# taz.de -- SPD-Generalsekretär zu Reformen: „Milliardenerben machen sich aus dem Staub“
> SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf fordert die Union auf, sich einer
> Reform der Erbschaftssteuer zu öffnen. Darüber verhandelt am Montag auch
> Karlsruhe.
(IMG) Bild: „Ich bin nicht die Betreuungsperson der CDU“: SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf nimmt den Koalitionspartner in die Verantwortung
taz: Herr Klüssendorf, das Bundesverfassungsgericht verhandelt ab Montag
über die Erbschaftsteuer. Was erwarten Sie?
Tim Klüssendorf: Ich gehe davon aus, dass das Gericht deutlich macht, dass
die aktuelle Gesetzgebung gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes
verstößt. Besonders hohe Betriebsvermögen über 26 Millionen Euro werden
durch die Verschonungsbedarfsprüfung im Erbfall häufig einfach steuerfrei
weitergegeben. Oder anders gesagt: wenn das Erbe hoch genug ist, müssen
keine oder kaum Steuern bezahlt werden. Das ist extrem ungerecht.
taz: Diese Verschonungsbedarfsprüfung hat eine Große Koalition 2016
eingeführt, um sicherzustellen, dass auch Mehrfachmillionäre Steuern
zahlen. Wieso hat das nicht geklappt?
Klüssendorf: Es hat nicht lange gedauert, bis diejenigen, die man erreichen
wollte, gemerkt haben, dass man durch die Verschonungsbedarfsprüfung zum
Beispiel mithilfe von Stiftungen und Family Offices die Erbschaftsteuer
sogar komplett umgehen kann. Das Gegenteil vom gewünschten Ziel wurde also
erreicht: Je mehr man hat, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit ist,
dass man Steuern zahlen muss.
taz: Sie erwarten also, dass Karlsruhe diese Ausnahme für Betriebsvermögen
moniert?
Klüssendorf: Ja, das ist meine klare Erwartungshaltung.
taz: Wenn Sie solche Ausnahmen für falsch halten, warum braucht es dann ein
Gerichtsurteil, um zu handeln?
Klüssendorf: Aus unserer Sicht braucht es dieses Urteil nicht. Wir wollen
die Erbschaftsteuer schon seit Jahren neu regeln und dafür sorgen, dass
alle ihren gerechten Beitrag zahlen. Aber nicht alle haben diese Erkenntnis
schon gewonnen und einige brauchen dafür möglicherweise noch die
freundliche Unterstützung durch eine Rechtsprechung des
Bundesverfassungsgerichtes.
taz: Das zielt auf die Union. Die meisten bei CDU und CSU, abgesehen vom
Arbeitnehmerflügel, sehen keinen Reformbedarf. Oder sie hoffen, dass
Karlsruhe die Erbschaftsteuer in Gänze moniert. Fürchten Sie, dass die
Union dann auf eine Abschaffung drängt?
Klüssendorf: Die Erbschaftsteuer ist in unserer Verfassung fest verankert
und ein fester Bestandteil unserer Wirtschaftsordnung. Sie ist das
Instrument, was Leistungsgerechtigkeit in unserer Gesellschaft ermöglichen
soll. Wenn Einkommen und Vermögen nicht mehr darauf zurückgehen, ob die
Menschen dafür selbst etwas getan haben, sondern es nur noch darauf
ankommt, aus welcher Familie man stammt, dann besteht keine
Leistungsgerechtigkeit. Und das sehen wir in Deutschland besonders stark:
Die meisten Menschen mit sehr hohen Vermögen haben diese vererbt bekommen
und nicht mehr selbst erarbeitet.
taz: Die Stiftung Familienunternehmen, die enge Verbindungen zur Union hat,
behauptet, dass die Hälfte der großen Unternehmen in Schwierigkeiten
geriete, wenn sie 30 Prozent Erbschaftsteuer zahlen müssten.
