# taz.de -- Alkoholabstinenz: Meine wahren Farben
       
       > Als 14-Jährige hat unsere Autorin ihren ersten Vollrausch, von da an
       > spielt Alkohol eine große Rolle. Mit Anfang 30 hört sie auf – und lernt
       > sich seitdem kennen.
       
       Es hämmert. Nicht, wie wenn jemand einen Nagel in die Wand schlägt. Das
       Gefühl gleicht einem Presslufthammer, der durch Beton bohrt und auf Stahl
       stößt. Es wummert, trifft es vielleicht besser. Die Augen wollen nicht
       aufgehen oder sind sie es schon? Egal ob zu oder auf, es ist zu hell. Dabei
       sind die Vorhänge zugezogen. 
       
       Am liebsten würde ich die Augäpfel rausnehmen. Vielleicht würde der
       Schmerz, der hinter ihnen beginnt und die gesamte innere Schädeldecke wie
       dünnes Eis zu überziehen scheint, dann aufhören. Oder wenigstens weniger
       werden. 
       
       Mit geschlossenen Augen taste ich nach dem Handy auf dem Nachttisch,
       blinzle auf den Bildschirm. Es dauert einen Moment, bevor ich die Zahlen
       zuordnen kann, bevor sie mehr sind als eine Aneinanderreihung von Pixeln. 
       
       9.06 Uhr, meine Augen reißen von ganz alleine auf. FUCK! 
       
       In neun Minuten sollen wir im Hotelfoyer aufschlagen. Abfahrt 9.20 Uhr.
       Mein Körper schnellt in die Höhe und die Eisdecke in meinem Schädel
       knackst. Klo, jetzt!, befielt das Brechzentrum, noch bevor die Eisdecke
       reißen kann. Bevor mein Magen all das, was ich mir gestern hinter die Binde
       gekippt habe, auf schnellstem Wege retourniert. 
       
       Seit diesem Tagebucheintrag, verfasst im April 2022 in einem Hotelzimmer in
       Barcelona, trinke ich keinen Alkohol mehr. Immer wieder versuche ich,
       darüber zu schreiben. Nie finde ich Worte, die das, was mich mit dem
       Alkohol verband, adäquat zusammenfassen.
       
       2023 schreibe ich etwa: Ein Jahr ist es her, dass ich aufgehört habe.
       Aufgehört, mir etwas vorzumachen, aufgehört, alles an mir zu kritisieren,
       aufgehört, jemand sein zu wollen, der ich vielleicht nie war. Seitdem geht
       es mir besser. Nicht immer gut, aber merklich besser, und das ist doch
       schon was.
       
       Das ist tatsächlich etwas, ein erheblicher Fortschritt sogar. Und doch ist
       es fragil, dieses Gefühl, das mir ein neues und doch nicht unbeirrbares
       Selbstbewusstsein verleiht. „Pink Cloud“ nennt man diesen Zustand. Er tritt
       ein, wenn man aufhört, zu konsumieren, was einen abhängig hat werden
       lassen. Für mich ist das vor allem Alkohol, denke ich zu dieser Zeit. Erst
       viel später lerne ich, dass sich meine Abhängigkeit an so viel mehr Stellen
       zeigt: Beziehungen, Marihuana, Zigaretten, Shopping – sie ist etwas, das
       ich stets in mir trage.
       
       Als „irreführend und passend zu gleich“ beschreibt der [1][Autor Daniel
       Schreiber] die sogenannte „Pink Cloud“ in seinem literarischen
       Erfahrungsbericht „Nüchtern“. In den meisten Fällen sei diese Anfangszeit
       der Nüchternheit überraschend schön, stellt er rückblickend fest. In
       Wahrheit aber gehe man durch eine lange Phase extremer
       Stimmungsschwankungen. Von Verwirrung geprägt, wolle man in diesen Wochen
       und Monaten gar nicht trinken, „die neuronalen Verbindungen aber, über
       Jahre geformt, funktionieren weiter und sorgen für eine Art mentale
       Entzugserscheinung“.
       
