# taz.de -- Psychiaterin über Fetales Alkoholsyndrom: „Die Normalisierung von Alkohol ist ein Problem“
       
       > An diesem Mittwoch ist der Tag des alkoholgeschädigten Kindes, tausende
       > werden jedes Jahr geboren. Das liegt auch an der Gesellschaft, sagt Heike
       > Wolter.
       
 (IMG) Bild: Ein hoher und permanenter Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist besonders schädlich
       
       taz: Frau Wolter, sollte jeder wissen, was [1][FASD] ist? 
       
       Heike Wolter: Ja. Aber nicht einmal alle Ärzte kennen das volle Ausmaß. Die
       fetalen Alkoholspektrumstörungen (englisch Fetal Alkohol Spectrum
       Disorders) sind keine seltene Erkrankung. Man geht davon aus, dass
       mindestens 1 Prozent der geborenen Kinder davon betroffen sind. Das heißt,
       jedes Jahr kommen in Deutschland rund 7.000 Kinder mit FASD auf die Welt –
       vorsichtig geschätzt.
       
       taz: FASD gilt als die häufigste angeborene und nicht heilbare Erkrankung. 
       
       Wolter: … und ist immer noch unterdiagnostiziert. Und wie fast immer in der
       Medizin hat es weitreichende Konsequenzen, wenn eine Diagnose nicht
       gestellt wird. Es hat sich viel getan in den letzten Jahren, aber sowohl
       Ärzte als auch die Allgemeinbevölkerung brauchen weiterhin konsequente
       Aufklärung.
       
       taz: Also dann, was genau ist FASD? 
       
       Wolter: Es handelt sich dabei um angeborene, durch Alkohol verursachte
       Schädigungen des Gehirns. Die Symptome variieren, deshalb sprechen wir von
       einer Spektrumstörung: Das reicht von Schwierigkeiten bei der Konzentration
       hin zu Wachstumsstörungen, auffälligen Gesichtsmerkmalen,
       Intelligenzminderung und schweren Entwicklungsstörungen sowie
       Verhaltensstörungen. Was allen gemein ist: Bestimmte Hirnfunktionen sind
       grundlegend gestört. Das heißt die Hardware des Gehirns ist beeinträchtigt
       und nicht – wie sonst oft bei psychischen Erkrankungen – die Software.
       
       taz: Sprechen wir hier vor allem von den Kindern alkoholkranker Mütter oder
       reicht schon ein Glas Wein in der Frühschwangerschaft für FASD? 
       
       Wolter: Es ist sicher so, dass ein hoher und permanenter Alkoholkonsum in
       der Schwangerschaft besonders schädlich ist. Aber tatsächlich wissen wir
       einfach nicht, welche Folgen schon ein einzelnes Glas Wein haben kann. Das
       Gehirn des Fötus entwickelt sich über den gesamten Zeitraum der
       Schwangerschaft und ist extrem empfindlich. Und gerade in der
       Frühschwangerschaft hat der Embryo keine Möglichkeit, das Nervengift
       Alkohol zu verstoffwechseln. Ob es einen Schwellenwert gibt, wie viel
       Alkohol schädlich ist, können wir nicht sagen. Daher müssen wir eben davon
       ausgehen, dass bereits ein Glas Wein schädlich sein kann.
       
       taz: Es ist hart für Frauen, sich einzugestehen, dass sie mit ihrem
       Alkoholkonsum ihrem Kind geschadet haben. 
       
       Wolter: Das ist in der Diagnostik ein ganz wichtiges Thema. Fast alle
       Bezugspersonen, die mit Kindern oder Jugendlichen zu mir in die Diagnostik
       und Betreuung kommen, sind Pflegeeltern, Adoptiveltern oder professionelle
       Betreuer aus Wohneinrichtungen. Aber ich habe hier doch auch einige
       leibliche Mütter, die sagen: „Das ist mir passiert, aber ich muss doch
       irgendwie meinem Kind jetzt angemessen helfen können.“ Und ich finde es
       total wichtig, dass diese Frauen ein Stück weit geschützt sind. Denn die
       Normalisierung von Alkoholkonsum – das ist ein gesellschaftliches Problem
       und nicht nur ein Problem dieser Frauen. In gewisser Weise ist es schlicht
       nicht erwünscht, dass Alkohol so toxisch sein kann. Das steht einer
       umfassenden Diagnostik im Weg.
       
       taz: Aber nicht alle Kinder, deren [2][Mütter in der Schwangerschaft
       Alkohol getrunken haben], haben Beeinträchtigungen, oder? 
       
