# taz.de -- Ukrainischer Autor Andrej Kurkow: „Wir dürfen nicht die sowjetische Methode wiederholen“
> Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow im Gespräch über sein neues
> Kriegstagebuch, seine Familiengeschichte und Boule für Veteranen.
(IMG) Bild: Raketenangriff auf Kyjiw im Oktober 2022
taz: Herr Kurkow, viele Autor*innen halten wie Sie den Kriegsalltag in
Tagebüchern fest oder schreiben Kriegslyrik. Warum wird diese Literatur in
der Ukraine und auch im Ausland gerade so viel gelesen?
Andrej Kurkow: Innerhalb der Ukraine ist die Hochphase dieser Literatur
meines Erachtens schon wieder vorbei. Die Ukrainer erleben den Krieg
täglich, sie wollen nicht auch noch darüber lesen. Krimis und
Liebesgeschichten ausländischer Autoren verkaufen sich gerade gut. Auch in
vielen anderen Ländern lässt das Interesse an den Kriegsaufzeichnungen
nach.
taz: Welche Funktion hat diese Art von Literatur?
Kurkow: Ein gutes Beispiel ist das Buch des jungen Dichters Artur Dron, das
derzeit sehr populär ist in der Ukraine. Er war Soldat, wurde verwundet und
demobilisiert. Bücher werden in der Ukraine oft kaum lektoriert, eigentlich
ist dies ein großes Problem. In seinem Fall ist es gut. Sein Buch ist
direkt, ehrlich, emotional; es gibt Wiederholungen. Aber sie erfüllen eine
Funktion, wenn er etwa über den Tod des geliebten Sanitäters Doc schreibt.
Die Leser wollen keine Fakten, keine Statistiken, sie suchen nach der
menschlichen Geschichte.
taz: Sie leben heute wieder in Kyjiw und in dem Dorf Lasariwka nahe der
Hauptstadt. Pendeln Sie zwischen diesen Orten?
Kurkow: Ja, meine Frau und ich verbringen in der Regel fünf Tage auf dem
Land und zwei Tage in Kyjiw. Auf dem Land ist es ruhiger, wir hören nur
gelegentlich Drohnen und können dort besser schlafen. In Kyjiw war das
zuletzt nicht möglich.
taz: Welches waren für Sie besonders aufwühlende Momente in diesem Krieg?
Kurkow: Den ersten Tag des Kriegs werde ich nie vergessen. Die Explosionen
um 5 Uhr. Ich stand 40 Minuten vor dem Fenster und schaute auf die leere
Straße. Dann kamen weitere Explosionen um 6 Uhr. Ich musste erst
realisieren, dass jetzt wirklich Krieg ist. Ein paar Tage später fuhren wir
auf der Autobahn Richtung Westen, tausende Autos vor uns und hinter uns.
Wir fuhren an Orten wie Bucha und Hostomel vorbei und hörten die Schüsse
und Explosionen. Der Krieg wurde schnell zu etwas Alltäglichem: Man
verstand, es würde weitergehen. Ich erzähle im zweiten Tagebuch auch die
Geschichte unserer Freunde Walentin und Tanja, einem Arzt und seiner Frau.
Er war nach Deutschland geflüchtet und ist dort, in der Fremde, gestorben.
Seine Frau wollte mit seiner Asche nach Kyjiw zurückkehren, um die Urne zu
bestatten. Sie konnte nicht zurück, weil Kyjiw heftig bombardiert wurde.
Irgendwann schaffte sie es schließlich, die Asche zurückzubringen. Diese
Geschichte hat mich sehr mitgenommen.
taz: Sie schildern auch immer wieder subversive und witzige Aktionen der
Ukrainer. Verschaffen diese Erleichterung?
Kurkow: Wenn man den Krieg als neue Normalität akzeptiert, versucht man
unbewusst etwas Skurriles darin zu finden. Man reißt Witze, erzählt absurde
Geschichten. Wobei das heute weniger passiert als zu Beginn des Krieges.
Aber es gibt immer wieder bewegende Geschichten. In einem Nachbardorf
unseres Landwohnsitzes in Lasariwka habe ich zum Beispiel gesehen, dass es
dort eine Pétanque-Mannschaft gibt. Ich wunderte mich ein bisschen darüber.
Dann erfuhr ich, dass Pétanque ein beliebter Sport unter Veteranen geworden
ist. Der Kapitän der Veteranen-Mannschaft hat mir später stolz das Emblem
seiner Mannschaften gezeigt – ein lustiges Logo mit einer Ente. Sein Team
heißt „Wilde Ente“.
taz: Sie sind ethnischer Russe und bezeichnen sich gleichzeitig als
überzeugten Ukrainer. Wie ist Ihr familiärer Hintergrund?
