# taz.de -- Friedenspreisträger Philippe Sands: „Für alle Verbrechen muss Rechenschaft abgelegt werden“
       
       > Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Philippe
       > Sands, im Gespräch über Massengewalt, Ökozid und internationale
       > Gerechtigkeit.
       
 (IMG) Bild: Erhält am 11. Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
       
       taz: Philippe Sands, herzlichen Glückwunsch zum Friedenspreis des Deutschen
       Buchhandels! Nun ist die Welt, in der wir leben, alles andere als
       friedlich: weltweit bewaffnete Konflikte und Massengewalt. [1][In Europa
       führt Putin einen Angriffskrieg], und Trump hat nach dem US-Angriff auf
       Venezuela Anfang 2026 gesagt, er brauche das Völkerrecht nicht. Sollen wir
       dennoch daran festhalten? 
       
       Philippe Sands: Vielen Dank. Das Völkerrecht gibt es seit Jahrhunderten,
       und es wird so schnell nicht verschwinden. Vor einigen Jahren war ich an
       Anhörungen vor dem Internationalen Gerichtshof beteiligt. Meine
       Verfahrensgegnerin, die Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, mit der ich an
       diesem Tag in vielen Punkten nicht einer Meinung war, sagte dort zu den
       Richtern: „Das Völkerrecht ist möglicherweise unser einziges globales
       Wertesystem.“
       
       Ich denke, sie hatte recht. Auch wenn manche behaupten, dass das
       Völkerrecht am Ende sei, werden weiterhin Abkommen ausgehandelt,
       verabschiedet und unterzeichnet. Das bedeutet natürlich nicht, dass das
       Völkerrecht perfekt ist, und ich betrachte es keineswegs durch eine
       rosarote Brille. Es hat die Schrecken, auf die Sie sich beziehen, nicht
       verhindert. Aber es bietet ein Quäntchen Hoffnung.
       
       taz: Das Völkerrecht hat sich häufig in Reaktion auf Massengewalt
       fortentwickelt, etwa angesichts der NS-Verbrechen: In „Rückkehr nach
       Lemberg“ (engl.: „East West Street“) haben Sie die Ursprünge der beiden
       Straftatbestände Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit
       nachgezeichnet. Was unterscheidet sie – und ergibt die Unterscheidung
       überhaupt Sinn? 
       
       Sands: Beim [2][Völkermord] steht der Schutz von Gruppen im Mittelpunkt,
       bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Schutz von Einzelpersonen. Der
       Nachweis des Völkermordes ist jedoch komplexer, da man gemäß der Konvention
       von 1948 – so wie sie von verschiedenen internationalen Gerichten ausgelegt
       und angewendet wird – einen besonderen Vorsatz nachweisen muss, eine Gruppe
       ganz oder teilweise zu vernichten. Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit
       gibt es keine entsprechende Voraussetzung, was den Nachweis erleichtert.
       Andererseits sehe ich keine Hierarchie zwischen den verschiedenen
       internationalen Verbrechen. Werden beispielsweise 10.000 Menschen getötet,
       spielt es für mich keine große Rolle, ob man diese Tötungshandlungen als
       Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Völkermord
       bezeichnet. Sie sind alle gleichermaßen schrecklich, und für alle muss
       Rechenschaft abgelegt werden.
       
       taz: Kriege haben nicht nur für Menschen katastrophale Folgen, sondern auch
       für die Umwelt. Ihr nächstes Buch trägt den Titel „The Fifth Crime“, das
       fünfte Verbrechen. Worum geht es? 
       
       Sands: Das Buch erzählt eine doppelte Geschichte. Zum einen geht es um mein
       eigenes 40-jähriges [3][Engagement für den Umweltschutz] im Rahmen des
       Völkerrechts – angefangen mit dem Unfall von Tschernobyl. Zum anderen geht
       es um die Einführung eines fünften internationalen Verbrechens, nämlich
       des Ökozids, der neben Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die
       Menschlichkeit, Völkermord und Aggression stehen soll.
       