       Tatsächlich passt sich das Gehirn bei regelmäßigem Alkoholkonsum an dessen
       dämpfende Wirkung an: Das Gleichgewicht zwischen hemmenden und anregenden
       Botenstoffen verschiebt sich, das Belohnungssystem verändert sich. Fällt
       der Alkohol weg, muss sich das Gehirn erst wieder neu regulieren. Ein
       weiterer Grund für die anfängliche Euphorie kann der Kontrast sein: Der
       Kopf wird klarer, Schlaf und Energie verbessern sich, und die Tatsache, den
       Alkoholkonsum wirklich stoppen zu können, sorgt für ein starkes Gefühl von
       Erleichterung und Kontrolle. Leider ist das Gefühl meist nicht von Dauer,
       bei mir hält es einige Monate an.
       
       Ich fühle mich in dieser Zeit leicht und stark zugleich. Das kannte ich
       nicht mehr. Leicht und stark zugleich fühlte ich mich zuletzt als Kind:
       beim Schwimmenlernen, als die Stützräder wegfielen, oder beim Reiten, wo
       mich das Einswerden mit dem Pferd beflügelte, während ich doch eine gewisse
       Kontrolle behielt. Ohne Alkohol kommt dieses Gefühl zurück. Ich schwimme
       wieder, in Seen und durchs Leben, und ich laufe, weil die Bewegung mir
       hilft, meine Ängste zurückzuhalten.
       
       Im August 2024 schreibe ich in mein Tagebuch: Zwischen diesen und den
       letzten Zeilen liegen wieder 16 Monate und ich habe mich selbst weiter
       angenähert. Nicht alles war in dieser Zeit positiv, vieles sogar sehr
       schmerzhaft. 
       
       In der Anfangszeit bin ich sehr vulnerabel, ohne es so zu empfinden.
       Unterdrückte Ängste und Glücksgefühle wollen gleichzeitig an die
       Oberfläche, und obwohl ich mich leicht fühle, weine ich viel.
       
       ## Will ich das? Eine wirklich gute Frage
       
       Ich lerne jemanden kennen, wir verabreden uns bei mir. Aber irgendetwas
       stimmt nicht. Als ich noch Alkohol trank, und in den Kennenlernphasen war
       es oft nicht wenig, legte sich immer ein Schleier über solche Nächte, eine
       Weichzeichnung, durch die alles etwas leichter wirkte, etwas weniger real.
       
       Jetzt ist da nichts. Jede Berührung kommt klar bei mir an, ungefiltert, und
       mit ihr eine Frage, die ich mir betrunken nie gestellt habe: Will ich das?
       Ich weiß die Antwort nicht mehr, kaum dass er da ist, in meiner Wohnung,
       meinem Bett – und genau das erschreckt mich mehr als alles andere: dass ich
       all die Jahre offenbar nie hingespürt habe, ob ich etwas wollte, sondern
       nur, ob es zu der Person passte, die ich sein wollte.
       
       Er bleibt nicht lange, vermutlich fällt ihm mein Unbehagen auf. Als die Tür
       hinter ihm zufällt, spüre ich vor allem eines: Erleichterung. Nüchternsein
       heißt offenbar auch: sich selbst nicht mehr ausweichen können.
       
       Der Morgen in Barcelona – damals bin ich knapp 31 Jahre alt – ist ein
       erster und wichtiger Schritt. Ich befinde mich auf einer Pressereise mit
       einer Gruppe von Journalist:innen unterschiedlicher Medien, von denen alle
       um einiges älter sind als ich. Ihr Vorsprung in Berufs- und Lebenserfahrung
       jagt mir die Art von Respekt ein, die unweigerlich in Angst umschlägt,
       sobald ich mit meinem eigenen Unwissen konfrontiert werde.
       
