# taz.de -- Netz und Kommerz: Wendepunkt eines Zeitalters
> Mit dem Internet waren große subversive Hoffnungen für einen freien
> Austausch der Individuen verbunden – bis 2001 der iPod kam und die
> Tech-Bros alles kapitalisierten.
(IMG) Bild: Im Internet des Jahres 2001 entstanden nach der Schließung von Napster andere Plattformen, z.B. Wikipedia
Als sich vor einem guten Vierteljahrhundert abzeichnete, welche Macht in
einer Technologie namens Internet stecken könnte, sahen einige am Horizont
bereits den Systemsturz: „Gemessen daran, dass die Umverteilung von
Kontrolle schon geschieht, kann die Umverteilung von Wohlstand und unserer
kollektiven Kreativität da noch weit sein?“, [1][fragte das Tech-Magazin
"Wired" am 1. Oktober 2000.]
Mit „Umverteilung der Kontrolle“ spielte das US-Medium auf eine Plattform
an, welche die Gesetzgebungen der analogen Welt erheblich herausforderte:
Napster. Das Programm war in der Lage, sämtliche Musikdateien auf den
Computern seiner Nutzer*innen zu scannen und zu katalogisieren. In der
daraus hervorgehenden Datenbank konnten vernetzte Musikfans auf der ganzen
Welt nach Titeln suchen und diese herunterladen – kostenlos.
Zwar verfügten die meisten Haushalte noch über langsame, über den
Telefonanschluss laufende 56k-Modemverbindungen, mit denen das
Herunterladen eines einzelnen Musikstücks gern eine Viertelstunde dauern
konnte. Mitte 2000, nur knapp ein Jahr nach der Gründung, waren auf dem
Portal dennoch etwa 4 Millionen aktive Nutzer*innen unterwegs.
## Die Tauschbörse Napster
Im Juli 2000 erließ ein US-Bezirksgericht eine einstweilige Verfügung gegen
Napster. Achillesferse der Tauschbörse war ihre zentralisierte Struktur.
Zwar bot die Plattform nie selbst Musikdateien an, fungierte aber als
Vermittler und war damit rechtlich angreifbar. In dieser Form wurde Napster
im Juli 2001 abgeschaltet. Ein kommerzieller Neustart der Plattform
misslang.
Parallel dazu entstanden im Internet des Jahres 2001 andere Plattformen,
deren Konzept anarchistisch anmutete: „Es ist irgendwie überraschend, dass
man einfach eine Webseite erstellen und die Leute arbeiten lassen kann“,
ließ sich der Mitgründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia, Jimmy Wales,
[2][von der <i>New York Times </i>zitieren].
Das Prinzip seines digitalen Lexikons war simpel und gutgläubig. Wer immer
sich dazu berufen sah, konnte Artikel schreiben, ergänzen, ändern. Der
daraus resultierende soziale Druck, so Wales, würde dazu führen, dass die
Wikipedianer*innen freundlich bleiben sowie sich an neutrale Formulierungen
und Fakten halten würden.
## Vernetzung von Gleichgesinnten
So kann nur einer sprechen, der eine andere Version des Internets kennt als
die gegenwärtige. Bis in die frühen Nullerjahre bestand der nicht
kommerzielle Teil des World Wide Web aus Seiten, die von Privatpersonen
oder kleinen Gruppen aus Neugier, Spaß oder zur Vernetzung mit
Gleichgesinnten betrieben wurden.
Noch gänzlich unbefangen von den Dynamiken dessen, was heute Social Media
genannt wird, gaben Menschen ihre Kontaktdaten im Netz preis,
veröffentlichten private Fotos, schrieben über ihre Kleintierzucht, ihre
Modelleisenbahn oder ihre schönsten Urlaubserlebnisse. Parallel dazu
übertrug sich mit Onlineshops wie Amazon oder eBay bereits ein erheblicher
Teil des Einzelhandels ins Internet.
Napster hatte das Konzept von Eigentum im digitalen Raum grundsätzlich
infrage gestellt. Für die Fileshare-Enthusiast*tinnen gehörten Kopien
digitaler Medien niemanden. Mit Wikipedia existierte aber bereits ein
alternativer Ansatz: Digitale Inhalte sind Gemeingut. Die Organisation
Creative Commons, die ebenfalls 2001 gegründet wurde, sollte die
lizenzrechtliche Grundlage für freie Inhalte von Text bis Video darstellen.
## Utopie der digitalen Gemeinschaft
Je größer die Utopie von der frei assoziierten digitalen Gemeinschaft aber
wurde, desto mehr ragte sie in die stofflich-kapitalistische Realität
hinein: Webspace, physische Server, waren rar und teuer. Ein großer Teil
des frühen Internets basierte auf den Serverkapazitäten von Universitäten
oder überzeugten Netzenthusiasten. Das Platzen der Dotcom-Bubble im Jahr
2000 machte überdeutlich, was zur einer Vollkommerzialisierung des
Internets fehlte: ein Geschäftsmodell.
Ein solches bot bald ein Unternehmen an, das damit zu einer der
wertvollsten Marken der Welt avancieren sollte. Google AdWords hieß der im
Jahr 2000 gestartete Dienst, der später Suchanfragen und Website-Inhalte
interpretierte und passende Werbeanzeigen ausspielen konnte. Wer etwa nach
Informationen über das Mittelmeer suchte, bekam die passende Kreuzfahrt
gleich mit den Suchergebnissen serviert.
