# taz.de -- Medien in Zeiten der Krisen: Raus aus der Erregungsfalle
       
       > Nicht nur „die Politik“ muss in angespannten Zeiten liefern, auch Medien
       > sollten das tun. Sechs Ideen für einen konstruktiven Journalismus.
       
 (IMG) Bild: Fotojournalisten nehmen Friedrich Merz (CDU) bei seiner ersten Pressekonferenz als als Regierungschef ins Visier, 18.7.2025
       
       Es kann nur noch besser werden, oder? Nach einem auch politisch verregneten
       Sommer scheint die Koalition mit dieser Resthoffnung in den „Herbst der
       Reformen“ zu gehen. Unter Journalistinnen, Analysten, Intellektuellen, die
       den Raum der öffentlichen Meinung per se kritisch bespielen, zeigen viele
       mittlerweile fast schon Beißhemmungen. Was, wenn es dieser Truppe um
       Bundeskanzler Friedrich Merz nicht gelingt? Gleichzeitig wird man den
       Verdacht nicht los, dass manch einer eine klammheimliche Freude über das
       nächste Scheitern verspürt. „Streit in der Koalition“ ist eine Schlagzeile,
       die immer geht. Aber geht da nicht mehr?
       
       Journalisten müssen diese Frage an alle richten: an eine Regierung, die
       handwerklich besser werden darf und konzeptionell liefern muss. An
       Interessengruppen, die überprüfen sollten, wie viel Egoismus in einer
       auseinanderdriftenden Gesellschaft noch geboten ist. An die „Menschen im
       Lande“, denen wahlweise mehr Bereitschaft zu Veränderungen abverlangt oder
       das Recht auf Unzufriedenheit zugesprochen wird.
       
       Was ist eigentlich mit uns selbst, der Presse? Begleiten wir Journalisten,
       allen voran jene, die aus der Hauptstadt berichten, die politischen
       Debatten so, dass daraus Lust auf mehr erwächst? Oder eher aufs Abschalten?
       Tappen nicht auch wir sehr regelmäßig in die Polarisierungs- und
       Empörungsfallen, die aus kleinen Problemen scheinbar unlösbare machen und
       die jene bestens verteilt haben, die nichts Gutes im Schilde führen mit der
       Demokratie? Es gab Zeiten, da erschien Politik so alternativlos, dass jede
       mediale Zuspitzung, jede scharfe Schlagzeile wie ein dringend benötigter
       Debattenbeschleuniger wahrgenommen wurde.
       
       Heute stehen wir vor der umgekehrten Herausforderung: Eine ordentliche
       Portion Kulturkampf, befeuert durch eine in weiten Teilen dysfunktionale
       digitale Debatteninfrastruktur, hat die gesellschaftliche
       Auseinandersetzungen derart angeheizt, dass die „Profis“ in den Redaktionen
       den kühleren Kopf behalten sollten. Medien sind zwar längst nicht mehr die
       Gatekeeper über das, was überhaupt in die Öffentlichkeit gelangt. In einer
       Zeit, in denen vielen immer klarer wird, wie Insta, X und Tiktok den
       Diskurs vergiften, haben sie aber mehr denn je eine neue Aufgabe: Ton und
       Fokus von Debatten zu prägen. Kann das gelingen?
       
       Zuallererst braucht es ein neues Selbstbewusstsein, sich von
       Themenkonjunkturen zu emanzipieren. Lemminghaft laufen viele in eine
       Richtung und leuchten die bestens angestrahlten Probleme weiter aus. Die
       Migration ist die Mutter aller Beispiele. Gerade wenn Bots, Fakes und
       gezielte Kampagnen wie im Fall der [1][SPD-Kandidatin für das
       Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf], Themen laut machen,
       braucht es nicht noch die publizistische Verstärkung, sondern antizyklische
       Urteilskraft. Journalismus hat mehr denn je die Aufgabe, dahin zu leuchten,
       wo kein Licht ist. Das gilt einerseits für Themen.
       
