# taz.de -- Krise der Volksparteien: Die Stunde der Sozialdemokratie
> Die SPD ist mit sich selbst beschäftigt und steckt pathologisch in alten
> Vorstellungen fest. Dabei könnte jetzt ihr Moment sein.
(IMG) Bild: Die Krise als Chance – wie geht es weiter mit der SPD
Was macht eigentlich die Sozialdemokratie so? Man hört ja dies und das. Und
ich meine dabei gar nicht den [1][Rücktritt von Bärbel Bas],
Arbeitsministerin und SPD-Chefin. Das ist eher ein Detail im Panoptikum der
typisch Berliner Politik-Pathologien im gegenwärtigen System. Ein Detail,
von dem nicht allzu viel zu lernen ist – außer vielleicht, dass die
Sozialdemokraten immer noch nicht verstanden haben, dass die
Sozialdemokratie, also die Ideologie, die hinter dem stehen sollte, was die
SPD abbildet, größer ist und machtvoller als das, was sie gerade daraus
machen.
Denn eigentlich, so könnte man sagen, ist das, was wir gerade erleben, ein
sozialdemokratischer Moment. Es gibt eine neue technologische und damit
industrielle Revolution, angetrieben von [2][KI, die wohl weniger die
Menschheit auslöschen wird als die Welt der Arbeit und damit des Alltags],
oder größer gesagt: die Leben der Menschen durcheinander wirbeln wird. Und
genau für so einen Moment ist die Sozialdemokratie gemacht, dafür wurde sie
im 19. Jahrhundert erfunden: Um das Verhältnis von Arbeit und Kapital unter
den Bedingungen einer neuen Technologie so zu regeln, dass sowohl das
Soziale als auch das Demokratische besteht.
Das Problem ist: Die deutschen Sozialdemokraten selbst sehen das noch nicht
so. Sie sind noch tief in der Geschichte versunken: Mental im Verständnis
von Arbeit und Arbeiterschaft (die längst weggelaufen ist, wenn es sie in
einer Welt der Angestellten überhaupt noch gibt), wie es sich in der ersten
industriellen Revolution herausgebildet hat, als die Maschine die
menschliche Arbeitskraft mehr und mehr ersetzte. Und politisch stecken sie
immer noch fest in den 1990er Jahren, als die SPD, wie viele andere, die
Globalisierung als eine Naturgewalt benannten, die die Rolle oder
Handlungsmacht von Politik infrage stellte und die, vor allem in Verbindung
mit der toxischen Austerität, die staatliche Investitionspolitik oder
überhaupt die Idee und Praxis des Staates massiv schwächte.
Und nun also, wo die Maschine nicht nur die menschliche Arbeit, sondern die
menschliche Intelligenz mehr und mehr ersetzt? Wo sind die Ideen, die
Ambitionen, die Personen, die diese neue Zeit gestalten helfen, gestalten
wollen? Das dürftige Bild der gegenwärtigen Regierungs-SPD verstellt völlig
den Blick auf die Möglichkeiten und Notwendigkeiten, die sich aus der
KI-Revolution für die Sozialdemokratie ergeben.
Im Grunde geht es darum, für Deutschland die Grundlagen einer neuen
gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Ordnung zu schaffen.
Was kann der Staat besteuern, wenn Arbeit verschwindet? Wie verhält es sich
mit den massiven Reichtumszuwächsen, also der Ungleichheit, und der Macht
der Finanzindustrie? Wem gehören die Infrastrukturen, auf denen die
KI-Revolution läuft? Was ist Eigentum und wie lässt es sich neu definieren?
Was wird aus der Idee des Gemeinwohls und warum reden darüber gerade vor
allem reaktionäre Postliberale?
Im gegenwärtigen Politik-Setup sehe ich keine Partei, außer vielleicht Die
Linke, aber das bleibt zu klären, die besser geeignet wäre, diese Fragen
anzugehen, als die Sozialdemokraten. Was ich aber nicht sehe, in
Deutschland jedenfalls nicht, sind die Personen, die diese Fragen innerhalb
der organisierten Sozialdemokratie stellen. International ist das anders.
Da ist etwa [3][der spanische Premierminister Pedro Sánchez] bei dem
amerikanischen Talkmaster Jon Stewart eingeladen und erklärt dort eloquent
die Probleme der Privatisierung digitaler Infrastrukturen, auf denen eben
nicht nur die industrielle Innovation geschieht, sondern auch demokratische
Realität verhandelt wird.
Oder in Großbritannien, wo [4][der neue Premierminister Andy Burnham vor
kurzem auf dem Parteitag der Labour Party eine wichtige Rede hielt], bei
der es drei Schlüsselaspekte gab: „Take back control“, also eine
Kampfansage an die selbstgeschaffene Machtlosigkeit einerseits und die
Rechtsextremen der Reform-UK-Partei andererseits; „honesty“, also eine
andere Sprache der Ehrlichkeit, der Reflexion, der Brüchigkeit, der
Gemeinsamkeit auch in der Politik, eine Abkehr vom smarten Spin; und
schließlich die Einsicht, dass die Sozialdemokratie in den vergangenen
Jahrzehnten falsche, neoliberale Ziele verfolgt hat.
Zusammengenommen mit den coolen neuen Demokraten in den USA – etwa dem New
Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, dem toughen Senator aus Georgia Jon
Ossoff, dem harten, lustigen Debattierer und möglichem künftigen Senator
von Michigan, Abdul El-Sayed, oder dem etwas weniger coolen James Talarico,
der als nächster Senator aus Texas Geschichte schreiben könnte (sorry, es
sind tatsächlich gerade alles Männer) – ergibt sich hier ein auch
generationelles neues Setup von im Kern sozialdemokratischer Politik, die
sich durch einen eigenen Stil, eine andere Sprache und Klarheit, eine
programmatische Härte und eine grundsätzliche Zugewandtheit zu den Menschen
auszeichnet.
Es geht in diesem Moment des aufbrandenden Faschismus auch darum, scheint
mir, den Blick über das Katastrophische des Augenblicks hinaus zu weiten
und die geschichtlichen Dimensionen zu vermessen. Und wenn man das tut,
dann sieht man, dass die Konservativen, wenn man die Programmatik der CDU
so zusammenfassen will, auf Neudeutsch gesagt fucked sind – sie haben sich
immer schwergetan, eine Vision über das Funktionieren des Staates hinaus zu
entwickeln, und nun, da dieses Narrativ vor allem durch die AfD massiv
angegriffen wird, haben sie dem inneren Verfall wenig entgegenzusetzen.
Es wäre also der Auftrag der Sozialdemokratie, das Land zu retten. Sie
haben das ein paar Mal gemacht, mit der Tendenz zur Selbstaufgabe. Die
Herausforderung an diesem Punkt wäre es, gleichzeitig für Stabilität zu
sorgen und den Status quo zu überwinden. Ich glaube, das geht – wenn man
diese Form der kognitiven Dissonanz nicht als Problem sieht, sondern zu
seiner eigenen Stärke macht.
13 Oct 2026
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