Kurkow: Mein Vater stammte aus Rostow am Don. Er war Donkosake. Katharina
die Große wollte das Kosakenheer im 18. Jahrhundert auflösen und
unterwerfen, viele entwaffnete Kosaken wurden daraufhin Bauern oder
Arbeiter. Andere gingen in den Nordkaukasus – wie die Vorfahren meines
Vaters. Meine Mutter ist in Leningrad geboren, sie stammt aus einer
Priesterfamilie. Mein Vater war zunächst Militärpilot in der Nähe von
Leningrad und hat sie dort kennengelernt. Die Mutter meines Vaters lebte in
Kyjiw, sie war Chirurgin und Direktorin eines Sanatoriums für Kinder mit
Tuberkulose, eine berühmte Ärztin. Nachdem mein Vater das Angebot bekam,
als Testpilot für die Antonow-Flugzeugfabrik zu arbeiten, zog unsere
Familie nach Kyjiw. Da war ich zwei Jahre alt. Wir lebten einige Jahre bei
meiner Großmutter. Aber meine Eltern haben nie Ukrainisch gelernt. Fast
niemand sprach in Kyjiw in dieser Zeit Ukrainisch – außer vielleicht
Professoren, Schauspieler und Schriftsteller.
taz: Politisch hatten Sie Differenzen mit Ihrem Vater, oder?
Kurkow: Ja. Mein Vater war überzeugter Kommunist. Aber er wollte nicht über
Politik und Kommunismus reden. Für ihn war der Zusammenbruch der
Sowjetunion im Jahr 1991 dramatisch. Er glaubte weiter an die Idee der
Sowjets, es seien bloß die Falschen an der Macht gewesen.
taz: Haben Sie damals etwas von dissidenten Gruppen mitbekommen, die das
Ukrainische stärken wollten?
Kurkow: Ich hatte viel mit Dissidenten zu tun. Aber auch sie waren alle
russischsprachig. Mein Bruder war auch Dissident.
taz: Hat er unter Repressionen gelitten?
Kurkow: Er selbst wurde einmal verhaftet. Zum Glück war meine Mutter eine
angesehene Ärztin. Von dem Richter, der über den Fall meines Bruders
entscheiden sollte, hieß es, er sammle leidenschaftlich Medaillen. Wir
besaßen in unserer Familie viele Medaillen unseres Urgroßvaters, er hatte
sie im Ersten Weltkrieg bekommen. Meine Mutter hat sie dem Richter
geschenkt. So bekam mein Bruder nur zwei Jahre auf Bewährung. Später haben
wir die Medaillen in einem Antiquitätenladen wiedergesehen.
taz: Sie schreiben weiterhin auf Russisch, aber auf Russisch erscheinen
Ihre Bücher gar nicht mehr.
Kurkow: Genau. Meine Muttersprache ist Russisch, Ukrainisch lernte ich erst
als 14-Jähriger in der Schule. Dokumentarische Texte schreibe ich
inzwischen auch auf Englisch und Kinderbücher auf Ukrainisch. Prosa
schreibe ich auf Russisch, da brauche ich Freiheit und die Sprache als
Instrument. Dazu muss ich sie perfekt beherrschen.
taz: Findet man überhaupt noch russischsprachige Bücher in der Ukraine?
Kurkow: Sie sind in Online-Buchhandlungen erhältlich, in den Geschäften
hingegen nicht. In Antiquariaten lassen sich jedoch nach wie vor ältere
russischsprachige Bücher finden.
taz: Sie schreiben im zweiten Tagebuch: „Eine feindselige Einstellung
gegenüber der russischen Kultur ist [auf ukrainischer Seite] zu einem
festen Bestandteil des Russisch-Ukrainischen Kriegs geworden“. Wird es zum
Problem, wenn die russische Sprache in der Ukraine geächtet wird?
Kurkow: Die erste Welle des Patriotismus ist meines Erachtens vorbei,
inzwischen kehren einige zum Russischen zurück. Einige Leute begannen nach
Beginn des Angriffskriegs auf Ukrainisch zu reden und wollten kein Russisch
mehr sprechen. Die Entwicklung ist da aber nicht so eindeutig.
taz: Die Dekolonisierungsdebatte polarisiert in der Ukraine. Zuletzt
diskutierte das Land über Statuen von Michail Bulgakow und Isaak Babel.
Eine Babel-Skulptur soll entfernt werden, obwohl dieser selbst Opfer des
Stalinismus war. Schießt die Dekolonisierung über ihr Ziel hinaus?
Kurkow: Sie ist vor allem kontraproduktiv. Es gab so viele Diskussionen auf
Social Media über Bulgakow, das ist eine gute Werbung für seine Bücher! Die
Bücher dieser Autoren werden dadurch eher mehr gelesen als weniger, das
gleiche wird mit Isaak Babel passieren.
taz: Was wäre der richtige Umgang mit den Biografien von Babel, der in
jungen Jahren für die Tscheka arbeitete, und Bulgakow, dem nun eine
ukrainefeindliche Haltung nachgesagt wird?