       Der daraus resultierende Stress ist mein Dauerbegleiter, seit ich 2019
       erste Schritte in den Journalismus unternommen habe. Wie ein kleines
       Monster sitzt er mir seitdem im Nacken und flüstert mir immer wieder ins
       Ohr: „Fake it, til you make it.“ Mit diesem Mantra bin ich bisher gut
       gefahren und bin doch der Meinung, dass mein vermeintlicher Erfolg
       keinesfalls mit etwaigen Qualifikationen meinerseits zu tun haben kann.
       [2][„Impostor Syndrom“] beschreibt dieses Gefühl der Unzulänglichkeit, bei
       dem man stets fürchtet, sie könne auffliegen. „Und womit lässt sich diese
       Versagensangst vermeintlich so wunderbar kurieren?“, fragt die
       [3][Journalistin Eva Biringer] in ihrem Buch „Unabhängig“ und liefert
       prompt die Antwort dazu: „Mit einem vollen Glas.“
       
       Viele solcher Momente habe ich so überwunden. Angefangen habe ich damit als
       Teenager. Mein Körper wurde erwachsen, während ich mich selbst noch nicht
       so recht darin wiederfand. Um cool zu sein, um dazuzugehören, oder auch
       einfach, um mit den älteren Jungs, die früh interessanter waren als die
       gleichaltrigen, interagieren zu können, konsumiere ich, ohne dass ich weiß,
       ob es mir überhaupt schmeckt.
       
       „Von Anfang an möchte ich besoffen sein. Ich trinke mich an diesen Punkt
       heran, an dem alles gleichgültig wird“, schreibt [4][Lena Schätte in ihrem
       Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“]. Meine Beziehung zum
       Alkohol ist ähnlich geprägt: Sie ist von Anfang an, wie sagt man so gern?
       Toxisch.
       
       Das erste Mal läuft gleich aus dem Ruder, [5][etwa 14 Jahre alt bin ich
       da]. Ich weiß noch, dass der Raum nach Deo und Chips riecht, Musik durch
       einen Computerlautsprecher dringt und mir jemand eine Flasche reicht, die
       ich entgegennehme, als wäre es ein besonderes Geschenk. Es wird wohl etwas
       hochprozentig Gemischtes gewesen sein, das ich an diesem Abend bei einer
       Klassenkameradin in mich reinschütte, in der Hoffnung, dabei möglichst cool
       auszusehen, das Gesicht angestrengt nicht verziehend. Es brennt. Ich
       schlucke trotzdem, lächle sogar, als wäre da nichts.
       
       ## Die richtigen Eskapaden beginnen mit 16
       
       Dazwischen ein paar „Mädchen-Biere“, wie sie damals so beliebt sind. Dieser
       Geschmack nach artifizieller Frucht – Green Lemon, Chilled Orange, Erdbeer
       – schmeckt nach nichts, das ich kenne, und genau deshalb nach Freiheit.
       Ein, zwei Schluck Bierbrause, dann was Klares auf Ex. Ich spüre, wie es
       runterläuft, wie es sich in mir ausbreitet, warm und schwer zugleich. Und
       dann, irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Glas, kippt etwas. Ich bin
       lauter. Ich bin leichter. Auf einmal bin ich jemand anderes. Jemand, der
       nicht mehr am Wochenende mit der besten Freundin Kinderwelten mit
       Plastikpferden erschafft, sondern Teil von etwas Größerem. Da ist es auch
       egal, dass der Abend für mich mit der Wange am Porzellan der Kloschüssel
       endet, während mir meine Freundin P. die Haare hält.
       
       Die richtigen Eskapaden beginnen mit etwa 16, in den nuller Jahren, wo ich
       ständig auf irgendwelchen Partys im damals zwar schon beliebten, aber
       durchaus noch edgy Berlin bin: Cookies, Picknick, Rodeo, Bar25, Berghain –
       irgendwie kommt man überall rein, trotz (oder gerade wegen) der
       Jugendhaftigkeit. Die Wochenenden verbringe ich meist in der Garderobe vom
       Rodeo, das sich damals im alten Postfuhramt in der Auguststraße befindet.
       N. arbeitet dort, und zwischen Tanzeinlagen ruhen wir uns bei ihr aus,
       zwischen Mänteln und Garderobenmarken, die Musik nur gedämpft durch die
       Wand.
       
