# taz.de -- Proteste in Frankreich: Wem gehört die Wut?
> Wer die Randalierer in Frankreich nur als Kriminelle sieht, übersieht die
> gesellschaftlichen Ursachen der Gewalt, sagt der französische
> Schriftsteller Édouard Louis. Wir müssen genauer hinsehen.
(IMG) Bild: Während der Demonstrationen in Frankreich werden auch Geschäfte gepündert, Marseille am 17.10.2026
Bei den landesweiten Demonstrationen am 17. Oktober versammelten sich in
ganz Frankreich Hunderttausende. Sie taten es, um ihre Meinung kundzutun,
um zu protestieren, gemeinsam zu singen und einen radikalen politischen
Wandel zu fordern – für soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und die
Umverteilung von Reichtum.
Gleichzeitig ließen mehrere Tausend Menschen den Tag in Paris und Lyon,
[1][in Marseille] und Limoges [2][in eine Welle gewaltsamer Ausschreitungen
umschlagen]: Geschäfte wurden verwüstet und geplündert, Schaufenster
eingeschlagen, Kioske und Autos angezündet. Der Place de la République in
Paris wurde verwüstet, der Boulevard de Magenta entstellt. In Limoges wurde
das Rathaus in Brand gesetzt, in Lyon ging auch die Touristeninformation in
Flammen auf.
Schon am nächsten Tag erhoben sich Stimmen von rechts bis links, um die
Zerstörungen und Plünderungen anzuprangern. Hunderte Videos kursieren in
den sozialen Netzwerken, die verzweifelte, manchmal weinende Ladenbesitzer
vor ihren zerstörten Geschäften zeigen.
## Als wäre die Gruppe der „Chaoten“ real
Vor dem Hintergrund dieser Bilder formten sich zwei unterschiedliche
Sichtweisen. Die erste, vorherrschende Reaktion verurteilt die „Chaoten“ in
aller Schärfe und fordert möglichst harte Strafen: Sie hätten Frankreich
„ins Chaos“ gestürzt und die Republik als Ganzes ins Visier genommen. Das
ist [3][der Diskurs der Rechten und Rechtsextremen] – und auch der
Sozialisten, die sich stets Sprachregelungen der Regierung zu eigen machen,
aus Angst, nicht respektabel genug zu erscheinen.
Die zweite Reaktion betont dagegen, dass die „Chaoten“ mit den
Demonstrationen „nichts zu tun“ hätten, dass sie der gegenwärtigen sozialen
Bewegung schadeten und sie in ein schlechtes Licht rückten. Die extreme
Rechte werde die Ereignisse nutzen, um nach Ordnung und Repression zu rufen
– wie sie es bereits tut.
Wie die Geier stürzen sich die Rechtsextremen auf die Kadaver der
verbrannten Läden und die Überreste der verkohlten Bushaltestellen, um ihre
abscheuliche Sprache zu nähren. Das ist einem Teil der Linken bewusst und
der besteht deshalb darauf, dass die Ausschreitungen, die Zerstörer und die
Plünderer nichts mit der sozialen Bewegung zu tun haben.
Diese Diskurse haben gemeinsam, dass sie so tun, als wäre die Gruppe der
„Chaoten“ real. Als ließe sich die Bevölkerung in zwei Gruppen aufteilen.
Als gäbe es auf der einen Seite die authentischen Demonstranten, die über
die politische und soziale Lage empört sind und sich dazu entschieden
haben, friedlich zu protestieren – und auf der anderen Seite diejenigen,
die sich, völlig losgelöst vom Kontext, dazu entschieden haben, gewalttätig
zu werden; vereinzelte, zusammengewürfelte Individuen, die angeblich nur
von der Lust am Zerstören und Unruhestiften angetrieben seien.
Aber wie kann man übersehen, dass diejenigen, die am Wochenende
randalierten und plünderten, einander ähnlich sehen? Dass sie alle,
zumindest zum großen Teil, aus den unteren sozialen Schichten zu kommen
scheinen, die dort übliche Kleidung, Mützen, Turnschuhe tragen und dass
sie, wie man in den Videos hören kann, mit Akzenten und Ausdrücken aus
diesem Milieu sprechen?
Wie kann man übersehen, dass es sich zu einem großen Teil um rassifizierte
Männer handelte. Um Schwarze und Araber. Um Menschen, die die französische
Gesellschaft seit Jahrzehnten in heruntergekommenen Wohnsiedlungen
zusammenpfercht und in Armut hält, denen sie verkommene, von Ratten oder
Kakerlaken befallene weiterführende Schulen zuweisen und die sich nicht
durch die Städte bewegen können, ohne von der Polizei kontrolliert und
gedemütigt zu werden?
## Der Schmerz der einen darf uns nicht blind machen
Dass die Randalierer zum Großteil aus dem gleichen sozialen Umfeld zu
kommen scheinen, sollte uns Folgendes verdeutlichen: Es ist immer ein
bestimmtes Milieu mit bestimmten Lebensbedingungen, das bestimmte
Verhaltensweisen hervorbringt. Und es geht nicht um individuelle
Entscheidungen, etwas einzuschlagen oder zu zerstören, sondern um eine
soziale Prägung, die einen dazu bringt, auf die eine oder andere Weise zu
handeln.