Klüssendorf: Das ist [1][eine Lobbyorganisation mit freundlichem Namen],
die knallhart für die Interessen von Milliardenkonzernen und ihrer Erben
steht. Es wundert mich also nicht, dass hier angestrengt versucht wird,
Einfluss auf die politische Debatte zu nehmen. Um eines klarzustellen:
Nicht die Unternehmen werden besteuert, sondern die Erben. Das ist ein
wichtiger Unterschied. [2][Unser Modell sieht zudem einen Freibetrag von 5
Millionen] Euro für Betriebsvermögen vor, damit wären fast alle
Handwerksbetriebe, die unzähligen selbst geführten Einzelhandelsunternehmen
und zahlreiche Landwirtschaftsbetriebe komplett von der Erbschaftsteuer
freigestellt. Die Erben großer Konzerne wollen wir aber, anders als es
derzeit der Fall ist, endlich fair besteuern. Im Gegenzug können wir uns
langjährige Stundungen vorstellen, die die Steuerlast auf viele Jahre
verteilt. Wenn ein Erbe eines solchen Unternehmens dann nicht in der Lage
ist, einen moderaten Betrag über zum Beispiel 20 Jahre abzustottern, dann
gibt es dort wohl andere Probleme als die Erbschaftsteuer. Es sind ja sogar
dutzende Unternehmerinnen und Unternehmer in den letzten Monaten an uns
herangetreten mit der Bitte: Besteuert uns endlich!
taz: Wirklich? Wer sind diese Leute?
Klüssendorf: Vermögende Menschen, die wollen, dass unser Land nicht weiter
auseinandergerissen wird. Wer den sozialen Zusammenhalt will, muss die
Lasten endlich gerechter verteilen. Zum Beispiel der Unternehmer Sebastian
Klein, der sich in der Initiative „taxmenow“ engagiert und wirklich
eindrücklich schildert, warum die aktuelle Gesetzgebung zutiefst ungerecht
und unsozial ist.
taz: Dennoch, für die Union sind Steuererhöhungen Gift. Die SPD hat gerade
erst eine kleine Erhöhung der Reichensteuer durchgesetzt. Glauben Sie, dass
die Union weitere Vorschläge akzeptiert?
Klüssendorf: Es geht ja nicht mal um Steuererhöhungen. Es geht darum, dass
eine in unserer Verfassung fest verankerte Steuer überhaupt gezahlt wird.
Wenn das Bundesverfassungsgericht die Ausnahmen von der Erbschaftsteuer für
verfassungswidrig erklärt, dann gibt es keine Ausreden mehr. Dann muss auch
die Union handeln. Außerdem bekennen sich CDU und CSU zur sozialen
Marktwirtschaft und der Kanzler selbst hat neulich erst von
Gerechtigkeitsproblemen gesprochen. Im Moment bekommen die Bürgerinnen und
Bürger doch den Eindruck, diese Bundesregierung kürzt Transferleistungen
und beim Sozialstaat, aber nimmt nicht endlich die Menschen in
Verantwortung, die über all die Krisenjahre sogar noch enorme Gewinne
eingesackt haben. Während Arbeit und Konsum hoch besteuert werden, machen
sich Milliardenerben aus dem Staub. Das können wir so nicht mehr
akzeptieren.
taz: Aber auch das SPD-Konzept würde laut des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung zunächst keine höheren Einnahmen bringen. Geht es bei
der Reform vor allem um ein Symbol?
Klüssendorf: Nach unserer Berechnung kommen wir nur im ersten Jahr nach
einer Reform auf Steuermindereinnahmen, da wir für die breite Mehrheit der
Gesellschaft mit einem neuen persönlichen Lebensfreibetrag von einer
Million Euro sogar die Steuer senken wollen und auch die Stundungsoption
bei Unternehmenserben zunächst zu kleineren Beiträgen führt. Schon ab dem
zweiten Jahr wachsen die Einnahmen schrittweise, nach einigen Jahren
rechnen wir bereits mit einem zusätzlichen zweistelligen Milliardenbetrag,
der den Bundesländern unter anderem zur Finanzierung von Schulen, Kitas und
Polizei direkt zusteht.
taz: Es gibt noch andere Reformen, die jetzt anstehen und bei denen sich
Union und SPD streiten: Rente, Gesundheit. Pflege. Wäre es nicht sinnvoll,
erst mal diese Baustellen abzuarbeiten, ehe man die nächste eröffnet?
Klüssendorf: Die Erbschaftsteuer beschäftigt uns in der SPD schon seit
langer Zeit. In den Koalitionsverhandlungen haben wir sie bereits intensiv
thematisiert, konnten uns aber zu dem Zeitpunkt nicht einigen.
taz: Eben.
