# taz.de -- Schlacht um Brokdorf: Auf dem Bauplatz verloren, vor Gericht gewonnen
       
       > Die Anti-Atom-Bewegung brachte Ende der 70er Hunderttausende auf die
       > Straße. Der Staat versuchte den Protest zu unterbinden – ohne Recht dazu.
       
 (IMG) Bild: Ende der 1970er Jahre politisierte sich der Protest gegen die Atomkraft – am damals geplanten Standort Brokdorf
       
       Sie kommen in der Nacht, Polizeieinheiten in Kampfmontur. Es ist der 26.
       Oktober 1976, sie rücken an, um [1][im Ort Brokdorf] an der Elbe nahe der
       Stadt Glückstadt, Schleswig-Holstein, einen Bauplatz mit Stacheldraht
       abzuriegeln. Hier soll, kurz vor der Mündung der Elbe in die Nordsee, eines
       der leistungsstärksten Atomkraftwerke der Bundesrepublik entstehen.
       
       Damit nicht wieder etwas schiefgeht, versucht die Staatsmacht schon zu
       Baubeginn, klare Verhältnisse zu schaffen. Schließlich war es der
       Anti-Atom-Bewegung an anderer Stelle gelungen, mit ihrem Protest Projekte
       zu verhindern. [2][In Wyhl beispielsweise], im tiefen Südwesten der
       Bundesrepublik, besetzten Demonstranten 1975 von Februar bis November den
       Bauplatz. Dort sollten zwei Reaktorblöcke der 1.300-Megawatt-Klasse gebaut
       werden. Unter dem Slogan „[3][Nai hämmer gsait]“, Nein haben wir gesagt,
       setzte sich das Volk durch, das Atomkraftwerk wurde nie gebaut.
       
       Am Brokdorfer Bauplatz versammeln sich nur vier Tage später, am 30. Oktober
       1976, ungefähr 6.000 Menschen zur ersten großen Demo. Mit Reden und Gesang
       ziehen sie in die Wilstermarsch, die tiefstgelegene begehbare Stelle
       Deutschlands. Dann aber versuchen Teile der Demonstration, den stark
       gesicherten Bauzaun zu überwinden.
       
       ## Der Beginn der Schlacht
       
       Sie überbrücken den Wassergraben, der um den Bauplatz gezogen worden war,
       mit Bauholz und versuchen neuerlich eine Besetzung. Die Polizei setzt
       Tränengas und Wasserwerfer ein, Beteiligte prangern den Schlagstockeinsatz
       und Hunde an. Die Polizei verhindert zwar die Besetzung. Doch die
       Demonstration markiert den Beginn dessen, was später als „Schlacht um
       Brokdorf“ in die Geschichtsbücher eingeht.
       
       Auf der einen Seite steht das Versprechen der Energiekonzerne, Atomstrom
       werde so billig, dass sich der Einbau eines Stromzählers kaum noch lohne.
       Auf der anderen stehen die Risiken der Atomkraft und die ungelöste Frage
       nach Atommüll, der Hunderttausende Jahre gefährlich bleibt. Hier staatliche
       Gewalt und Drohgebärden, dort eine Anti-AKW-Bewegung mit wachsendem Zulauf:
       Am 13. November demonstrieren bereits 30.000 Menschen gegen das Kraftwerk.
       
       Es kommt zu einer regelrechten Schlacht. Vor allem der Einsatz von
       Tränengas auch gegen friedliche Demonstranten wird später scharf
       kritisiert. Von nun an geht es in Brokdorf nicht mehr allein um Atomkraft,
       sondern auch um den Umgang des Staates mit demokratischen Grundrechten –
       etwa dem Recht auf Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung. Im
       Februar 1977 kommen bereits 50.000 Menschen.
       
       ## Widerstand muss möglich sein
       
       Im selben Jahr erscheint Robert Jungks Buch „Der Atomstaat. Vom Fortschritt
       in die Unmenschlichkeit“. Der [4][Zukunftsforscher beschreibt] darin nicht
       nur die technologischen Risiken der Atomkraft. Er legt auch dar, warum sie
       Gesellschaften zu Überwachung, Geheimhaltung und autoritären
       Herrschaftsstrukturen drängt.
       
       Im Februar 1981 ziehen mehr als 100.000 Menschen zum Bauplatz – obwohl das
       Oberverwaltungsgericht Lüneburg die Demonstration verboten hat. Rund 10.000
       Beamte, darunter auch der Bundesgrenzschutz, sind im Einsatz. Es ist der
       bis dahin größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik.
       
       Er hat Folgen. Die Anti-Atom-Bewegung zieht gegen das Demonstrationsverbot
       vor das Bundesverfassungsgericht. Bis zum Urteil vergehen vier Jahre. Den
       Bau des AKW Brokdorf kann der Protest nicht verhindern; erst Ende 2021 geht
       das Kraftwerk vom Netz, [5][nach mehreren Störfällen]. Vor Gericht aber
       bekommen die Demonstranten recht. 1985 urteilt Karlsruhe: „Das Recht, sich
       ungehindert […] zu versammeln, galt seit jeher als Zeichen der Freiheit,
       Unabhängigkeit und Mündigkeit des selbstbewussten Bürgers.“
       
       28 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /50-Jahre-AKW-Besetzung-in-Wyhl/!6070489
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 (DIR) [4] /Zukunftsforscher-Robert-Jungk/!5067233
 (DIR) [5] https://dserver.bundestag.de/btd/13/024/1302455.pdf
       
       ## AUTOREN
       
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