       Dienstags und donnerstags ist Cookies-Time, wo S. uns verlässlich reinlässt
       und ich nicht nur einmal jemanden für die Nacht kennenlerne. Mit 18 tauche
       ich nur noch sporadisch, und wenn, dann recht durchgefeiert in der Schule
       auf, was mich beinahe die Zulassung zum Abitur kostet. Ich sitze in der
       zweiten Stunde – zur ersten schaffe ich es selten –, das Haupt auf den
       bekritzelten Tisch gebettet, die Augen zu schwer, um sie offen zu halten.
       Wenn der Lehrer mich zurechtweist, fahre ich hoch, aufsässig, mit einer
       Schärfe in der Stimme, die im Nachhinein betrachtet auch an den ganzen
       Substanzen liegen muss, die ich damals unhinterfragt konsumiere.
       
       In meinen Zwanzigern studiere ich außerhalb von Berlin, pendele. Die
       Fahrten zurück in die Stadt verbringen meine Kommiliton:innen und ich oft
       jeder mit mindestens zwei Flaschen Bier im Zug. Danach geht es meist noch
       weiter in eine Bar, zu jemandem nach Hause oder in den Park, um
       weiterzukonsumieren.
       
       Da ich nie morgens schon anfange zu trinken, auch längere Pausen einlegen
       kann (Tage, manchmal Wochen, bis zu dem so gern auf Social Media gefeierten
       „Dry January“) und selten Härteres als Bier, Wein oder Sekt konsumiere,
       will der Begriff Alkoholikerin nicht recht zu mir passen. Ich probiere ihn
       an, doch er hängt mir von den Schultern, rutscht mir über die Arme, bleibt
       einzig an dem Bäuchlein hängen, von dem ich nicht weiß, wann es entstanden
       ist. Nur dass ich es hasse, weiß ich. „Hass ist ein ganz schön hartes
       Wort“, belehrt mich ein Freund mal. Doch genau das empfinde ich. Nicht nur
       für den Bauch, sondern ganz generell für mich: Hass. Hass und Verachtung.
       Für meinen Körper, mein Sein. Das hat auch etwas damit zu tun, wie ich
       aufgewachsen bin.
       
       Anfang 2020 schreibe ich in mein Tagebuch: Sobald ich den ersten Schluck
       trinke, ist alles leichter. Ich fühle mich unbeschwerter, sperre das
       verängstigte Kind in mir ein und gehe aus. Ich liebe es, wie einfach es mir
       fällt, mich zu unterhalten, egal mit wem. Ob im Club oder auf
       Veranstaltungen; ich bin unterhaltsam und werde gemocht. Das ist alles, was
       zählt. Dass die Stimmung schnell kippen kann, ignoriere ich. Scham
       überkommt mich am Morgen danach, peinlich berührt denke ich an das, was ich
       am Abend vorher gesagt oder getan habe und mit wem. Aber all das spielt im
       Moment selbst keine Rolle.
       
       „Gerade in den Jahrgängen ab 1980 und besonders ab 1990 zeigte sich, dass
       Frauen fast so oft zum Rausch neigen wie Männer“, schreibt Eva Biringer.
       Tatsächlich hat sich der Alkoholkonsum von Frauen und Männern in
       Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angenähert. Der
       Psychologe Jürgen Rehm, der zu Alkohol und Abhängigkeit forscht, sieht
       darin auch einen Zusammenhang mit der zunehmenden Emanzipation von Frauen:
       Je stärker Frauen am gesellschaftlichen Leben teilhaben, beruflich
       erfolgreich sind und über dieselben Freiheiten verfügen wie Männer, desto
       ähnlicher wird offenbar auch ihr Trinkverhalten. Alkohol, so Rehm [6][im
       SZ-Magazin], sei in Deutschland ein Kulturgut, er gehöre „zum guten Leben“
       – und das gelte inzwischen auch für Frauen, gerade wenn sie erfolgreich
       seien.
       