Ich sage es ganz offen: Auch mich macht es traurig und ich fühle mit den
weinenden Händlern, wenn ich sie vor ihren Läden sehe. Aber die Empathie
darf nicht davon ablenken, tiefer zu hinterfragen, was diese Gewalt
bedeutet.
Zu verstehen, warum gewisse Menschen randalieren, bedeutet nicht, das Leid
derjenigen zu leugnen, die von den Zerstörungen betroffen sind. Es
bedeutet, sich zu weigern, dieses Leid als Vorwand zu nehmen, nicht weiter
nachzudenken. Als ob der Schmerz der einen uns zwangsläufig blind für den
der anderen machen müsste.
Inwiefern treiben Leid und soziale Gewalt manche Menschen dazu, dass Gewalt
ihre einzige Sprache ist? Inwieweit haben die Verarmung der französischen
Bevölkerung, der Rückgang an Sozialhilfen, die Zerstörung öffentlicher
Dienste sowie die Vernachlässigung der unteren sozialen Schichten durch die
Regierungen Macrons und die seiner Vorgänger dazu beigetragen, dass
Zerstörung und Plünderung für manche zum einzig möglichen Weg werden?
Selbstverständlich gibt es andere Faktoren. Wie etwa die Männlichkeit –
während die Plünderungen von Männern und Frauen ausgingen, so gingen die
zerstörerischen Handlungen fast ausschließlich von Männern aus –, die
Kultur oder die Verherrlichung der Gewalt in den sozialen Medien, die
Faszination für das Geld und den Konsum.
Aber die Fragen bleiben die gleichen: Warum finden diese Darstellungen,
diese Verhaltensweisen in bestimmten sozialen Milieus einen größeren
Anklang als in anderen? Warum nimmt Gewalt genau diese Form an, bei genau
diesen Personen, in genau diesem Moment?
Über eine Tat, über eine Handlung entscheidet niemals ein Mensch allein.
Eine gewaltsame Handlung, das ist nie eine Einzelperson, selbst keine
Gruppe von Personen, die am Morgen aufwacht und entscheidet: „Hey, ich
werde heute was Gewaltsames machen.“ Und selbst wenn sie so denken würde,
läge der Grund ihrer Handlung jenseits ihrer selbst. Man müsste noch
erklären, warum sie einen Zerstörungsdrang haben, warum gerade diese Art
des Handelns ihnen zugänglich erscheint.
An dem Tag, an dem wir Kinder aus vornehmen Vierteln und [4][Studierende
der Eliteuniversitäten] in weißen Hemden und blank geputzten Schuhen sehen,
wie sie Schaufenster zertrümmern und Supermärkte plündern – an diesem Tag
vielleicht können wir anfangen, an die Theorien von Verantwortung und
individuellem Handeln zu glauben. Aber solange die gleichen
Verhaltensweisen fast immer bei den gleichen Bevölkerungsgruppen, in den
gleichen Gegenden und bei den gleichen Gruppen von Männern auftreten, muss
man wohl zugeben, dass etwas in der Organisation unserer Gesellschaft diese
Verhaltensweisen wahrscheinlicher macht als andere.
Wer hat ein Recht auf Soziologie und Politik? Wenn Schüler demonstrieren
und ihre Gymnasien blockieren, dann sagen wir bereitwillig, dass der
Kontext und die Situation sie dazu veranlasst haben. Aber wenn diejenigen,
die protestieren, indem sie Gebäude niederbrennen, Schaufenster einschlagen
und Läden plündern, junge Männer oder Frauen aus Arbeitervierteln sind,
dann bricht diese Argumentation plötzlich ab. Sie sind dann nicht mehr das
Produkt einer Geschichte, einer sozialen Klasse, einer Gegend, einer
Erziehung, eines Verhältnisses zur Polizei, zum Geld und zum Konsum. Sie
werden zu Personen ohne Motive, ohne Vergangenheit, ohne gesellschaftliche
Prägungen. Man schreibt ihnen einen puren Willen, eine fast natürliche
Bösartigkeit zu.
Das Problem dieser entsoziologisierenden Sichtweise auf die Randalierer
ist, dass sie uns daran hindert, die soziale, expressive und politische
Dimension ihrer Handlungen wahrzunehmen. Die Frage ist keine moralische.
Sie dreht sich nicht darum, ob das, was sie tun, gut oder schlecht ist. Sie
ist politisch: Warum tun sie das und was erzählt ihr Handeln über den
Zustand von Frankreich und der aktuellen sozialen Gewalt? Was sagen uns
diejenigen, die randalieren, manchmal, ohne es selbst zu beabsichtigen,
über die Vernachlässigung bestimmter Bevölkerungsschichten, über Leben, die
auf Ausgrenzung und Gewalt reduziert sind?
Die Ereignisse, die sich in den vergangenen Tagen in Frankreich zugetragen
haben, sind von immenser Komplexität. Ich behaupte nicht, sie zu verstehen
oder zu lösen. Aber ich glaube, dass wir die Augen nicht vor bestimmten
Fragen von entscheidender Bedeutung verschließen dürfen, um die so sehr
berechtigte Wut zu begreifen, die das Land seit mehreren Wochen
erschüttert.
Aus dem Französischen von Marlene Thaler
25 Oct 2026
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