportiert werden. Wegen der Gefahr durch die Huthi-Miliz bei
Bab al-Mandab würden die Schiffe derzeit den gigantischen Umweg um die
Südspitze Afrikas, an Dakar vorbei, durch das Mittelmeer nach Port Sudan
nehmen müssen.
## El Niño verschärft Situation
Schließlich verstärke das [3][Klimaphänomen El Niño] die immer häufigeren
werdenden Extremwetter-Ereignisse in diesem und dem kommenden Jahr.
Schwerere Überschwemmungen und Dürren gelten als fast sicher. „Die treffen
dann eine Bevölkerung, die schon verletzlich ist und Hilfe zum Überleben
braucht“, sagt Dagash-Kamara. „Welche Chance haben die Menschen, dieses
Zusammentreffen von Konflikten, Klima- und Preisschocks zu überleben?“
Immer mehr Menschen würden durch die sich überlagernden Krisen den Zugang
zu Lebensmitteln verlieren – „ein Faktor der Instabilität und ein Treiber
für Flucht“. Das WFP schätzt, dass zu den 266 Millionen bereits heute akut
von Hunger Betroffenen bald 45 Millionen weitere Menschen kommen, wenn die
Handelswege weiter gestört sind. „Wir haben aber nur Mittel, um rund 120
Millionen Menschen zu helfen“, sagt Dagash-Kamara.
Die Europäer hätten mit dem Finger auf die USA gezeigt, nachdem Elon Musk
und Donald Trump 2025 die Mittel der Hilfsorganisation USAID
zusammengestrichen hätten. Mittlerweile allerdings seien die USA wieder der
größte Nettozahler der humanitären Hilfe. Über das State Department, also
das Außenministerium, würden Beträge in Milliardenhöhe fließen. Doch die
sind oft an einzelne Länder gebunden, andere Konfliktregionen gehen leer
aus. Vor allem aber fließt insgesamt viel weniger als früher. „Es ist ein
massives Finanzloch, das kein anderer Geber schließen kann“, sagt
Dagash-Kamara.
## Auch die EU kürzt
Die EU habe seit 2024 ebenfalls erheblich bei der humanitären Hilfe
gestrichen, auch um die gestiegenen eigenen Militärausgaben zu finanzieren.
Insgesamt summierten sich die Kürzungen der europäischen Geber auf etwa
dieselbe Größenordnung wie jene der USA. „Die humanitäre Hilfe verliert“,
sagt Dagash-Kamara. Das WFP habe wegen der Streichungen in den vergangenen
zwei Jahren 5.000 seiner ursprünglich 23.000 Mitarbeiter entlassen müssen.
„Wer heute bei der Überwindung des Hungers und der Krisenvorsorge spart,
riskiert morgen noch größere humanitäre Katastrophen und weitere
Instabilität“, sagt Marlehn Thieme, die Präsidentin der Welthungerhilfe.
Die Bundesregierung müsse die Kürzungen bei der humanitären Hilfe
zurücknehmen und Ernährungssicherheit zum festen Bestandteil ihrer Außen-,
Friedens- und Sicherheitspolitik machen.
14 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
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