# taz.de -- Ukrainischer Autor über das Kämpfen: „Wir haben AC/DC gehört, bevor wir zum Kampf ausrückten“
       
       > Der Soldat und Schriftsteller Artem Tschech hat in Bachmut gekämpft und
       > zwei Bücher über den Krieg veröffentlicht. Ein Gespräch über Hungern und
       > heilende Musik.
       
 (IMG) Bild: In erster Linie fühlt sich Artem Tschech als Schriftsteller
       
       taz: Artem Tschech, Sie stellen gerade Ihr neues Buch in Deutschland vor,
       sind aber eigentlich Soldat bei den ukrainischen Streitkräften. Haben Sie
       Urlaub von der Armee bekommen?
       
       Artem Tschech: Ich bin offiziell auf einer Dienstreise. Die ukrainische
       Armee ermöglicht es Künstler:innen, im Ausland ihre Werke vorzustellen. Und
       ich präsentiere ja nicht bloß mein Buch, sondern verbreite auch eine
       Message, berichte über die Ukraine in Kriegszeiten. Ich bin quasi als
       Kulturdiplomat unterwegs.
       
       taz: Sie dienen derzeit beim Generalstab in Kyjiw. Die Stadt wird massiv
       mit ballistischen Raketen beschossen. Wie sehr hat sich die Situation dort
       zugespitzt? 
       
       Artem Tschech: Seit Beginn des Sommers ist der Beschuss enorm. Wir haben
       das Problem, dass wir zu wenige Patriot-Abwehrraketen haben. Raketen und
       Drohnen abzufangen, gelingt uns gut – aber eben nicht die ballistischen
       Raketen. Es gibt sehr oft Luftalarm. Die Stadt passt sich an, so gut sie
       kann. In den Schulen aber können die Kinder kaum lernen; es sei denn, der
       Unterricht findet in Kellern oder online statt. Aber zu Hause sind die
       Kinder ja auch in Gefahr. Es gibt kein Entkommen.
       
       taz: Sie haben einen Sohn, betrifft ihn das auch? 
       
       Artem Tschech: Ja. Mein Sohn ist 16 Jahre alt, er ist in der letzten Klasse
       der Oberschule. Er schläft schlecht oder gar nicht. Bis 3 Uhr feuert
       Russland meistens Ballistik ab, so lange bleibt er wach. Am nächsten Tag
       ist er natürlich sehr müde. Er kann nicht normal lernen. Und ich kann
       nichts tun als Vater.
       
       taz: Zwischenzeitlich gab es in Kyjiw fast wieder ein normales urbanes
       Leben. Inwieweit kann man jetzt noch davon sprechen? 
       
       Artem Tschech: Sie finden kaum noch eine Straße, wo man die Spuren des
       Kriegs nicht sehen würde. Kyjiw ist nicht wie London oder Dresden im
       Zweiten Weltkrieg, aber an jeder Ecke sieht man einfach die Schäden.
       Nichtsdestotrotz haben die Läden, die Schulen, die Universitäten geöffnet,
       kleine Unternehmen funktionieren. Kyjiw wirkt wie eine ganz normale,
       moderne europäische Stadt, in der eben ab und zu eine Rakete einschlägt.
       
       taz: Sie haben in der Schlacht um Bachmut gekämpft. Sie beschreiben, wie
       Sie fünf Tage in einem Graben liegen und kaum etwas essen. Wie ist es dazu
       gekommen? 
       
