# taz.de -- Dschingis-Khan-Ausstellung Berlin: Dschingis-Diplomatie
> Auf der Berliner Museumsinsel eröffnet eine Ausstellung zum 800. Todestag
> Dschingis Khans. Ohne den Titelhelden, aber mit europäisch-asiatischer
> Geopolitik.
(IMG) Bild: Der mongolische Präsident Khurelsukh (2. v. l.) und Bundespräsident Steinmeier sitzen bei der Eröffnung in einer Jurte zusammen
Es war in den letzten Wochen [1][so viel von Steigbügeln die Rede], dass
man die effiziente Eleganz des Dings an sich fast vergessen hat. Nachholen
kann man das nun in einer neuen Ausstellung auf der Berliner Museumsinsel.
Steigbügel in allen Formen aus mehreren Jahrhunderten liegen seit dieser
Woche in den Vitrinen, sogar en miniature in Gold als Grabbeigabe, erzählen
vom engen Verhältnis nomadischer Steppenvölker zu ihren Tieren.
So viele Steigbügel, so wenige Halter. Vielleicht, weil die
hochmittelalterlichen mongolischen Reiterkrieger, anders als deutsche
Faschisten, ganz gut ohne Hilfe aufs Pferd kamen.
„Dschingis Khan und die Welt der Mongolen“ heißt die Ausstellung in der
James-Simon-Galerie, die am Dienstag mit einem Festakt im Rahmen des
Staatsbesuchs des Präsidenten der Mongolei, Uchnaagiin Chürelsüch, eröffnet
wurde – dabei ist ausgerechnet der Titelheld dezent abwesend. „Wir haben
nichts“, gibt der Landesarchäologe und Direktor des Museums für Vor- und
Frühgeschichte, Matthias Wemhoff, in seiner Eröffnungsrede zu.
Es gibt ja auch nichts – das Grab ist unentdeckt, es existiert kein
authentisches Porträt, das den legendären Feldherren und Begründer des
größten je existierenden Landreichs der Weltgeschichte zeigt. Die Plakate
schmückt eine goldene Monumentalstatue aus dem
Dschingis-Khan-Nationalmuseum in Ulaanbaatar – von 2025. Aber Dschingis
Khans Todestag liegt 2027 eben 800 Jahre zurück, und überhaupt: Wenn ein
Name aus der zentralasiatischen Geschichte Publikum anlockt – dann ja wohl
dieser.
## Dschingis Khan – „ozeangleicher Herrscher“
Der nomadische Häuptlingssohn Temüdschin aus dem Tal des Flusses Onon, der
später Dschingis Khan genannt wird – „ozeangleicher Herrscher“ – vereinte
zuerst die Stämme der mongolischen Steppe, ehe er 1206 ein Reich
begründete, das vom Ostchinesischen Meer bis zum Kaspischen reichte – seine
Nachfolger sollten es sogar noch deutlich nach Süden und Westen erweitern.
Dabei ist seine Macht sogar in historischen Klimadaten nachweisbar: Dass
die Mongolen bis zu einem Drittel der Bevölkerung Asiens massakrierten,
senkte den CO2-Gehalt der Atmosphäre. Allerdings ist er eben nicht nur der
brutale Schlächter, als der er in Europa in Erinnerung ist – im Gegenteil,
er befriedet umkämpftes Gebiet, erlässt Religionsfreiheit und schafft
Gleichheit vor dem Gesetz.
Von der „Pax Mongolica“ profitiert nicht zuletzt Europa – der Reichtum der
italienischen Städte basiert vor allem auf dem freien Handel zwischen
Fernost und der Krim. Ohne die angeblich teuflischen Tataren, die 1241 an
der Grenze zum Deutschen Reich standen, gäbe es wohl keine Renaissance.
Die kollektive Assoziation ist heute aber vor allem ein Schlager. „Auf
Brüder! Sauft Brüder! Rauft Brüder! Immer wieder!“, heißt es da. Das
Klischee frühstückt die Ausstellung gleich zum Einstieg ab: In
Videoprojektionen in geübt antiquierter „Terra X“-Ästhetik galoppieren noch
einmal monströse Reiterheere – und in der Tat, die Gegenüberstellung der
schweren europäischen und der leichten mongolischen Rüstung, der Sättel,
der Bögen ist eindrucksvoll.
Wie die Überbleibsel zerstörter Klöster, die ebenfalls ausgestellt werden.
