# taz.de -- Prähistorische Kunststätte: Eine starke Gemeinschaft
       
       > Archäologische Funde aus Göbeklitepe zeugen von einer zivilisatorischen
       > Zeitenwende vor 12.000 Jahren. Eine Ausstellung in Berlin erzählt davon.
       
 (IMG) Bild: Steingefäße, Platten und Klopfsteine in Fundlage in einem Küchenbereich in Karahantepe (Türkei), 9.400–8.000 v. Chr
       
       „Wir haben nichts dazugelernt!“ Der Satz soll Pablo Picasso entfahren sein,
       als er zum ersten Mal die Höhle von Lascaux betrat. Die Wandkunst in den
       Höhlen in der Dordogne gilt bis heute als überwältigendes kulturelles
       Zeugnis der Eiszeit.
       
       Picasso kannte Göbeklitepe noch nicht. Sonst hätte er sich vielleicht
       relativiert. Denn die Kunst, die Forscher:innen in der berühmten,
       [1][prähistorischen Anlage im türkischen Teil Mesopotamiens] nordöstlich
       der südostanatolischen Stadt Şanlıurfa entdeckten, entstand tausend Jahre
       später als die in Lascaux – lange vor Stonehenge oder den Pyramiden.
       
       Im Gegensatz zu Lascaux waren die zähnefletschenden Löwen und Leoparden,
       Auerochsen und Schlangen auf den Reliefs, die in den, von den Archäologen
       zurückhaltend „Sonderbauten“ genannten Rundgebäuden Göbeklitepes zu sehen
       sind, nicht nur sehr differenzierte Werke.
       
       Sie waren auch nicht in schwer zugänglichen Höhlen in der Erde versteckt,
       sondern dienten Zeremonien. Sonst wären sie nicht mit Blickrichtung in den
       Innenraum des unterirdischen Baus ausgerichtet gewesen. Die Zuschauer saßen
       auf Steinbänken an den Wänden.
       
       „Öffentliche Kunst“ nennt sie deshalb Eylem Özdoğan. Die Istanbuler
       Archäologin hatte vor fünf Jahren in der Stadt Sayburç ein vier Meter
       langes Relief gefunden, auf dem ein von Raubkatzen flankierter Mann sich an
       den erigierten Penis greift. Nun können diese und viele andere Funde in der
       James-Simon-Galerie bestaunt werden. Bei ihren Fotografien der Artefakte
       bei Fackellicht hat die Künstlerin Isabel Muñoz zu rekonstruieren versucht,
       wie die Menschen sie damals wahrgenommen haben müssen.
       
       ## Ästhetischer Quantensprung
       
       Stattgefunden hat dieser nicht nur ästhetische Quantensprung in dem
       Zeitraum von etwa 9.600 bis 8.700 vor unserer Zeitrechnung. Was die
       Archäologie mit dem sperrigen Terminus „Akeramisches Neolithikum A (PPNA)“
       bezeichnet, war eine der einschneidendsten Schwellen der
       Menschheitsgeschichte. Wurden aus den Jägern und Sammlern der
       jungsteinzeitlichen Epoche doch sesshafte Siedler, die Ackerbau und
       Viehzucht betrieben.
       
       Die Entdeckung und Dechiffrierung der steinernen Zeugen dieser
       zivilisatorischen „Zeitenwende“ gehören zu einem der spannendsten Kapitel
       in der Geschichte der Archäologie. Die Funde von Nevalı Çori, einer frühen
       neolithischen Siedlung am mittleren Euphrat, die heute vom Atatürk-Staudamm
       überflutet ist und ab 1983 ausgegraben wurde, ebneten den Weg [2][zum
       Verständnis von Göbekli Tepe]. Beide Orte weisen die typischen
       monolithischen T-Pfeiler auf, auf denen die konischen Dächer der Bauten
       ruhten. Nachbildungen davon stehen nun im Berliner Museum.
       
       Seit 2021 werden in dem Taş-Tepeler-Projekt (Stein-Hügel-Projekt) weitere
       zehn solcher Siedlungen ausgegraben. Göbeklitepe gilt als der älteste
       bislang bekannte Monumental- und Kultbau der Menschheitsgeschichte. 2018
       wurde die Anlage in die [3][Unesco-Welterbeliste] aufgenommen.
       
       In sechs Kapiteln vom Zeitverständnis über die Mahlzeiten bis zum Tod
       blättern das Team um Barbara Helwing, Direktorin des Vorderasiatischen
       Museums, und Necmi Karul, Universität Istanbul, das Alltagsleben in diesen
       Siedlungen auf, die Menschenbilder und Glaubensvorstellungen ihrer
       Bewohner:innen.
       
       ## Klima begünstigte Sesshaftwerden
       
       Nur Zyniker werden die Schau als Beleg dafür nehmen können, dass ein
       gewaltiger Klimawandel nicht zwingend zur Apokalypse führt, sondern zu
       kultureller Blüte. Denn die Anlage der Bauten vollzog sich allmählich nach
       dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 16.000 Jahren; Gletscher schmolzen,
       der Meeresspiegel stieg, das Schwarze Meer und der Persische Golf
       entstanden. Das wärmere Klima begünstigte das Sesshaftwerden, das
       Domestizieren von Pflanzen und Tieren und eben die Kultbauten mit ihrem
       ikonografischen Programm.
       
       Im Kern belegt die faszinierende Schau aber die Genese eines sozialen
       Werts, der heute wieder händeringend zu revitalisieren versucht wird. Ohne
       die Idee einer starken Gemeinschaft hätten diese ersten Dörfer der Welt
       nicht gebaut werden können. Die Archäologen [4][David Graeber] und David
       Wengrow nahmen sie schon in ihrem 2021 erschienenen Bestseller „Anfänge“
       als einen Beleg für ihre These vom Neolithikum als Experimentierfeld einer
       Vergesellschaftung ohne hierarchischen Staat.
       
       Auf jeden Fall waren sie das Ergebnis einer enormen Gemeinschaftsleistung,
       und ihre Bildprogramme speicherten das kollektive Gedächtnis. Die zwei
       Menschen auf einer ausgestellten Schale mit Relief, die mit erhobenen Armen
       tanzen, belegen: Das Ferment dieser ersten Gemeinschaftsbildung in der
       Geschichte der Menschheit war die Kultur.
       
       25 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ausgrabungsstaette-in-Goebekli-Tepe/!5035010
 (DIR) [2] /Sesshaftigkeit/!6093270
 (DIR) [3] https://www.unesco.de/orte/welterbe/welterbeliste/
 (DIR) [4] /Nachruf-auf-David-Graeber/!5712410
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ingo Arend
       
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