Klüssendorf: Damals argumentierte der Koalitionspartner, man müsse das
Urteil des Verfassungsgerichts abwarten. Das steht nun an. Jetzt ist also
der Zeitpunkt, um die Erbschaftsteuerreform anzugehen.
taz: Denken Sie, die Union hat noch die Kraft und den Zusammenhalt, bei
einem so schwierigen Thema über den eigenen Schatten zu springen?
Klüssendorf: Aus meiner Sicht steht die Union an einer Weggabelung und muss
sich entscheiden: Will sie eine Kraft aus der Mitte der Gesellschaft sein,
die das solidarische Miteinander in diesem Land schützt und die darauf
achtet, dass Lasten gerecht verteilt sind. Oder will sie die Politik der
FDP nachahmen, Klientelpartei für Wirtschaftsverbände sein und soziale
Sicherungssysteme sowie Arbeitnehmerrechte schleifen, statt den
gesellschaftlichen Zusammenhalt zu organisieren. Wir sehen, dass diese
Debatte in der Union bereits läuft. Diese Entscheidung muss sie jetzt, in
diesen Wochen und Monaten, treffen.
taz: Gerade die CDU steht momentan vor mehreren Zerreißproben. In
Sachsen-Anhalt haben ihre Abgeordneten möglicherweise für einen
AfD-Landtagspräsidenten gestimmt. Auch Sie und die SPD müssten doch ein
Interesse daran haben, dass die Partei einigermaßen stabil bleibt.
Klüssendorf: Ich bin nicht die Betreuungsperson der CDU. Das, was in
Sachsen-Anhalt passiert ist, muss die CDU schnell aufklären und mit sich
selbst ausmachen. Die Sozialdemokratie hat dazu eine klare Position.
taz: Mit Linken und Grünen sind Sie sich in Sachen Erbschaftsteuer ja
einig. Und überhaupt in den meisten wirtschaftspolitischen Dingen. Freuen
Sie sich eigentlich, dass in Berlin nun der Weg für Sondierungen mit der
Linkspartei frei ist?
Klüssendorf: Ich habe immer noch Bedenken, ob die Linke in Berlin
tatsächlich in der Lage ist, die Kräfte einzuhegen, die dort an einigen
Stellen ausschließlich aktivistisch unterwegs sind und beispielsweise das
Existenzrecht Israels infrage stellen. Eine rot-rot-grüne Koalition ist
also kein Selbstläufer. Grundsätzlich brauchen wir verschiedene
demokratische und natürlich auch wieder progressive Koalitionsoptionen. In
Mecklenburg-Vorpommern entsteht zum Beispiel gerade eine solche
Zusammenarbeit mit Linken und Grünen unter Führung von Manuela Schwesig,
die mir Hoffnung macht.
taz: Wäre eine rot-rot-grüne Koalition in Berlin auch ein Vorzeichen für
den Bund?
Klüssendorf: Ob es im Bund eine realistische Option sein kann, das
entscheidet sich nicht in der Berliner Landespolitik und auch eher nicht in
der Wirtschafts- und Finanzpolitik, wo die angesprochenen Schnittmengen
heute schon sichtbar sind, sondern am Ende an den grundsätzlichen außen-
und sicherheitspolitischen Fragen.
taz: Friedrich Merz hat SPD und Grüne dazu aufgerufen, eine Linke
Bürgermeisterin in Berlin zu verhindern. Hören Sie auf ihn?
Klüssendorf: Der Bundeskanzler und Bundesvorsitzende der CDU wäre gut
beraten, sich auf seine Fraktionsmitglieder im Landtag von Sachsen-Anhalt
zu konzentrieren. [3][Die Wahl eines rechtsextremen Landtagspräsidenten]
mithilfe demokratischer Stimmen wirft erhebliche Fragen auf. Viele Menschen
in Sachsen-Anhalt haben große Angst vor einer rechtsextremen
Landesregierung. Die Union muss ihre Streitigkeiten in Sachsen-Anhalt jetzt
schnellstmöglich klären und deutlich machen, dass sie mit keiner Stimme
dazu beiträgt, den Rechtsextremen zu exekutiver Macht zu verhelfen. Nur
wenn die demokratischen Parteien zusammenhalten, können wir den
Rechtsextremen etwas entgegensetzen – und dazu braucht es die Union.
taz: Hat die schwarz-rote Koalition die Kraft, bis zum Ende der Legislatur
durchzuhalten und die notwendigen Reformen auf den Weg zu bringen?
Klüssendorf: Sie muss die Kraft haben.
12 Oct 2026
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