# taz.de -- Journalismus, der Mut macht: Ein anderer Blick auf die Welt ist möglich
> Konstruktiver Journalismus soll Nachrichtenmüdigkeit überwinden und
> Menschen zum Handeln inspirieren. Klappt das? Eine persönliche
> Zwischenbilanz.
(IMG) Bild: Müde von all den schlechten News? Das muss nicht sein
Es gab eine Zeit, da wollte ich keine Journalistin mehr sein. Es war 2021,
ich arbeitete damals für eine lokale Zeitung in meiner Heimatstadt Bozen in
Südtirol. Täglich schrieb ich von Geflüchteten, die auf der Straße lebten,
von überfüllten Notunterkünften und einer Landesregierung, die nicht genug
für Integration und Menschenrechte tat.
Diese Arbeit frustrierte mich. Ständig fragte ich mich: Geht es nicht auch
besser? Können wir nicht etwas von anderen Ländern lernen? Die Antworten
auf diese Fragen fand ich jedoch fast nie in den Medien, die ich las – und
sie selbst zu stellen, war ich in meiner Arbeit nicht gewohnt. Meine
Redaktion ermutigte mich eher dazu, das Unvermögen der Politik aufzudecken
und anzuprangern.
Eine kritische Haltung ist ein wichtiger journalistischer Wert. Aber der
Journalismus, den ich und andere betrieben haben, hat nicht nur mich als
Medienschaffende frustriert. Er frustriert auch viele Mediennutzer:innen.
Das Reuters Institute, das für [1][seinen „Digital News Report“] jährlich
Trends im weltweiten Medienkonsum untersucht, hat 2025 je 2.000 Menschen in
48 Ländern befragt. Dabei gaben etwa 40 Prozent an, regelmäßig bewusst
Nachrichten zu vermeiden, weil diese sie depressiv stimmten, überforderten
und zu negativ seien. 2017 lag der Anteil noch bei 29 Prozent.
Wachsende Nachrichtenmüdigkeit ist ein Problem. Denn wer nicht informiert
ist, weiß auch nicht, wo es anzupacken gilt, ist anfälliger für
Manipulation und Fake News. Wie können Medien vor diesem Hintergrund ihrer
Rolle als Wächterinnen der Demokratie besser gerecht werden?
## Mit Journalismus nach Lösungen suchen
Ich arbeite mittlerweile wieder gerne. Denn ich habe den konstruktiven
Journalismus für mich entdeckt und schreibe seit knapp fünf Jahren für
Perspective Daily, das Onlinemagazin, das 2016 diesen Ansatz nach
Deutschland brachte. Unser Ansatz soll mehr Lösungsorientierung und
Perspektivenreichtum bieten und damit ein [2][Gefühl der Selbstwirksamkeit
bei unseren Leser:innen] wecken.
Gelingt das? Welchen Effekt hat konstruktiver Journalismus auf die
Lesenden, aber auch auf mich als Journalistin?
Als ich die ersten Artikel las, die nach den Prinzipien des konstruktiven
Journalismus geschrieben wurden, dachte ich: Wow, das ist die Art der
Berichterstattung, die ich immer gesucht habe. Hier wurde nichts
beschönigt, das Problem genauso beschrieben wie anderswo – aber es wurde
eben auch gefragt, wie es weitergehen kann. Die Artikel erzählten von
Menschen, die Lösungen mitgestalten und in die Zukunft denken.
In einem Text ging es um das Phänomen des Politikhobbytums. Der
Politikwissenschaftler Eitan Hersch kritisiert darin Menschen, die sich
regelmäßig über Politik informieren und mit ihren Freund:innen darüber
diskutieren wie über rivalisierende Sportteams – aber sich selten konkret
auf lokaler Ebene engagieren. Die nie bei Stadtratssitzungen dabei sind,
ihren lokalen Abgeordneten schreiben, eine Petition für mehr Fahrradwege
einreichen oder ehrenamtlich urbane Gärten pflegen.