       Wolter: Nein. In einer Umfrage aus dem Jahr 2011 gaben 20 Prozent der
       befragten Mütter an, dass sie in der Schwangerschaft Alkohol konsumiert
       haben. Diese Zahlen haben mich selbst erschreckt. Aber nicht alle der
       geborenen Kinder entwickeln FASD. Und wie stark die Symptome sich
       ausprägen, welche Begleiterkrankungen dazukommen, das hängt auch davon ab,
       in welche zusätzlichen psychosozialen Problemlagen das Kind hineingeboren
       wird und wie die genetische Ausstattung ist.
       
       taz: Welche konkreten Probleme haben die Kinder und Jugendlichen mit FASD? 
       
       Wolter: Es gibt verschiedene Bereiche, in denen Störungen auftreten können:
       Sprachentwicklung, motorische Entwicklung, Lern- und Merkfähigkeit, soziale
       Fähigkeiten und ganz wichtig: die sogenannten exekutiven Funktionen.
       Handlungen planen und strukturieren, Unterscheiden, was gerade wichtig und
       unwichtig ist – das sind die Fertigkeiten, die wir brauchen, um unseren
       Alltag zu bewältigen, um selbstständig zu leben. Man muss sagen, das
       gelingt den meisten Menschen mit diagnostizierter FASD nicht. Nach älteren
       Studien sind nur rund 20 Prozent in der Lage, als Erwachsene vollständig
       selbstständig zu leben.
       
       taz: In welchem Alter kommen die Kinder zu Ihnen? 
       
       Wolter: Der Großteil ist im Kindergarten- und frühen Grundschulalter. Aber
       es gibt leider auch viele, die erst als Jugendliche kommen. Meistens haben
       sie dann schon eine Odyssee hinter sich.
       
       taz: Wie wird die Diagnose FASD aufgenommen? Heilbar sind die Störungen
       schließlich nicht … 
       
       Wolter: Ich sehe Tränen der Erleichterung, weil es endlich eine Erklärung
       für die vielen Schwierigkeiten gibt. Aber ich sehe auch Tränen der
       Verzweiflung, weil das nicht mehr weggeht. Das betrifft die Patienten und
       die Bezugspersonen. Vor allem für Adoptiveltern ist es verständlicherweise
       oft schwer, weil bei ihnen Vorstellungen, die mit dem Kinderwunsch
       verbunden waren, zerbrechen.
       
       taz: Nur in schweren Fällen sieht man [3][Menschen mit FASD] ihre
       Erkrankung an, auch die Intelligenz ist oft im Durchschnittsbereich … 
       
       Wolter: Das ist auf der einen Seite natürlich eine gute Nachricht und
       erhöht bei guter Betreuung auch die Chancen auf ein selbstständiges Leben.
       Auf der anderen Seite macht es gerade die Unsichtbarkeit der
       Beeinträchtigung schwerer. Die Gesellschaft, die Versorgungsämter, auch die
       Schulen sind dann schnell mit Zuschreibungen: Der Betroffene muss sich doch
       nur mehr anstrengen, ist bloß faul und so weiter. Diese Abwertung und das
       tägliche Scheitern an Dingen, die andere ganz einfach hinkriegen – das
       verursacht sehr viel Leid und macht auch die Behandlung herausfordernd.
       
       taz: Was ist Ihr Ziel bei der langfristigen Betreuung von FASD-Betroffenen? 
       
       Wolter: Mein oberstes Ziel ist es, die Patienten darin zu bestärken, dass
       sie so, wie sie als Menschen sind, in Ordnung sind. Dass sie eine
       Beeinträchtigung haben, aber nicht diese Beeinträchtigung sind. Dann geht
       es darum, Begleitstörungen so gut wie möglich zu behandeln. Medikamentöse
       Behandlung spielt hier eine große Rolle. Wir arbeiten auch daran, dass die
       Patienten Entlastung und Unterstützung bekommen, zum Beispiel in der
       Schule. Und dass sie so selbstständig werden wie möglich.
       
       taz: Wenn viele Kinder früher und bis heute nicht diagnostiziert wurden,
       dann muss es doch auch sehr viele Erwachsene mit unerkannter FASD geben? 
       
       Wolter: Auf jeden Fall. Gerade, wenn man bedenkt, dass die Erkrankung erst
       seit 1973 überhaupt bekannter wurde, als sie in den USA benannt wurde.
       Davor wussten die Mütter in der Regel gar nicht, dass Alkohol in der
       Schwangerschaft solchen Schaden anrichten kann. Ich sehe auch immer wieder
       Mütter von FASD-kranken Kindern, bei denen ich vermute, dass sie selbst
       FASD haben.
       
       taz: Was wird aus diesen Erwachsenen? 
       
       Wolter: Das Problem ist, dass die Erwachsenen ganz schlecht versorgt sind.
       Das betrifft sowohl die Diagnostik als auch die Langzeitbetreuung. Wir
       müssen davon ausgehen, dass ganz viele Menschen mit unerkannter FASD in den
       Gefängnissen, in der Psychiatrie und auf der Straße landen.
       
       9 Sep 2026
       
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