# taz.de -- Wahrnehmung der Ukraine in Berlin: „Die sowjetischen Ehrenmale dienen russischer Propaganda“
> Seit 2023 gibt es das Ukrainische Institut in Berlin. Seine Leiterin
> hofft auf mehr Sichtbarkeit für ukrainische Themen und sucht den
> Kulturdialog.
(IMG) Bild: Muss das sowjetische Erbe neu bewertet werden? Das Ehrenmal im Treptower Park im Novembernebel
taz: Frau Rietz-Rakul, Russlands Krieg in der Ukraine tötet nicht nur
Menschen, sondern auch die Natur. Im Schwarzen Meer soll bereits ein
Fünftel der Delfine ums Leben gekommen sein. Sie laden nun als Ukrainisches
Institut am Donnerstag zu einer [1][Veranstaltung unter dem Titel
„Imperiale Narben“] zum Thema „Natur und Umwelt in Osteuropa“ ein. Warum?
Kateryna Rietz-Rakul: In Kriegen wird auch die Natur immer wieder in
Mitleidenschaft gezogen. Wir müssen deshalb darüber sprechen, wie Imperien
– auch als Besatzungsmacht – mit der Natur umgehen.
taz: Wie gehen Imperien wie Russland mit der Natur um?
Rietz-Rakul: Für sie ist die Natur eine Ressource – genauso wie die
Menschen eine Ressource sind. Etwas zu vernichten, was einem nicht lieb und
teuer ist, scheint komplett einfach zu sein. Den respektlosen und
barbarischen Umgang – auch mit der Natur – kennt die Ukraine aus eigenen
historischen Erfahrungen mit Russland. Aber auch Deutschland kann zu diesem
Gespräch beitragen.
taz: [2][Ukrainische Forschende dokumentieren diesen Umgang, zum Beispiel
im Tusly-Nationalpark am Schwarzen Meer], um Beweise für
Kriegsverbrecherprozesse zu sammeln, bei denen es auch um einen Ökozid, die
Zerstörung der Natur, geht.
Rietz-Rakul: Wir wissen, dass die Russen in ukrainischen
Naturschutzgebieten Brände verursachen mit dem Ziel, anschließend die
Feuerwehr, die die Brände löscht, mit Artillerie zu beschießen. Im Hinblick
auf das [3][Emerald Network] – ein europaweites Netzwerk von
Schutzgebieten, das zum Schutz von Arten und Lebensräumen eingerichtet
wurde, denen auf kontinentaler Ebene das Aussterben droht – handelt es sich
hierbei nicht um ein rein ukrainisches Problem. Diese Vernichtungsakte
wirken sich auf alle Schutzgebiete des Netzwerks in ganz Europa aus.
taz: Gleichzeitig holt sich die Natur Terrain zurück. Nach der
[4][Zerstörung des Kachowka-Staudamms am Fluss Dnipro] im Juni 2023 ist auf
dem Grund des Staubeckens ein neuer Wald entstanden.
Rietz-Rakul: Der Wald ist auch entstanden, weil die Weiden, die am Grunde
des Stausees waren, neu ausgetrieben haben.
taz: Sind solche Themen, ähnlich wie vielleicht auch bedrohte Kunst- und
Kulturgüter in den [5][Welterbestätten der Ukraine], eine Möglichkeit, das
Publikum auch in Berlin mit anderen Nachrichten abholen zu können als mit
denen, die Tag für Tag in den Medien zu lesen und zu sehen sind?
Rietz-Rakul: Ich denke schon. Aber weniger aus einer strategischen
Überlegung heraus. Eher deshalb, weil es objektiv gesehen viele Themen
gibt, die wir gemeinsam haben und für die wir gemeinsam Lösungen suchen
müssen. Dazu gehört auch die Umwelt, die täglich zerstört wird. Die Ukraine
ist inzwischen das Land der Welt, das am meisten vermint ist.
taz: Und dennoch gibt es in der Ukraine immer wieder Initiativen und
Aktivisten, die sich auch unter Kriegsbedingungen für den Schutz der Natur
einsetzen.
Rietz-Rakul: Ständig tun sie das, trotz des unaufhörlichen Terrors seitens
Russlands. Die Ukrainer sind da sehr eigenwillig und protestbereit. Sie
haben wenig Respekt vor Autoritäten. Wenn sie einen Missstand sehen, werden
sie sofort aktiv.
taz: Als [6][Ukrainisches Institut] haben Sie den Auftrag, ukrainische
Kunst und Kultur, aber auch Geschichte den Deutschen näherzubringen. Wie
sehr ist da das Interesse des deutschen Publikums seit dem Beginn der
Vollinvasion gewachsen?
Rietz-Rakul: Für uns als Institut ist es wichtig, die deutsch-ukrainischen
Beziehungen auszubauen und zu pflegen. Deswegen arbeiten wir auch viel und
gerne mit deutschen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Dieser Dialog ist
uns fast noch wichtiger als die alleinige Präsentation der ukrainischen
Kultur. Was das Interesse angeht, es kommt in Wellen. Den ersten Aha-Effekt
gab es schon 2014, den nächsten, natürlich, 2022.
taz: Damals hatten Sie den [7][Verein Kul’tura] gegründet.
