# taz.de -- Massenproteste in Frankreich: Mehr Regen als Wasserwerfer
> Beim zweiten großen Protesttag in Frankreich kommt es nur vereinzelt zu
> Gewalt. Hunderttausende gehen in Paris und anderen Städten auf die
> Straße.
(IMG) Bild: Jean-Luc Melenchon von der Partei La France Insoumise bei der großen Demonstration am 24.10. in Paris
Eigentlich sollte die Demo in Paris am Place de la Bastille starten, dem
historischen Schauplatz der Französischen Revolution von 1789. Doch wenige
Stunden vor Beginn verlegte die Polizeipräfektur die Route an den südlichen
Stadtrand von Paris. Der „Akt II“ der Proteste für niedrigere
Lebenshaltungskosten und eine bessere Ausstattung der Schulen in Frankreich
verlief demnach deutlich weniger zentral als geplant.
Die kurzfristige Änderung der Demoroute reiht sich in [1][eine Serie von
Regierungsmaßnahmen seit den Ausschreitungen vom 17. Oktober ein], die
öffentliche Proteste unterdrücken oder erschweren. Dazu gehören
Versammlungsverbote für nicht von Gewerkschaften angemeldete Kundgebungen
sowie nächtliche Ausgangssperren und der Einsatz des Militärs in der
Hauptstadt.
In ganz Frankreich waren am 24. Oktober 70.000 Polizeibeamte mobilisiert,
rund 10.000 mehr als noch eine Woche zuvor.
Trotz alledem – und trotz Regen und Herbstferien – gingen nach Angaben des
Innenministeriums landesweit 410.000 Menschen auf die Straßen, laut
Gewerkschaften waren es rund 800.000. In Paris demonstrierten mindestens
110.000, in etwa so viele wie in der Vorwoche.
## „Es war beeindruckend“
Mit dabei war auch die 19-jährige Studentin Josefien Mertens. „Ich war zwei
Stunden lang da und habe überhaupt keine Gewalt gesehen“, sagt sie. Eine
Band mit Trompeten und Saxofonen habe „Bella Ciao“ gespielt, Menschen
hätten gratis Sticker und Essen verteilt. „Es war beeindruckend, wie viele
Leute zusammengekommen sind, um für eine bessere Zukunft zu protestieren.“
Josefien hatte über Instagram früh von dem Ortswechsel erfahren. „Unfair
ist aber, dass Ladenbesitzer keine Zeit hatten, sich richtig auf die
Proteste vorzubereiten“, sagt sie. Rund um die Bastille sind die
Schaufenster schon seit Tagen mit Holzplatten verbarrikadiert. Am Rande des
eigentlichen Protestzugs hingegen nicht. Dort habe sie gesehen, wie
Geschäftsleute noch in letzter Minute versuchten, ihre Läden zu sichern,
erzählt Josefien.
Am Ende war das nicht nötig. Bilder von [2][zertrümmerten Vitrinen und
geplünderten Geschäften], wie sie seit dem 17. Oktober die Forderungen der
Bewegung überschatten, blieben beim „Akt II“ am 24. Oktober aus. Ganz ohne
Gewalt verlief der Tag jedoch nicht. Als die Demo gegen Abend den Endpunkt
erreichte, wurde sie gewaltsam aufgelöst. Online kursierende Videos zeigen,
wie die Polizei mit Tränengas, Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen
Protestierende vorgeht.
## Am nächsten und übernächsten Samstag geht es weiter
[3][Le Monde berichtet], ein junger Mann habe in Toulouse eine schwere
Verletzung an der Hand erlitten, einem weiteren seien in Clermont-Ferrand
durch eine Tränengasgranate die Finger verstümmelt worden. La Nouvelle
République meldet zudem [4][eine Augenverletzung in Poitiers]. Im
nahegelegenen Tours wurde eine Bankfiliale in Brand gesetzt. Trotz allem
erklärte Innenminister Laurent Nuñez, die Demonstrationen seien „gut
verlaufen“. Insgesamt habe es rund 1.000 Festnahmen gegeben.
Dorian war am Samstag schon zum zweiten Mal vor Ort. Seinen Nachnamen
möchte der Pariser Student lieber nicht nennen. Vergangene Woche war er am
Place de la République, wo ihm die Polizei die Ausgänge versperrte und mit
Tränengas warf. Trotzdem beschloss er, wiederzukommen. „Es wäre eine Lüge,
zu sagen, dass ich keine Angst habe“, sagt Dorian. „Aber wenn man beim
Protestieren Angst vor gewaltsamer Unterdrückung haben muss, ist das für
mich ein Grund, warum man trotzdem gehen sollte.“
Dorian wirft der Regierung von Präsident Emmanuel Macron vor, öffentliche
Infrastruktur – etwa die Schulen – zu vernachlässigen, während Reiche
Steuergeschenke bekommen. Auch die Einschränkung des Versammlungsrechts und
die zahlreichen Festnahmen im Umfeld der Proteste bestärken ihn in seiner
Kritik. „Das ist nicht die ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘, die sich
Frankreich auf die Fahnen schreibt“, sagt er. „Und deshalb werde ich weiter
protestieren.“
Dass die Proteste bald abebben werden, ist vorerst nicht abzusehen.
Jean-Luc Mélenchon, Präsidentschaftskandidat der linkspopulistischen Partei
LFI (La France insoumise, erklärte am Samstag, Macron werde „verstehen,
dass sich das jede Woche wiederholen wird“. Passend dazu kündigten die
Gelbwesten bereits einen „Akt III“ für den 31. Oktober an. Auch für den 5.
November ist [5][ein landesweiter Streik geplant].
25 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Antifademo-gegen-RN-Kongress-in-Orleans/!6223999
(DIR) [2] /Nach-der-Krawallnacht-in-Frankreich/!6222419
(DIR) [3] https://www.lemonde.fr/societe/live/2026/10/24/en-direct-manifestations-du-24-octobre-entre-410-000-et-800-000-manifestants-corteges-sous-haute-surveillance-tensions-en-fin-de-journee-revivez-la-journee-de-mobilisation_6799445_3224.html
(DIR) [4] https://www.lanouvellerepublique.fr/a-la-une/direct-suivez-avec-nous-cette-journee-de-mobilisation-du-24-octobre-1792823865
(DIR) [5] https://www.cgt.fr/actualites/france/mobilisation/la-cgt-appelle-generaliser-la-greve-le-5-novembre
## AUTOREN
(DIR) Jule Frank
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