       Es gilt aber – zweitens – auch für Positionen und Perspektiven: Warum
       passiert es uns immer wieder, Minderheitenpositionen so schwer zu ertragen?
       Diplomatie statt Waffen für die Ukraine? In den ersten Kriegsmonaten hatte
       diese Position den Status einer Dissidentenmeinung. Ähnlich verhielt es
       sich bei [2][Corona, als Kritiker der Freiheitseinschränkungen allzu
       schnell als Querdenker markiert] wurden. Wir brauchen mehr Mut, den
       Meinungsraum auch in den Ecken fair auszuleuchten, die unterbelichtet sind
       – und die sich anders im Schatten oft ungut weiterentwickeln.
       
       ## Mehr Sachfragen, weniger Machtfragen
       
       Drittens: Weniger Macht-, mehr Sachfragen wagen! Die Auseinandersetzung
       über die Sozialreformen lässt sich vielleicht einfacher erzählen, wenn
       daraus ein archetypischer Kampf zwischen [3][Friedrich „Gürtel enger
       schnallen“ Merz und Bärbel „Bullshit“ Bas] gemacht wird. Wer setzt sich
       durch, lautet allzu oft die Frage.
       
       Besser wäre: Was ist eigentlich das Ziel? Wenn Bürgergeld, Rente,
       Gesundheit reformiert werden, sollten wir grundsätzliche Fragen zulassen.
       Etwa, warum wir so viel Geld für Soziales ausgeben, die Schere in unserem
       Land dennoch immer weiter auseinandergeht? Wie spannend wäre es, wenn nicht
       reflexhaft die immer gleichen Argumente reinszeniert würden, sondern wir
       uns im Zweifel überraschen und überzeugen lassen?
       
       Viertens: Momente der Wahrhaftigkeit erkennen. Nicht alles ist Kalkül in
       der Politik, oft ist ein wahres Interesse dahinter, Dinge besser zu machen.
       Dies im Zynismus des Betriebs nicht zu vergessen und dabei gleichzeitig
       wachsam zu sein gegenüber den Blendkerzen der Symbolpolitik, ist ein
       Anspruch, dem am besten Fachjournalisten gerecht werden. Jene, die
       Gesetzentwürfe lesen und die langen Linien nachziehen können – und nicht
       den Markt der Instant-Kommentierung bedienen.
       
       Fünftens: Von der Perfektionserwartung verabschieden! Kann es Politik
       geben, die zugibt, noch nicht die abschließende Antwort zu haben? Eine
       Ministerin, die nicht den einen alternativlosen Gesetzentwurf vorstellt,
       sondern unterschiedliche Lösungsansätze? Darf ein Spitzenkandidat eine
       Debatte anregen über die Beteiligung von Kapitalerträgen an der
       Gesundheitsfinanzierung, ohne gleich Freibetragsgrenzen nennen zu können?
       Wer das heute wagt, gilt schnell als planlos.
       
       Dabei könnten wir Debatten- und Möglichkeitsräume öffnen, wenn wir uns aus
       dem etablierten Katz-und-Maus-Spiel verabschieden, in dem Politik
       suggeriert, perfekte Lösungen zu präsentieren, und es der Ehrgeiz von
       Journalisten ist, das Gegenteil zu beweisen.
       
       Schließlich: [4][Weniger Drama!] Auf eine Kanzlerwahl, die im ersten
       Wahlgang scheitert, folgt nicht das Ende der Demokratie, sondern erst
       einmal der zweite Wahlgang. Nicht jede Umfrage muss die Fieberkurve der
       Berichterstattung hochgehen lassen. Und nicht jede Krise braucht neue
       Superlative. Wenn wir den öffentlichen Raum dauerhaft so bespielen, dürfen
       wir uns nicht wundern, wenn es das gerne von Populisten geschürte
       Misstrauen stärkt: „Die“ können es nicht. Manchmal stimmt das. Aber so
       pauschal? Wir können das besser.
       
       14 Oct 2025
       
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