# taz.de -- Foodwatch-Chef: „Die Zuckersteuer soll die Rezepturen verändern“
       
       > Die Zuckersteuer sei ein Fortschritt für die Gesundheit, sagt
       > Foodwatch-Chef Chris Methmann. Manchen Gegnern wirft er Desinformation
       > vor.
       
 (IMG) Bild: Klar steuerfrei: ein Cola-Glas mit Wasser
       
       taz: Herr Methmann, Gegner der geplanten Steuer auf gezuckerte Getränke
       sprechen von Bevormundung. Manche behaupten wahrheitswidrig, Zucker solle
       auch in Süßigkeiten besteuert oder sogar verboten werden. Warum ist das
       Thema so emotional? 
       
       Chris Methmann: Ernährung hat eine starke emotionale Komponente, weil sie
       viel über Identität und Alltag aussagt. Wenn es um Klimaneutralität im Jahr
       2045 geht, wissen die Leute oft nicht genau, was das für sie bedeutet. Wenn
       eine Limo dagegen weniger süß schmecken oder ich sie gar nicht mehr trinken
       darf, weiß ich sofort, was das für mich bedeutet. Beim Thema Ernährung ist
       man deshalb schnell auf der Zinne.
       
       taz: Warum gibt es bei solchen Debatten so viel Desinformation? 
       
       Methmann: Rechtspopulistische und extrem rechte Kräfte wollen das Thema
       Ernährung in einen Kulturkampf verwandeln. Sie verbreiten deshalb
       Halbwahrheiten oder Lügen darüber, was passieren soll. Seit einiger Zeit
       greift auch die Lebensmittelindustrie diese Erzählungen auf. Da wolle
       jemand die Menschen bevormunden oder ihnen etwas verbieten. Dabei geht es
       gar nicht darum, gezuckerte Limonade zu verbieten. Sie wird allenfalls
       etwas teurer.
       
       taz: Werden die Industrieverbände und gemäßigte politische Kräfte ihrer
       gesellschaftlichen Verantwortung gerecht, wenn sie solche Erzählungen
       übernehmen? 
       
       Methmann: Nein. Die AfD will einen Keil in die politische Mitte treiben, um
       Kompromisse zwischen SPD und Union unmöglich zu machen und die CDU
       letztlich in ihre Arme zu treiben. Genau das passiert auch bei solchen
       Themen: Viele in der CDU springen dankbar auf die Debatte auf und singen
       quasi das Lied der Rechtsradikalen.
       
       taz: Können Sie ein Beispiel nennen? 
       
       Methmann: Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie hat in
       einer Plakatkampagne in Schleswig-Holstein den Eindruck erweckt, Zucker
       solle generell verboten werden. Da war dann zum Beispiel eine traurige Frau
       vor einem leeren Adventsteller unter der Überschrift „[1][Kein echter
       Norden ohne Zucker]“ zu sehen. Dabei ging es nie um Süßigkeiten.
       
       taz: Warum sollte die Zuckersteuer kommen? 
       
       Methmann: Wir nehmen in Deutschland deutlich mehr Zucker zu uns, als die
       Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Ein erheblicher Teil kommt über
       gesüßte Getränke. Die Folgen reichen von Übergewicht und Diabetes bis zu
       Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck. Das britische Modell, an dem
       wir uns orientieren, setzt nicht in erster Linie beim individuellen
       Verhalten an, sondern bei der Industrie. Die Zuckersteuer soll die
       Rezepturen verändern. Die Hersteller sollen sie so anpassen, dass sie unter
       den Schwellenwerten bleiben, ab denen eine Zuckersteuer anfällt. Ich kann
       dann weiterhin meine Limo trinken, nehme aber weniger Zucker auf. Die Fanta
       enthält in Großbritannien beispielsweise etwa halb so viel Zucker wie in
       Deutschland.
       
       taz: In Müsli steckt teilweise ähnlich viel Zucker wie in Limonade. Warum
       sind Getränke problematischer? 
       
       Methmann: Wenn ich Müsli esse, nehme ich normalerweise auch Ballaststoffe
       zu mir, die die Zuckeraufnahme verlangsamen. Süße Getränke kann ich dagegen
       in kurzer Zeit in großen Mengen konsumieren, ohne wirklich satt zu werden.
       Außerdem isst man Müsli oft mit Obst oder Milch.
       
       taz: In Großbritannien ist der Zuckergehalt gesunken, gleichzeitig werden
       mehr künstliche Süßstoffe verwendet. Ist das problematisch? 
       
       Methmann: Der Absatz künstlich gesüßter Getränke ist gestiegen, aber nicht
       so stark, wie der Zuckerkonsum über Getränke gesunken ist. Über die
       gesundheitlichen Auswirkungen künstlicher Süßstoffe ist noch vieles
       unerforscht. Die Gefahren eines zu hohen Zuckerkonsums sind dagegen
       erwiesen und erheblich. Wenn die Alternative zu einem stark gezuckerten
       Getränk eines mit künstlichen Süßstoffen ist, halte ich das deshalb für die
       bessere Wahl.
       
       taz: Ist die Steuer sozial ungerecht, weil benachteiligte Gruppen im
       Durchschnitt mehr zuckergesüßte Getränke konsumieren? 
       