## Den Frust verwandeln
Das inspirierte mich, meinen Frust in etwas Produktives zu verwandeln. Ich
begann, in [3][einem Winterhaus für Obdachlose] – darunter waren viele
Geflüchtete – Nachtschichten einzulegen. Zwei Mal im Monat ließ ich die
Menschen abends ins Haus, kochte Tee, wechselte ein paar Worte mit den
Bewohner:innen. Morgens weckte ich die Menschen, die das Heim bis zum Abend
wieder verlassen mussten, und schloss das Haus ab.
So lenkte der konstruktive Journalismus meinen Blick auf neue Perspektiven
und half mir, als Journalistin selbst andere Fragen zu stellen. Ich schrieb
eine Reportage über das Winterquartier, die Motivation der Ehrenamtlichen,
die Freude der syrischen Kinder, wenn sie nachts ins warme Haus eintreten
durften und Tee mit Keksen bekamen. Ich fragte aber auch, warum die Politik
nicht das Engagement der Bürger:innen finanziell unterstützte und was die
Menschen dort forderten.
Die Lage vieler geflüchteter Menschen und Obdachloser ist nach wie vor
frustrierend. Doch ich sehe jetzt nicht mehr nur die Versäumnisse, sondern
auch, was an manchen Orten schon alles passiert, damit es betroffene
Menschen besser haben. Das hinterlässt einen weniger bitteren Beigeschmack,
wenn ich über diese Themen schreibe.
Dass es nicht nur mir so geht, bestätigt [4][eine Metastudie] der
US-amerikanischen Virginia Commonwealth University aus dem Jahr 2023.
Demnach löst konstruktiver Journalismus beim Publikum positive Emotionen
aus und schwächt negative Gefühle ab. Klar, Journalismus ist nicht dazu da,
dass alle sich gut fühlen. Doch zu viele negative Berichte lähmen. Und wie
die Studie zeigt, erhöht eine [5][Berichterstattung, die positive
Entwicklungen aufzeigt], die Bereitschaft der Menschen, zu handeln, und
stärkt die Überzeugung, dass man als einzelne Person, aber auch als
Kollektiv etwas verändern kann.
Anekdotisch kriegen wir diese Effekte von unseren Leser:innen gespiegelt.
Menschen schreiben uns regelmäßig Sätze wie diesen: „Es tut einfach gut,
eure Artikel zu lesen und mit Zuversicht auf schwierige Situationen zu
blicken.“
Unser Medium ist nischig. Knapp 13.000 Menschen haben es aktuell abonniert.
Manchmal frage ich mich: Warum schaffen wir es nicht, mehr Menschen zu
erreichen, wenn sich so viele nach mehr Zuversicht im Journalismus sehnen?
Ist der konstruktive Ansatz vielleicht doch nicht in der breiten Masse
übertragbar – oder hat sich die Berichterstattung in den letzten zehn
Jahren doch verändert?
„Und wo ist hier der konstruktive Dreh?“ Dieser Satz fällt bei uns häufig,
wenn jemand eine Artikelidee einbringt. Zugegeben, nicht immer haben wir
darauf eine Antwort. Manchmal verzichten wir dann auf die Platzierung eines
Themas.
Trotzdem bin ich überzeugt: Man kann jedes Thema konstruktiv aufgreifen,
manche eben etwas später. Es muss auch nicht immer die plakative Lösung
sein. Vor allem bei Kriegen und politischen Verwerfungen – Themen, über die
ich häufig schreibe – gibt es diese oft nicht. Ich kann mir aber überlegen,
ob ich Betroffene in einem Konflikt als passive Opfer darstelle oder ob ich
ihnen Handlungsmacht zuschreibe. Ob ich nur darüber berichte, wie viel
zerstört wurde, oder später auch von den Menschen, [6][die Gebäude wieder
aufbauen] und am Zusammenhalt der Gesellschaft arbeiten.