Mehr noch als ein Produkt lieferte Google der digitalen Welt damit ein
Prinzip: Webseiten und Online-Dienste mussten nicht selbst Geld verdienen,
stattdessen zahlten sie mit der Aufmerksamkeit ihrer Nutzer*innen – und in
zunehmendem Maße mit deren Daten.
## Like, Follow, Subscribe
Die daraus entstandenen Wechselwirkungen zwischen Werbebranche und Netzwelt
bestimmen einen erheblichen Teil des Internets bis heute: Viele scheinbar
kostenlose Plattformen wollen möglichst viel über ihre Nutzer*innen wissen
und sie möglichst lange binden: Cookies akzeptieren, Benachrichtigungen
aktivieren, Adblocker ausschalten; Like, Follow, Subscribe.
Seitdem etwa ab dem Jahr 2004 [3][unter IT-Journalist*innen der Begriff
„Web 2.0“ kursierte], hatte sich noch etwas verändert. Das „Prinzip
Wikipedia“ inspirierte zum Mitmach-Web, auf vielen Plattformen konnten die
Nutzer*innen nun Kommentare hinterlassen, eigene Inhalte erstellen,
hochladen und mit anderen teilen. Die Anbindung an die Werbeindustrie und
verbesserte Übertragungsgeschwindigkeiten ermöglichten eine mittelschwere
Netzrevolution – und trugen auch zum Ende des illegalen Filesharings bei.
Mit der Veröffentlichung des mp3-Players iPod im Oktober 2001, mehr noch
aber mit dem Start des Musikshops iTunes im Jahr 2003 bot Apple eine
erschwingliche Alternative zur rechtlich stark unter Druck geratenen
Datenpiraterie. Dezentral organisierte Plattformen wie LimeWire oder Kazaa
umgingen die urheberrechtliche Schwachstelle, die Napster zu Fall brachte,
waren aber oft langsam und kompliziert. Der iPod aber war chic und iTunes
komfortabel. Der Weg für die Streamingökonomie war frei.
## Aus des gemütlichen Vorgarteninternets
Vom gemütlichen Vorgarteninternet der frühen Nullerjahre ist heute nicht
viel übrig. Dagegen sind die Effekte der Kapitalkonzentration im digitalen
Raum unübersehbar. Wie der Soziologe Philipp Staab in seinem Buch
„Digitaler Kapitalismus“ herausgearbeitet hat, gehört das Netz heute zu
weiten Teilen wenigen Unternehmen, die im Vergleich zur analogen Wirtschaft
über eine bizarre Marktmacht verfügen. Das Buhlen um kognitive Ressourcen
haben Tiktok, Instagram, X und Co derartig perfektioniert, dass über Social
Media unterdessen nicht zu Unrecht gesprochen wird [4][wie über eine
Droge].
Im Lichte dessen wirkt Wikipedia fast wie ein nicht kommerzielles Bollwerk.
Jetzt aber greifen die KIs zu: Von Menschen erstellte Inhalte sind heute
Trainingsdaten für die großen Sprachmodelle der Chatbots. Das über
Jahrzehnte gesammelte Gemeinschaftswissen wandert in die Hände von
Konzernen.
Rückblickend kann das Jahr 2001 als Wendepunkt des Internetzeitalters
betrachtet werden: Gerichte begannen, neue Gesetze zu erlassen:
Altersverifizierung, Datenschutzerklärung, AGBs. [5][Die meisten] Medien
verriegelten sich hinter Paywalls und Abomodellen. Ein großer Teil des Webs
ist heute ein privatwirtschaftlich organisiertes Ökosystem.
## Staat und Kapital eignen sich das Netz an
Auf den freien, nur durch Bandbreite begrenzten Datenaustausch zwischen
Individuen folgte nicht der von den Tech-Utopist*innen erträumte digitale
Kommunismus, sondern die (Wieder-)Aneignung des Netzes durch Staat und
Kapital.
Dem kommerzialisierten Netz aus dem Weg zu gehen, ist schwerer geworden,
aber [6][noch immer möglich]: Seit den Pionierjahren des Internets
entwickelt die Open-Source-Community werbefreie, kostenlose und quelloffene
Alternativen zu zahlreichen Apps und Plattformen. Die Mittel dafür stammen
zumeist aus Spenden. Was dieses Kapitel der Internetgeschichte auch lehrt,
ist, dass es einen entscheidenden Unterschied zur analogen Gesellschaft
gibt: Die Alternative ist nicht nur denkbar. Sie hat bereits existiert, und
sie existiert immer noch.
9 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.wired.com/2000/10/p2p-intro/
(DIR) [2] https://www.nytimes.com/2001/09/20/technology/fact-driven-collegial-this-site-wants-you.html
(DIR) [3] https://www.cio.com/article/272728/web-services-2004-the-year-of-web-services.html
(DIR) [4] /Social-Media-Sucht/!6200949
(DIR) [5] /taz-zahl-ich/unser-solidarmodell/!v=89a68133-aa34-42d3-9f80-01ebd7e1738b/
(DIR) [6] /Digitale-Unabhaengigkeit/!6193158
## AUTOREN
(DIR) Konstantin Nowotny
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