       Die Kategorie Ökozid ist meiner Meinung nach notwendig, da sich die vier
       bestehenden Verbrechen im Wesentlichen auf das Wohlergehen des Menschen
       konzentrieren, was natürlich äußerst wichtig ist. Doch als sie 1945 für den
       Nürnberger Prozess entwickelt wurden, blieb eine Lücke: der Schutz der
       Natur. Ich halte das für eine erhebliche Lücke.
       
       taz: Warum sollten schwere Umweltzerstörungen im Statut des Internationalen
       Strafgerichtshofs verankert werden? 
       
       Sands: Anfangs war ich skeptisch. Aber meine Haltung hat sich geändert.
       2020 wurde ich gebeten, den gemeinsamen Vorsitz eines Expertengremiums zur
       rechtlichen Definition des Ökozids zu übernehmen. Und besonders haben mich
       dabei meine Kinder beeinflusst. Sie waren damals alle in ihren Zwanzigern
       und haben meine Arbeit auf diesem Gebiet unglaublich unterstützt. Sinngemäß
       haben sie gesagt: „Endlich, Papa, machst du mal etwas Sinnvolles.“
       
       taz: Kritiker halten die Idee für unrealistisch – nicht zuletzt angesichts
       der derzeitigen weltpolitischen Lage. Kommt das Vorhaben zu einem
       schlechten Zeitpunkt? 
       
       Sands: Ich denke, es kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. In dieser
       Hinsicht sind die Arbeiten der Juristen Hersch Lauterpacht und Raphael
       Lemkin für mich eine große Inspiration. Sie entwickelten ihre Ideen zu
       Verbrechen gegen die Menschlichkeit bzw. Völkermord in den 1940er Jahren,
       als sich die Welt in einer noch schlimmeren Lage befand als heute. In
       diesen schwierigen Zeiten dachten sie über eine bessere Zukunft nach und
       setzten sich für ihre Ideen ein, die schließlich auch aufgegriffen wurden.
       
       Ich glaube, wir befinden uns jetzt in einer ähnlichen Situation. Die Welt
       ist in einem prekären Zustand, und genau das ist der richtige Moment, um
       über die Zukunft nachzudenken. Das ist auch für jüngere Generationen
       wichtig; sie sind es, die die Trümmer des Chaos, das meine Generation
       hinterlassen hat, wieder beseitigen müssen. Die Ausarbeitung neuer
       internationaler Verbrechen ist ein Weg, dies zu tun. Auch hier geht es
       darum, mithilfe des Völkerrechts ein wenig Hoffnung zu schaffen.
       
       taz: Völkerrecht ist immer politisch – und darüber zu schreiben, kann
       ebenfalls politisch sein. In „Die letzte Kolonie“ haben Sie die
       rechtswidrige Vertreibung der Bewohner des Chagos-Archipels im Indischen
       Ozean und den Streit um ihre Rückkehr untersucht. Der Internationale
       Gerichtshof hatte 2019 die fortgesetzte Verwaltung der Chagos-Inseln durch
       Großbritannien als völkerrechtswidrigen Akt eingestuft. Was war Ihre
       Motivation, das Buch zu schreiben? 
       
       Sands: „Die letzte Kolonie“ war für mich ein sehr wichtiges Buch. Ich
       beschloss, es zu schreiben, als die damalige britische Regierung ablehnend
       auf das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs reagierte. Ein Grund
       dafür, dass die Regierung mit dieser Reaktion im Inland ungeschoren
       davonkam, war, dass niemand wirklich etwas über Chagos wusste. Durch meine
       früheren Bücher „Rückkehr nach Lemberg“ und [4][„Die Rattenlinie“] hatte
       ich gelernt: Eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema zu
       lenken und ein größeres öffentliches Bewusstsein zu schaffen, besteht
       darin, ein Buch für ein breiteres Publikum zu schreiben.
       