       Aber vielleicht erklärt Emanzipation nur einen Teil dieser Entwicklung.
       Denn mit den Freiheiten, die Frauen gewonnen haben, sind nicht automatisch
       alle Unsicherheiten verschwunden. Im Gegenteil: Zu dem Anspruch,
       unabhängig, erfolgreich und selbstbestimmt zu sein, kommt für viele Frauen
       weiterhin der Druck, dabei auch noch einer bestimmten Vorstellung von
       Weiblichkeit zu entsprechen. Stark sein, funktionieren, attraktiv sein,
       sich behaupten – und bloß nicht zu viel sein. Vielleicht ist Alkohol
       deshalb nicht nur ein Symbol gewonnener Freiheit, sondern manchmal auch ein
       Mittel, die Unsicherheit darüber auszuhalten, wie man diese Freiheit
       eigentlich ausfüllen soll. Ich kenne dieses Gefühl. Ich habe nicht
       getrunken, weil ich mich frei fühlte. Ich habe getrunken, um mich frei zu
       fühlen.
       
       In meinem Tagebuch steht: Mit einem Glas Wein, dann zwei, dann drei, bin
       ich die, die ich immer sein wollte. Erst nach dem fünften oder sechsten
       Glas werde ich die, die ich nicht sein will.
       
       ## Die sophisticated Mutter als Vorbild
       
       „Wir haben ja fast alle das Gefühl, nicht zu genügen“, schreibt Biringer.
       Dagegen anzutrinken haben viele versucht. Filme und Serien zeigen weibliche
       Figuren, die eine „Work hard, play hard“-Einstellung verkörpern – der Drink
       als charakterisierendes Accessoire für die „starke Frau“. Der Cosmopolitan
       in [7][„Sex and the City“] gilt als Symbol für Sexualität und
       Eigenständigkeit – als weibliches Pendant zu James Bond und seinem Martini.
       Wer den Lifestyle der Protagonistinnen nachahmen will, kann sich vielleicht
       keine Manolo Blahniks leisten, einen Cosmopolitan aber schon.
       
       Mein Vorbild für diesen Lifestyle war meine Mutter. Anfang der Neunziger in
       ihren Zwanzigern, alleinerziehend, erst studierend, dann im Kulturbereich
       tätig, kommt sie viel herum. Für mich ist sie sophisticated, bevor ich das
       Wort kenne. Auch und vor allem, weil sie dieses Bild ebenso außer Haus
       trägt wie ihre Miniröcke. Verglichen mit meiner Mama, die es zwar nur
       unregelmäßig schafft, mich zur Schule zu bringen oder abzuholen, die auf
       Kinderbetreuung am Nachmittag, nicht selten auch abends angewiesen ist,
       wirken andere Mütter fad auf mich.
       
       Eine stete Erinnerung ist, wie ich aufwache, weil der Fernseher zu laut
       ist. Mama liegt auf dem Sofa, ein Bein hängt herunter, sie schnarcht unter
       dem blauen Flackern. Ich setze mich vor die Schüssel mit den Erdnüssen, die
       mit der knackig-salzigen Kruste, knacke sie so leise ich kann, während ich
       noch ein bisschen fernsehe, bevor ich sie wecke. Neben ihr steht die
       Flasche Wein, mal mehr, mal weniger geleert. Ich muss über 30 werden, um zu
       verstehen, wo ich da eigentlich zugeschaut habe.
       
       Kinder von suchterkrankten Eltern fühlen sich für sie verantwortlich und
       übernehmen früh Aufgaben, für die sie viel zu klein sind, steht auf der
       Webseite der Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien [8][NACOA].
       Ich lerne früh, dass die Laune meiner Mutter morgens besser ist, wenn sie
       Kaffee trinkt, also lerne ich ihn so zuzubereiten, wie sie ihn mag, und
       bringe ihn ihr ans Bett. Sie am Wochenende aufzuwecken, ist eine schlechte
       Idee, unter der Woche aber ist es besser, einen eigenen Wecker zu stellen,
       da sie ihren gern überhört.
       