Europa ist den Angreifern fast wehrlos ausgeliefert. Doch die Heere drehen
überraschend ab, gut 250 Kilometer vor Berlin endet der Mongolensturm – in
Fernost ist der Großkhan gestorben, ein Nachfolger muss gewählt werden.
Dann macht die Ausstellung einen Sprung durch Zeit und Raum. Oldschool
könnte man das nennen, wie die Macher in der Darstellung der Reiche und
Ethnien aus der Steppe auf den Zauber des Kulissenbaus setzen. Der Weg in
die Halle führt durch einen rekonstruierten Grabgang mit prächtigen
Grabbeigaben aus Shoroon Bumbagar (7. Jahrhundert). Selbstverständlich gibt
es auch eine Jurte.
## Weites Handelsnetz und religiöse Vielfalt
Über das Umfeld des Dschingis Khan wandert der Fokus dann zu seiner
Hauptstadt Karakorum – dass ein so umfangreiches Reich nicht vom Rücken
eines Pferdes zu managen ist, ahnte der nomadisch lebende Herrscher und
zentralisierte hier Wirtschaft und Verwaltung. Fundstücke zeigen das weite
Handelsnetz und auch die religiöse Vielfalt dieser Stadt.
Besonderes Highlight ist ein Fragment der Gründungsstele, das die Kuratoren
aus Ulaanbaatar leihen konnten – bilingual ist ihre Inschrift, auf
Chinesisch und in der im Auftrag des Khans entwickelten mongolischen
Schrift. Insgesamt ist es allerdings keine Ausstellung der überwältigenden
Objekte – obwohl vieles erstmals außerhalb der Mongolei gezeigt werden
darf. Es dominieren Alltagsgegenstände, besonders seltene Objekte wie
goldenen Passierscheine sind nur in Kopie zu sehen.
Was die Ausstellung spannend macht, ist eher, wie sie das Bewusstsein für
Zusammenhänge und Brüche der Geschichte schärft und historische Räume neu
ordnet: [2][Die Uiguren] werden derzeit vor allem als Opfer eines
mutmaßlichen Ethnozids wahrgenommen – hier treten sie als imperiale Macht
aus der Steppe auf, Vorgänger des Mongolenreichs.
## Einfluss der mongolischen Goldenen Horde
Auch die osteuropäische Zeitgeschichte, sagt Landesarchäologe Wemhoff in
der Pressekonferenz vor der Eröffnung, sei durch das mongolische Reich
geprägt: Dass sich die Ukraine und Russland unterschiedlich entwickelten,
sei auch eine Folge des uneinheitlichen Einflusses der mongolischen
Goldenen Horde.
Wemhoffs Eröffnungsrede in Anwesenheit des mongolischen Präsidenten spart
das Feld nun aus, vielleicht aus Rücksicht auf den Gast – Chürelsüch machte
2024 negativ von sich reden, [3][als er seinen international gesuchten
russischen Gegenpart empfing]. Dabei ist die Mongolei als einzige
einigermaßen stabile Demokratie im zentralen Asien geopolitisch auch in
denkbar undankbarer Lage: Sie grenzt an nur zwei Länder, die autoritär
geführten Großmächte Russland und China.
## Dschingis Kahn als „Friedensbringer“
Naheliegend, dass Chürelsüch beim Festakt von Dschingis Kahn als
Friedensbringer spricht, der „Jahrhunderte Krieg zwischen Ost und West“
beendete und dessentwegen „Europa und Asien friedlich zusammenleben“
könnten. „Diesmal sind die Mongolen tatsächlich nach Berlin gekommen“, hat
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zuvor das Ganze
ironisch volley genommen.
Im Grunde betreibt die Mongolei mit einer staatlich so massiv unterstützten
Ausstellung Dschingis-Diplomatie – ähnlich wie China mit seinen Pandas. Das
Nationalmuseum schickt goldene Miniatursteigbügel, im Gegenzug besuchen
demnächst wohl ein paar antike Skulpturen von der Museumsinsel Ulaanbaatar.
Im Hintergrund sichert sich Deutschland Rohstoffe in der mongolischen
Steppe und die Mongolei gewinnt ein wenig Sicherheit in der von Präsident
Chürelsüch beschworenen „engen wertebasierten Freundschaft“ und bleibt,
wäre zu hoffen, Teil der demokratischen Achse. Dschingis Khan, der
Kriegsverbrecher mit dem goldenen Händchen für die Macht von Organisation
und Zusammenhalt, hätte das sicher gutgeheißen.
26 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Steffen Greiner
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