       Artem Tschech: Damals wurden Soldat:innen noch nicht von Drohnen mit
       Lebensmitteln versorgt – heute ist es oft so, dass Drohnen ihnen Wasser und
       Essen liefern. Es waren heiße Tage im Mai 2023, Bachmut war umkämpft.
       Unsere Kamerad:innen haben versucht, uns Wasser und Essen zu bringen,
       aber auch die Lebensmittellieferungen wurden sofort von der russischen
       Artillerie zerstört. Bachmut wurde zu dieser Zeit vollständig eingenommen
       von den Russen. Wir sollten dann unseren eigenen abziehenden Truppen
       Deckung geben. Das konnten wir aber nicht, weil wir heftig beschossen
       wurden, sobald wir auch nur unsere Nase aus den Schützengräben gestreckt
       haben. Es war unmöglich. Es gab sehr viele Tote und Verletzte. Uns hat
       gerettet, dass wir im Graben blieben. Wir hatten kein Wasser, wir hatten
       kein Essen, aber wir haben überlebt.
       
       taz: Können Sprache und Literatur solche Erlebnisse überhaupt vermitteln? 
       
       Artem Tschech: Man kann Leser:innen diese Situation mit Wörtern
       erklären. Aber niemand, der es nicht erlebt hat, kann es nachspüren oder
       nachfühlen. In der Ukraine [1][gibt es inzwischen Tausende], die etwas
       Ähnliches oder sogar Schlimmeres mitgemacht haben. Dort ist mein Buch
       inhaltlich nichts Besonderes. Ich bin sehr froh, dass das Buch jetzt auf
       Deutsch erscheint. Ich hoffe die Leser:innen verstehen, wie es ist, in
       einen Krieg hineingezogen zu werden, ohne das gewollt zu haben.
       
       taz: Sie schreiben über barbarische Taten, die von russischer Seite verübt
       werden, zum Beispiel, dass Soldaten nach dem Plündern der Häuser ihre
       Fäkalien hinterlassen. Sie schreiben auch darüber, wie schrecklich es ist
       „so zu hassen, dass man den anderen töten will, verdammt, sonst tötet er
       dich“. Macht der Krieg einen zum Monster?
       
       Artem Tschech: In der Passage, die Sie zitieren, beziehe ich mich auf den
       Aufruf „Töte!“ des sowjetische Schriftstellers Ilja Ehrenburg. Es ist ein
       Text vom Juli 1942, er schreibt darin: „Die Deutschen sind keine Menschen.
       […] Wer den Deutschen nicht tötet, wird von ihm getötet“. Ich habe das
       adaptiert, denn es gibt Parallelen zwischen NS-Deutschland und der heutigen
       russischen Kriegsführung. Macht der Krieg einen zum Monster? Das hängt vom
       einzelnen Menschen ab. Je nachdem, wie resilient man ist und wie viel
       innere Kraft man hat, sich diesem schrecklichen Konstrukt Krieg zu
       entziehen.
       
       taz: Sie erwähnen in Ihrem Buch eher nebenbei, dass Online-Sitzungen mit
       einer Therapeutin Ihnen helfen würden. Darüber würde ich gern mehr wissen. 
       
       Artem Tschech: Im dritten Kriegsmonat ging es mir sehr schlecht. Ich hatte
       suizidale Gedanken. Ich konnte meine Gefühle nicht mehr in Schach halten.
       Der Psychologe unseres Bataillons sagte: Du brauchst therapeutische
       Unterstützung. Ich fuhr dann nach Kyjiw und besuchte regelmäßig eine
       Psychotherapeutin. Sie diagnostizierte eine Depression, ich bekam
       Antidepressiva verschrieben. Während der Armeezeit setzte ich die
       Behandlung online fort, und nach einem Jahr dachte ich: Das war's, ich
       brauche das nicht mehr. Als ich später wieder zwischen dem Krieg und dem
       zivilen Leben pendelte, merkte ich, dass ich mich geirrt hatte – mir ging
       es nicht besser. Heute treffen wir uns einmal pro Woche, meistens online.
       Ich nehme weiterhin Antidepressiva und andere Tabletten.
       
       taz: Viele Soldat:innen berichten, besonders die (temporäre oder
       endgültige) Rückkehr ins zivile Leben sei sehr schwer. Sie sind jetzt
       einerseits in der internationalen Literaturwelt unterwegs, andererseits
       kämpfen Sie im Krieg. Wie kommen Sie mit diesen krass unterschiedlichen
       Welten zurecht? 
       