       Das Risiko, selbst abhängig zu werden, ist für Kinder aus suchtbelasteten
       Familien drei- bis sechsfach erhöht. Etwa ein Drittel entwickelt eine
       eigene stoffliche Abhängigkeit, ein weiteres Drittel psychische und soziale
       Störungen, von Ängsten und Depressionen über Essstörungen bis hin zu
       Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen. Die beiden Gruppen überlappen sich,
       denn oft ist es der Alkohol, der Anspannung und Leere betäuben soll.
       
       Warum gerade diese Kinder zum Glas greifen, hat mehrere Gründe: Zum einen
       ist die Veranlagung teilweise erblich, etwa wie stark das Belohnungssystem
       auf Alkohol anspringt. Zum anderen erleben sie von klein auf, dass Alkohol
       die normale Antwort auf Stress, Kummer und Erschöpfung ist. Selbst das
       letzte Drittel, das augenscheinlich unbeschadet bleibt, trägt häufig an den
       Folgen: Wer früh gelernt hat, Stimmungen zu lesen und die eigenen
       Bedürfnisse zurückzustellen, kämpft später oft mit Perfektionismus,
       Kontrollbedürfnis und Überengagement im Job, mit Grenzen, die sich nur
       schwer ziehen lassen, und mit Nähe, die zugleich ersehnt und gefürchtet
       wird.
       
       Irgendwie passe ich in jedes dieser Drittel, denn meine Beziehung zu dem,
       was als Genussmittel deklariert ist, war vieles, aber nie Genuss. Von
       Anfang an prägt die Abhängigkeit meinen Konsum. Maßlosigkeit wird mein
       steter Begleiter. Nach vielen Jahren Therapie, einer Psychoanalyse, die
       mich nicht nur viel Zeit, sondern auch Energie kostet, sowie einem
       Burn-out, weiß ich heute, dass ich damit kompensierte, was ich als Kind von
       suchtbetroffenen Eltern nicht bekam.
       
       „Wenn Zuneigung und Aufmerksamkeit davon abhängig sind, ob und wie viel der
       alkoholkranke Elternteil getrunken hat, wird die Unsicherheit oft zur
       einzigen Konstante im Leben der Kinder“, heißt es bei NACOA. Gewalt –
       physisch wie psychisch – ist deshalb keine Seltenheit in solchen Familien,
       war es auch in meiner nicht.
       
       ## Alleinlebend lässt sich besser konsumieren
       
       Irgendwann kann ich nicht mehr. Sind die Grenzen zu weit verschoben. So
       geht es mir schon Jahre, bevor ich endlich aufhöre zu trinken. Was alle
       hier zitierten Autor:innen gemein haben, ist, dass sie irgendwann ihr
       Trinkverhalten anzupassen versuchen und sich hierfür Regeln auferlegen. Nur
       noch am Wochenende trinken, nur noch zu besonderen Anlässen (wie schnell
       diese kreiert werden können!), nur noch Wein oder Bier, nie mischend oder
       vor einer bestimmten Uhrzeit. Auch ich versuche mich an diesen
       selbstauferlegten Regeln und scheitere jedes Mal an ihnen. Die Scham, die
       damit einhergeht, ist groß, schaffe ich es doch einfach nicht, nicht zu
       trinken.
       
       Durch mein Konsumverhalten verliere ich in meinen Zwanzigern die ein oder
       andere Freund:innenschaft. Nie sagt es mir eine:r so geradeheraus, ich weiß
       aber, dass es daran liegt, dass ich betrunken unberechenbar werde, immer
       wieder Dramen anzettele, vergebene Männer anbaggere und mich generell
       danebenbenehme. Statt aufzuhören, steigert sich mein Konsum nur noch mehr,
       und ich beginne immer öfter auch alleine zu trinken, vermutlich auch, weil
       die wenigsten noch mit mir trinken wollen.
       