Für konstruktive Berichterstattung braucht es Zeit und Ressourcen. Diese
sind in Redaktionen knapp. Trotzdem verbreitet sich der Ansatz in immer
mehr deutschen Medien – das bestätigt etwa das Bonn Institute für
Journalismus und konstruktiven Dialog –, selbst in tagesaktuellen
Nachrichtenmedien, bei denen Schnelligkeit essenziell ist.
Letztens las ich in der App der „Tagesschau“ einen Text über die
[7][jüngsten Ergebnisse der Pisa-Studie]. Die Nachricht an sich war
entmutigend, schließlich haben deutsche Schüler:innen so schlecht
abgeschnitten wie nie. Im Text wurde aber auch berichtet, was Länder wie
Singapur oder Estland in ihrem Bildungssystem anders machen, um besser
abzuschneiden, und welche Maßnahmen die deutsche Regierung bereits umsetzt,
um Schüler:innen aus bildungsfernen Haushalten mehr Chancen zu bieten. Zwar
wurden die Lösungen nur oberflächlich angeschnitten – trotzdem lässt mich
das zuversichtlicher zurück.
## Immer mehr machen mit
Weitere Medien integrieren zumindest Teile des konstruktiven Journalismus
in Form von kleinen Rubriken. Das ZDF etwa stellt in seinem monatlichen
Dokuformat „Plan B“ jeweils drei Lösungen zu einem aktuellen Problem vor.
Ein weiteres Beispiel ist [8][Radio Cosmo vom WDR mit den „Daily Good
News“]. Auch wenn er in der breiteren deutschen Medienlandschaft noch in
den Kinderschuhen steckt – der konstruktive Journalismus verbreitet sich
allmählich.
Reicht das, damit Menschen weniger nachrichtenmüde sind, oder müssen wir
auch den konstruktiven Journalismus radikaler weiterdenken? Der
Rechtspopulismus verbreitet sich, das Vertrauen vieler Menschen in Politik
und Medien ist gering.
Was können Medien noch dagegen tun? Der Schlüssel liegt für mich in der
Menschlichkeit. Machen wir uns als Journalist:innen nahbar, reflektieren
über unsere eigenen blinden Flecken, anstatt die objektiven Expert:innen zu
spielen, stärkt das Vertrauen. Auch das ist konstruktiv.
Ich habe das zum Beispiel in einem Text aus der Ukraine versucht, in dem
ich das zivile Leben in Kyjiw beschreibe, das weitergeht, während nachts
Drohnen das Land terrorisieren. Ich beschreibe mein Gefühl von Befremdung
über den hasserfüllten Nationalismus, der mir von vielen Menschen
entgegenschlägt. Selbst von Yogalehrerinnen oder anderen Zivilist:innen,
bei denen ich das nicht erwartet hätte.
Ich reflektiere aber auch darüber, dass mein Gefühl wohl auch aus einer
privilegierten Position heraus rührt und ich unsicher bin, ob meine Meinung
anders ausfiele, wäre ich betroffen. Ich gebe keine Antworten, ich lasse
den Widerspruch, die Unsicherheit zu. Ich lege mein eigenes menschliches
Hadern und meine Voreingenommenheiten offen. Vielleicht kann gerade das
wieder mehr Nähe zu den Lesenden herstellen.
28 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/digital-news-report/2026
(DIR) [2] /Kolumne-Zukunftsrezepte/!t6097550
(DIR) [3] /Obdachlosigkeit-im-Winter/!6144543
(DIR) [4] https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/07395329231187622
(DIR) [5] /Gute-Nachrichten-in-den-Medien/!6069640
(DIR) [6] /Landwirtschaft-im-Kriegsgebiet/!6214457
(DIR) [7] /Bildungsautor-zur-neuen-Pisa-Studie/!6207599
(DIR) [8] https://www1.wdr.de/mediathek/audio/cosmo/daily-good-news/index.html
## AUTOREN
(DIR) Julia Tappeiner
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