Rietz-Rakul: In der Tat haben wir schon damals, als es das Ukrainische
Institut in Deutschland noch gar nicht gab, angefangen, kulturdiplomatisch
zu arbeiten, ohne dass das damals so hieß. 2022 dann kam der große Schock
in Deutschland. Plötzlich wurde einem zugehört. Das hat sich aber wieder
etwas abgeschwächt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir auch die Themen
ansprechen, die uns gemeinsam beschäftigen – wie eben die Zerstörung der
Natur.
taz: Welche Rolle spielt die Literatur in diesem Kulturdialog? Gerade hat
Artem Tschech seinen neuen Roman vorgestellt. Mit Yuriy Gurzhy gibt es auch
einen Berliner Autor, der aus Charkiw kommt und zuletzt sein Buch „Ein
Aquarium voller Schlüssel“ herausgebracht hat. Ist die Literaturbrücke
zwischen Deutschland und der Ukraine stabil?
Rietz-Rakul: (lacht) Mit Yuriy Gurzhy habe ich sogar in einer Band
zusammengespielt. Die Literaturbrücke wird immer weiter ausgebaut. Sie ist
keine Hängebrücke mehr, wenn man im Bild bleiben will. Der Bachmann-Preis
für Tanja Maljartschuk im Jahr 2018 oder der Horst-Bienek-Preis für Lyrik
für Halyna Kruk in diesem Jahr sind Beweise dafür, dass ukrainische
Literatur im deutschsprachigen Raum endlich ankommt. Genauso wie die
Verkaufszahlen von Artem Tschechs Buch in der Schweiz. Vor allem die Lyrik
ist im Kommen.
taz: Weil sie neben dem Tagebuch eine geeignete Form ist, das atemlose
Leben von einem Tag auf den anderen einzufangen?
Rietz-Rakul: Ja. Anders als Prosa gibt Lyrik die Möglichkeit, schneller zu
reagieren. In den ersten Jahren der Großinvasion spielte Lyrik eine riesige
Rolle in der Ukraine, denn durch Lyrik kann man die Flut der Emotionen am
besten zum Ausdruck bringen. Übrigens wird ukrainische Literatur zunehmend
ins Deutsche übersetzt. Wir vom Ukrainischen Institut haben selbst ein
Programm namens „Übersetzerwerkstatt“ ins Leben gerufen, um die
Übersetzer-Community zu erweitern und zu unterstützen.
taz: Wäre es an der Zeit, dass die Ukraine einmal Gastland auf der
Frankfurter Buchmesse wird?
Rietz-Rakul: Sie wird voraussichtlich 2030 endlich Gastland.
taz: Im kommenden Jahr startet die große [8][„Bilaterale Kultursaison 2027
und 2028“], die beide Länder beim Besuch von Präsident Selenskyi bei
Bundeskanzler Merz im April ins Leben gerufen haben. Was erwarten Sie sich
davon?
Rietz-Rakul: Ich hoffe, dass wir tatsächlich noch viel sichtbarer werden.
Aber natürlich ist Kultur auch immer eine Frage der verfügbaren
finanziellen Mittel und Ressourcen. Und die sind in der Ukraine sehr knapp.
Die ganzen Ressourcen werden für das Überleben benötigt. Das macht es
schwierig. Aber natürlich ist das eine sehr wichtige Gelegenheit,
miteinander zu sprechen, Wissenslücken zu schließen und einander zu
verstehen. Russische Softpower war lange – und ist es immer noch – sehr
einflussreich in Deutschland. Wir dürfen Russland die Bühne nicht
überlassen.
taz: Wird dann auch noch einmal über die [9][drei sowjetischen Ehrenmale in
Berlin] gesprochen werden? „Wir müssen das sowjetische Erbe neu bewerten“,
hatte die ukrainische Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk
zuletzt beim „Cafe Kyiv“ gefordert. Die Antwort war ernüchternd: Es müsse
mehr kontextualisiert werden, heißt es. Reicht Ihnen das?
Rietz-Rakul: Wenn das endlich passieren würde, wäre es immerhin ein erster
Schritt. Was die Zuständigkeit angeht: Niemand fühlt sich für diese
Kontextualisierung zuständig. Es fehlt der politische Wille. Solange das so
bleibt, werden die Ehrenmale für russische Propaganda und Desinformation
genutzt.
taz: Sollte nach der [10][Schließung des Russischen Hauses] da ein neuer
Anlauf unternommen werden?
Rietz-Rakul: Ja, und ich möchte hier noch einmal betonen, dass dies kein
ukrainisches, polnisches oder sonstiges Problem ist. Das ist ein deutsches
Problem, denn die russischen Objekte werden für die sogenannte hybride
Kriegsführung in Deutschland gegen die Deutschen eingesetzt. Das Argument,
es gäbe Verträge, finde ich schwach. Russland selbst hält sich schließlich
an keinen Vertrag, den es unterzeichnet hat.
4 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://de.ui.org.ua/podiumsdiskussion-natur-und-umwelt-in-osteuropa-imperiale-narben/
(DIR) [2] https://www.spiegel.de/panorama/ukraine-krieg-ermittler-sammeln-beweise-fuer-kriegsverbrechen-an-der-natur-a-917d7711-17f9-47c0-924d-8df8d479e374
(DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Smaragd-Netzwerk
(DIR) [4] https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/561824/kriegsschauplatz-und-oekozid/
(DIR) [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Welterbe_in_der_Ukraine
(DIR) [6] https://de.ui.org.ua/
(DIR) [7] https://kultura.agency/
(DIR) [8] https://de.ui.org.ua/die-ukraine-und-deutschland-veranstalten-2027-2028-eine-bilaterale-kultursaison/
(DIR) [9] /Neue-Diskussion-um-sowjetische-Ehrenmale/!6157401
(DIR) [10] /Russisches-Haus-in-Berlin/!6209370
## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
## TAGS
(DIR) Kultur in Berlin
(DIR) Ukraine
(DIR) Natur
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