       Artem Tschech: In erster Linie bin ich Schriftsteller, erst dann
       Armeeangehöriger. Den Militärdienst leiste ich, weil es für unser Land
       keine Alternative gibt, als zu kämpfen. Ich versuche zu balancieren
       zwischen diesen zwei Welten. Das gelingt mir nicht immer gut.
       
       taz: Musik spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Roman. Sie schreiben: „
       Musik ist das Einzige, was die Realität auf das Niveau einer erträglichen
       Existenz hebt .“ Kann Musik Ihnen auch in schlimmsten Kriegsmomenten noch
       helfen? 
       
       Artem Tschech: Als wir in Bachmut waren und in den Schützengräben
       verharrten, habe ich nicht an Musik gedacht. Mörsergeräusche,
       Artelleriebeschuss, Drohnen – das war die Musik, die wir dort gehört haben.
       Aber es gibt Songs, die mich in anderen grauenvollen Situationen gerettet
       haben. „O Children“ von Nick Cave ist einer davon.
       
       taz: Braucht man als Soldat eher tröstende Musik oder manchmal vielleicht
       auch harte Musik, um etwas zu verarbeiten? 
       
       Artem Tschech: Musik hat für mich etwas Heilendes. Sie ist ein Stück
       ziviles Leben, das ich in den Krieg mitgenommen habe. Ich kann natürlich
       nur dann Musik hören, wenn gerade keine Kampfhandlungen stattfinden. Als
       ich 2015/16 im Donbass erstmals in der Armee war, haben wir AC/DC gehört,
       bevor wir zum Kampf ausrückten. Es ging darum, eine gewisse Aggressivität
       herzustellen.
       
       taz: „Die Gesellschaft wird sich spalten in die, die dabei waren, und die,
       die nicht dabei waren“, schreiben Sie. Sieht man es den Menschen in der
       Ukraine eigentlich schon äußerlich und vom Ausdruck her an, ob sie diesen
       Krieg erleben mussten oder nicht?
       
       Artem Tschech: Ich glaube das manchmal schon äußerlich erkennen zu können.
       Die Kriegsrückkehrer haben so eine komische Art, sich zu kleiden. Nicht
       wirklich Military Look, aber so ähnlich. Sie tragen komische Hosen und
       Hemden, wie man sie auch bei den Leuten sieht, die Selenskyj bei seinen
       Auslandsreisen begleiten. Und im Stadtbild Kyjiws sieht man natürlich
       verstärkt Menschen, die ohne Beine und Arme aus dem Krieg zurückgekehrt
       sind.
       
       taz: In der ukrainischen Literatur spielt die Auseinandersetzung mit der
       Literatur des Ersten und Zweiten Weltkriegs gerade eine große Rolle – Erich
       Maria Remarque, Kurt Vonnegut, Ernest Hemingway und so weiter. Ist das für
       Ihre Arbeit auch wichtig? 
       
       Artem Tschech: Natürlich habe ich auch Remarque und Ernst Jünger gelesen.
       Ich bin aber kein Anhänger davon, dass man heutige ukrainische
       Schriftsteller mit jenen von damals vergleicht. Das Wesen des Krieges ist
       das gleiche, aber die Kriege an sich sind sehr unterschiedlich. Als ich ein
       Kind war, habe ich gern sowjetische Romane über den Zweiten Weltkrieg
       gelesen. Von dem falschen Heroismus und Pathos, der da transportiert wurde,
       hatte ich natürlich keinen Schimmer. Als ich 16 war, habe ich dann einen
       Text von Nikołaj Nikulin gelesen, in dem er das Verhalten der sowjetischen
       Armee im Zweiten Weltkrieg in Pommern und Ostdeutschland beschreibt. Da ist
       meine Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Heute verstehe ich,
       wo das grausame Verhalten der russischen Armee herkommt und dass es seine
       Ursprünge im sowjetischen Militär hat.
       
       Aus dem Ukrainischen übersetzte während des Gesprächs Sofiya Onufriv
       
       28 Oct 2026
       
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