       Die Pandemie und das mit ihr einhergehende Homeoffice kommen mir da sehr
       zugute. Alleinlebend, merkt niemand, wenn ich nach der ersten Flasche
       Rotwein noch eine zweite öffne. Nur mein Körper bemerkt es und straft mich
       an den Tagen danach, bis ich nichts mehr bei mir behalten kann.
       
       [9][Drunkorexie] nennt sich die Kombination aus Betrunkensein (drunk) und
       Anorexie – Magersucht. Ich sollte erst sehr viel später rausfinden, dass
       ich an Letzterer genauso erkrankt war wie an einer Alkoholabhängigkeit.
       Trinke ich, esse ich meist nichts oder wenig. Wie paradox das Zusammenspiel
       der Drunkorexie ist, zeigt Biringer, indem sie die französische
       Journalistin Claire Touzard zitiert: Es komme häufig vor, dass man erst
       magersüchtig und dann alkoholkrank werde. Erst mal gehe es darum, sich
       selbst zu schaden, ein Angriff des Selbstwertgefühls. Dann um eine Art von
       Kontrolle: Wenn man magersüchtig sei, habe man viel Kontrolle über seinen
       Körper, und wenn man bis zum Äußersten trinke, gehe es oft darum, diese
       Kontrolle zu verlieren – „der genau umgekehrte Weg“.
       
       Biringer schreibt weiter etwa, dass 40 Prozent der Bulimikerinnen
       alkoholabhängig sind. Viele würden auch beim Essen sparen, weil man dann
       schneller betrunken wird. So ist es bei mir. Ich sehe Essen als lästige
       Notwendigkeit, auf die ich gut und gern verzichten kann. Alkohol ist
       hierfür der beste Katalysator, denn nach seinem Konsum verspüre ich keinen
       Hunger mehr. Zudem beginne ich immer öfter zu kotzen, wenn ich zu viel
       trinke, was meinem Wunsch, dünn zu sein, entgegenkommt.
       
       In meinem Tagebuch steht über den Morgen in Barcelona: Ich fühle mich
       ausgekotzt und leer. Zu dem Treffen in der Lobby habe ich es nicht mehr
       geschafft. Stattdessen liege ich regungslos auf dem Bett und blicke auf die
       zwei Rotweinflaschen, die ich abends mitbringen will. Ich bin mit P.
       verabredet, mit dem ich gestern schon die Nacht in Barcelona unsicher
       gemacht habe. Wir wollen uns zum Essen treffen, bei ihm. Beim Einkauf der
       Flaschen dachte ich noch darüber nach, ob eine reichen wird, und ich
       wusste: auf keinen Fall. Doch jetzt, in diesem Moment, kann ich mir nicht
       vorstellen, auch nur einen Schluck der roten Flüssigkeit zu mir zu nehmen.
       Mein Kopf zerreißt und etwas Größeres in mir gleich mit. Ich kann nicht
       mehr.
       
       „Ich habe den Drink aus meinem Leben gestrichen und somit eine ganze
       Identität hinter mir gelassen“, schreibt Autorin Mia Gatow in ihrem Buch
       „Rausch und Klarheit“. Und es stimmt. Als ich nach diesem Morgen in
       Barcelona endlich aufhöre zu trinken – etwas, das mir lange unmöglich
       scheint –, verliere ich auch die Person, die ich bis dahin gewesen bin. Es
       ist ein Verlust, der schmerzt. Ich kenne mich nicht mehr, muss mich völlig
       neu kennenlernen und dabei auf manch Wunschvorstellung verzichten:
       „Nüchternheit bring dir erst mal gar nichts außer Nüchternheit.
       Produktivität, innere Ruhe und Selbstliebe sind nicht Teil des Pakets. Das
       einzige Versprechen, das die Nüchternheit immer einhält: Du kommst zu dir“,
       heißt es bei Gatow.
       