Kurkow: Alles Gute und Schlechte, was auf ukrainischem Boden geschah,
gehört zur ukrainischen Geschichte. Dasselbe gilt für historische
Persönlichkeiten und Schriftsteller, die in der Ukraine lebten und wirkten.
Wir müssen objektive Biografien veröffentlichen und diese Schriftsteller
als Teil der ukrainischen Literatur und Kultur erforschen, ihren Einfluss
und ihre Kreise untersuchen. Wir dürfen nicht die sowjetische Methode
wiederholen, die biografische Fakten über wichtige historische
Persönlichkeiten verschwieg, andere als übertrieben darstellte und wieder
andere erfand. Bulgakow zu verteufeln ist töricht.
taz: In der Ukraine bleibt auch die Wehrgerechtigkeit ein großes Thema. Die
Soldaten kämpfen teilweise seit Jahren an der Front, sind völlig erschöpft.
Kurkow: Zum Glück gibt es jetzt eine Reform des Wehrdienstes. Soldaten
sollen einen Vertrag unterschreiben, in denen die Dienstzeit und
Freistellungen festgelegt sind. Es gibt zurzeit eine Frontlinie, die 1.000
Kilometer lang ist, den Ukrainern fehlen einfach viele menschliche Kräfte.
Natürlich sind die Soldaten, die seit 2022 kämpfen, wütend und schimpfen
auf die Menschen, die in Kyjiw und Lwiw in Bars oder Cafés sitzen. Dazu
kommt, dass die Kinder der heutigen politischen Elite noch immer verschont
werden vom Kriegsdienst. Das ist einer Demokratie nicht würdig.
taz: Sie sprechen auch die Kollaboration mit den Besatzern in den
inzwischen wieder befreiten Gebiete an.
Kurkow: Ja, auch darüber brauchen wir einen öffentlichen Diskurs. Ein
Freund von mir, ein Rentner, kehrte nach der Okkupation in sein Heimatdorf
Andriivka bei Kyjiw zurück. Sein Haus wurde während der Besatzung
leergeräumt. Sein Nachbar war während der Besatzung sehr freundlich zu den
Russen, hat Wodka mit ihnen getrunken, ihnen wohl geholfen. Solche Fälle
werden gar nicht erst untersucht. In Gebieten wie Saporischschja ist das
Problem viel größer, weil manchmal 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung in den
Dörfern dort bereit waren, mit Russen zu kollaborieren.
taz: Sie wollten nach dem 24. 2. 22 erst mal keine Fiktion mehr schreiben,
sind nun aber zu ihr zurückgekehrt und haben Ihren Ermittler Samson
reaktiviert (“Samson und das Galizische Bad“). Der Krimi spielt in der Zeit
der ukrainischen Unabhängigkeit während des russischen Bürgerkriegs.
Verhandeln Sie mit den historischen Parallelen zugleich die Gegenwart?
Kurkow: Ja, es gibt sehr viele Parallelen. Einmal die Gewalt von russischer
Seite. Und auch damals versuchten die Menschen einfach zu überleben und
waren dabei sehr kreativ. Wenn ich über 1919 schreibe, hilft mir das, die
Gegenwart zu verstehen.
taz: Die Figur Samson hat ein abgetrenntes Ohr, bekommt dadurch aber die
wundersame Fähigkeit, andere Menschen bei ihren Gesprächen abhören zu
können. Wenn Sie diese Fähigkeit hätten, wie würden Sie sie nutzen?
Kurkow: Ich würde den Gesprächen zwischen Putin und Lawrow lauschen.
9 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Jens Uthoff
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Literatur
(DIR) Sprache
(DIR) Dekolonisierung
(DIR) wochentaz
(DIR) Maxim Gorki Theater
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Bundeswehr und Frieden: Vom Nein zum Ja
Unser Autor hat als junger Mann den Kriegsdienst verweigert. Jetzt hat er
sich freiwillig zur Reserve gemeldet – aus Gewissensgründen.
(DIR) Podium über Demokratie in Osteuropa: Freiheit statt Ordnung
Ein hochkarätiges Podium an Schriftsteller:innen diskutierte in Berlin
über Demokratie in Osteuropa. Und über die „große Tradition des
Widerstands“.
(DIR) Autor Andrej Kurkow im Gespräch: „Wir Ukrainer sind hoch motiviert“
Andrej Kurkow glaubt fest an den Sieg über Putins Russland. Sein aktueller
Roman „Samson und Nadjeschda“ blickt humorvoll in die Geschichte.
(DIR) Notizen aus dem Krieg: Hippies im Regen
Der Lwiwer Alik Olisevych ist 64 geworden. Seiner Mutter muss er ein
Krankenbett organisieren. Schwierig, denn das könnte auch ein Soldat
brauchen.