       „Die letzte Kolonie“ war also, wenn man so will, ein Beispiel für eine
       literarische Interessenvertretung, mit dem ich eine Debatte über die
       zukünftige Ausrichtung des Völkerrechts anregen wollte, insbesondere im
       Hinblick auf die Beachtung des Gutachtens des Internationalen Gerichtshofs.
       Das Buch erschien im September 2022, und zwei Monate später änderte die
       britische Regierung ihre Haltung. Ich würde gerne sagen können, dass mein
       Buch diesen Wandel ausgelöst hat, aber so war es nicht. Die britische
       Regierung änderte ihre Haltung aufgrund des Ukrainekrieges und der
       Diskrepanz zwischen ihrer Forderung nach einer Beendigung der illegalen
       russischen Besetzung der Ukraine einerseits und ihrer eigenen illegalen
       Besetzung der Chagos-Inseln.
       
       taz: In Ihren Büchern verbinden Sie rechtliche Fragen mit persönlichen
       Geschichten und Begegnungen. Wohin führt Sie Ihre Arbeit als Nächstes? 
       
       Sands: Ich schreibe gerade an einem Kurzroman, eine Premiere für mich. Im
       Mittelpunkt steht das Leben von Miss Tilney, einer der Figuren aus
       „Rückkehr nach Lemberg“, in einem Internierungslager im Kurort Vittel.
       Parallel dazu schreibe ich den vierten und letzten Band des
       „Lwiw-Quartetts“ – oder des „East-West-Quartetts“, wenn man es so nennen
       möchte –, ein Buch, das das Zusammenspiel zwischen der Einrichtung des
       Sondertribunals für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine und
       der Ermordung der ukrainischen Schriftstellerin [5][Victoria Amelina]
       untersucht. Diese beiden Geschichten sind in vielerlei Hinsicht miteinander
       verbunden und in gewisser Weise auch mit „Rückkehr nach Lemberg“. Es ist
       also nur logisch, diese Reihe als Quartett abzuschließen.
       
       taz: Lass uns mit einem Blick in die Zukunft enden. Wo sehen Sie das
       Völkerrecht in zehn oder zwanzig Jahren? 
       
       Sands: Nationalismus, Populismus und Fremdenfeindlichkeit nehmen zu. Aber
       das Völkerrecht ist ein Langstreckenlauf. Ich habe keinen Zweifel daran,
       dass sich die Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts,
       einschließlich des Konzepts der individuellen strafrechtlichen
       Verantwortung, im Laufe der Zeit behaupten, weiterentwickeln und an
       Bedeutung gewinnen werden. Es wird nicht einfach so verschwinden.
       
       10 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
 (DIR) [2] /Voelkermord/!t5010852
 (DIR) [3] /Friedenspreis-des-Deutschen-Buchhandels/!6190664
 (DIR) [4] /Buch-ueber-Pinochet-und-einen-Altnazi/!6088962
 (DIR) [5] /Postumes-Buch-von-ukrainischer-Autorin/!6077082
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hendrik Simon
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
 (DIR) Völkerrecht
 (DIR) Kriegsverbrechen
 (DIR) Genozid
 (DIR) Ökologie
 (DIR) Schwerpunkt Frankfurter Buchmesse 
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Friedenspreisverleihung in Frankfurt: Leises und lautes Schweigen
       
       Der Völkerrechtler und Autor Philippe Sands wurde mit dem Friedenspreis
       geehrt. In der Paulskirche kritisierte er das Schweigen Deutschlands zu
       Gaza.
       
 (DIR) Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Auf Sands gebaut
       
       Mit Philippe Sands gewinnt ein renommierter Völkerrechtler den
       Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Packend schreiben kann er
       obendrein.
       
 (DIR) Friedenspreis an Historiker Schlögel: Dialektiker des Ostens
       
       Der Historiker Karl Schlögel erhält den Friedenspreis des deutschen
       Buchhandels. Für die Ukraine geht er auch auf die Straße.
       
 (DIR) Friedenspreis für Anne Applebaum: Für den Frieden, aber nicht bedingungslos
       
       Die US-amerikanisch-polnische Publizistin Anne Applebaum hält in Frankfurt
       eine scharfzüngige Rede wider Appeasementpolitik mit Russland.