       Dieses Gefühl, bei sich anzukommen, ist wahnsinnig schön, aber ebenso
       schmerzhaft. Nüchternheit fördert zutage, was vorher in Alkohol ertränkt
       wurde: Meiner Magersucht werde ich mir erst im Nachhinein richtig bewusst,
       noch heute kämpfe ich mit dem ständigen Gedanken, dünn sein zu wollen.
       Insgesamt realisiert man, was man all die Jahre verpasst hat, wer man hätte
       sein können, für sich, für andere. Mir hilft die Therapie bei meinem
       Vorhaben, zudem die Aufarbeitung innerhalb meiner Familie. Zu
       Selbsthilfeorganisationen wie den Anonymen Alkoholikern bin ich nie
       gegangen, geholfen haben mir aber die genannten Autor*innen bei der
       Aufarbeitung. Im Grunde ist es Scham, die mich endlich dazu bringt,
       aufzuhören. Ich schäme mich längst vor anderen, aber vor allem vor mir
       selbst.
       
       Einmal, ich bin gerade in Chile, kaufe ich aus Versehen normales Bier,
       merke es erst nach einigen Schlucken und trinke die kleine Flasche aus. Am
       nächsten Tag habe ich furchtbare Kopfschmerzen. Ein anderes Mal tischt mir
       der Wirt auf einer Hütte nach einer langen Wanderung einen Radler auf und
       ich vergesse kurz, dass das Getränk Alkohol enthält. Den Wunsch, mehr zu
       trinken, habe ich jeweils nicht, was erst mal wie ein gutes Zeichen wirkt.
       Doch die Angst, dass ich aus diesem Grund irgendwann wissentlich „nur mal
       ein Glas“ trinke, begleitet mich seither. Denn ich weiß: Aus einem Glas
       werden früher oder später mehrere. Manchmal träume ich davon. Dann versuche
       ich mir immer wieder vorzustellen, wie dreckig es mir am Ende ging, wie
       mein Körper reagiert hat, was mein Umfeld sagen würde. Das hilft bisher
       immer. Ich bin ziemlich konsequent geworden, doch ein Laster bleibt mir
       noch: das Rauchen. Vielleicht kompensiere ich damit, was ich sonst alles
       hinter mir gelassen habe.
       
       Manchmal frage ich mich, was vom alten Leben eigentlich der Alkohol war und
       was das Leben selbst. Das Feiern, die Menschen, lange Abende, am nächsten
       Morgen trotzdem aufstehen und im Job funktionieren. Vieles davon geht auch
       ohne Alkohol. Aber es fühlt sich nicht mehr genauso an, ist oft
       anstrengender. Vielleicht ist es das, was ich am schwersten
       auseinanderhalten kann: Was ich vermisse – und was ich eigentlich hinter
       mir lassen wollte.
       
       Was ich gelernt habe in den vier Jahren, die ich nun nüchtern bin: Man ist
       kein besserer Mensch, nur weil man nicht trinkt. Den Irrglauben,
       Trinker:innen seien charakterschwache Menschen, kann man getrost begraben.
       Betrunken war ich sensibler, auch wenn es um Probleme anderer ging. Nur
       lief halt alles immer wieder auf mich zurück, denn der:die Trinkende kann
       sich selbst nie aussparen. Er:Sie ist immer mitgemeint, leidet mit und ist
       dabei ziemlich selbstbezogen.
       
       Ohne Alkohol kann ich mich besser abgrenzen, anderen ihren Raum lassen.
       Doch ich finde es schwieriger, wirklich mitzufühlen, bin kontrollierter und
       in Gesprächen weniger zugänglich als früher. Lache weniger. Mia Gatow ist
       der Meinung, „erst nüchtern zeigen wir unsere wahren Farben“. Meine sind
       vielleicht etwas verblasst, mehr pastell als glühend. Nicht mehr ein
       dunkles Rotweinrot oder eine knallige Alkopop-Färbung. Vielleicht greife
       ich bei Kleidung und Einrichtung auch deshalb immer häufiger auf kräftige
       Primärfarben zurück. Um meinem Leben etwas Farbe zurückzugeben.
       
       Den Artikel veröffentlichen wir auf Wunsch der Autorin unter Pseudonym.
       
       28 Oct 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Emilia Czentovic
       
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