       Methmann: Menschen mit geringem Einkommen leiden häufig besonders unter den
       Folgen ungesunder Ernährung. Sie könnten deshalb auch besonders von einer
       Zuckersteuer profitieren, wenn sie weniger Zucker aufnehmen und ihre
       Krankheitslast sinkt.
       
       taz: Aber wenn Getränke teurer werden, trifft das doch gerade Menschen mit
       wenig Geld. 
       
       Methmann: Das wäre der Fall, wenn die Industrie ihre Rezepturen nicht
       verändert und einfach dieselben Produkte teurer verkauft. In Großbritannien
       sehen wir aber, dass Getränkeunternehmen neue Produkte entwickeln, die
       weniger Zucker enthalten und trotzdem schmecken. Dann wird es für
       Verbraucher nicht unbedingt teurer.
       
       taz: Sind Sie zufrieden mit dem Entwurf, den das Bundeskabinett am Mittwoch
       beschlossen hat? 
       
       Methmann: Der Entwurf entspricht im Großen und Ganzen dem erfolgreichen
       britischen Modell. Das wäre ein Meilenstein im Kampf gegen
       ernährungsbedingte Krankheiten – aber nur, wenn die Limolobby ihn jetzt
       nicht noch weiter abschwächt. Ist die Steuer einmal beschlossen, wird die
       Industrie das Getöse beenden und ihre Rezepturen anpassen. Deswegen halte
       ich die Einnahmeprognose von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) auch für
       überzogen. Die Steuer wird nur zahlen, wer seine Getränke weiter
       überzuckert. Die [2][Finanzkommission Gesundheit] rechnet lediglich mit 450
       Millionen Euro pro Jahr, [3][Klingbeil] nun mit ungefähr dem Doppelten.
       
       taz: Sie haben in Ihrem Buch „Bad Food“ frühere Ernährungsdebatten
       analysiert. Welche war ähnlich emotional? 
       
       Methmann: Der Urknall der Verhetzung beim Thema Ernährung ist die Kampagne
       gegen den berühmten Veggie-Day-Vorschlag der Grünen im Jahr 2013.
       Öffentliche Kantinen sollten eine Vorreiterfunktion übernehmen und an einem
       Tag in der Woche auf Fleisch verzichten. Nach der Atomkatastrophe in
       Fukushima waren die Grünen in den Umfragen erfolgreich. Die Union wollte
       ihnen deshalb das Image einer Verbotspartei anhängen und schrieb eine lange
       Liste auf, was die Grünen angeblich alles verbieten wollen. Das verfing
       medial zunächst nicht. Erst als sie das Thema auf Fleisch und Ernährung
       zuspitzte und den Veggie Day in den Vordergrund rückte, ging die Debatte
       durch die Decke. Das zeigt, wie leicht sich Menschen beim Thema Essen
       emotionalisieren lassen.
       
       taz: Warum war die Kritik am Veggie Day übertrieben? 
       
       Methmann: Selbst wenn die Grünen 2013 die Bundestagswahl mit absoluter
       Mehrheit gewonnen hätten, hätten sie den Veggie Day nicht bundesweit
       einführen können. Die Organisation von Kantinen ist auch Sache der Länder
       und Kommunen. Man kann darüber streiten, ob es sinnvoll ist, an einem Tag
       in der Kantine kein Fleisch anzubieten. Ein Verbot ist das aber nicht.
       Jeder kann sich eine Wurst von zu Hause mitbringen. Es gab sogar Vergleiche
       mit der DDR und einem staatlichen Ernährungssystem. Das war völlig
       überzogen. Allerdings haben sich auch die Grünen nicht besonders geschickt
       verhalten. Sie machten nicht ausreichend deutlich, dass es auch um die
       Strukturen der Fleischproduktion ging und nicht nur darum, den Menschen ein
       anderes Ernährungsverhalten anzutrainieren.
       
       taz: Was lässt sich daraus für die aktuelle Diskussion über die
       Zuckersteuer lernen? 
       
       Methmann: Wir sollten nicht beim individuellen Verhalten ansetzen, sondern
       die strukturellen Bedingungen verändern. Beim Veggie Day hätte man stärker
       das System der Massentierhaltung kritisieren können, das Tiere quält und zu
       viel Fleisch produziert. Stattdessen wurde die Debatte auf den Einzelnen
       verengt. Bei der Zuckersteuer können wir es besser machen: Wir setzen bei
       der Industrie an und schaffen Anreize, weniger Zucker in Getränke zu
       mischen.
       
       14 Oct 2026
       
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