# taz.de -- Offener Brief an Berliner Linkspartei: Rückendeckung für Neukölln
       
       > In einem offenen Brief solidarisieren sich über 130 Kulturschaffende und
       > Aktivist*innen mit der Neuköllner Linken. Sie fordern,
       > Ausschlussverfahren zu stoppen.
       
 (IMG) Bild: MdB Ferat Kocak im Bundestag
       
       In einem [1][offenen Brief an die Berliner Linkspartei] stellen sich mehr
       als 130 Kulturschaffende, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen
       hinter den Neuköllner Bezirksverband und alle Genoss*innen, „die aktuell
       dieser rechten Hetzkampagne ausgesetzt sind“. Der Brief liegt der taz
       exklusiv vor.
       
       Unter den Unterzeichner*innen befindet sich die afrodeutsche Autorin
       Jasmina Kuhnke und die Soziologin Vanessa E. Thompson, der Comedian
       Jean-Philip Kindler, der Satiriker Sebastian Hotz „El Hotzo“ sowie die
       Rechtsanwältin Asha Hedayati.
       
       Die Berliner Linkspartei sehe sich nach ihrem Wahlsieg mit einer
       „beispiellosen medialen Hetzkampagne konfrontiert“, heißt es in dem Brief.
       „Die Mainstream-Parteien instrumentalisieren den Antisemitismus-Vorwurf
       gegen die Linke, weil sie fürchten, dass Berlin mit der Vergesellschaftung
       von Wohnungen einen bundesweiten Präzedenzfall schaffen wird.“
       
       Der Partei wird seit der Wahl ein Antisemitismusproblem zugeschrieben.
       Auslöser waren unter anderem veröffentlichte Chats [2][zwischen
       Linken-Politiker Ferat Kocak] und dem Sohn einer Größe der Organisierten
       Kriminalität. Hinzu kamen Fotos von der Neuköllner Wahlparty, die den MdB
       mit Ibrahim Ibrahim zeigten, Unterstützer der von der EU als
       Terrororganisation eingestuften „Volksfront zur Befreiung Palästinas“
       (PFLP). Auf diese Verbindungen geht der offene Brief nicht ein. Stattdessen
       sehen die Unterzeichner*innen die mediale Kritik an Kocak als
       Fortsetzung einer vorangegangenen „medial aufgebauschten Hetzjagd“ – damals
       wegen des „absurden“ Vorwurfs des Verdachts auf Dokumentenfälschung.
       
       ## Forderungen, Parteiausschlüsse zurückzunehmen
       
       Für [3][die Soziologin Vanessa E. Thompson], die den Brief unterzeichnet
       hat, steht fest, dass es sich bei der aktuellen Berichterstattung um eine
       „explizit anti-linke und rassistische Kampagne von oben“ handelt. „Wenn es
       tatsächlich um kriminelle Machenschaften ginge, wäre die Presse wohl
       täglich mit den Verbindungen von Politiker*innen der Parteien der
       sogenannten Mitte zur Immobilienlobby, Konzernbossen und ihrer
       menschenunwürdigen Abzocke, der massiven Attacke gegen soziale
       Infrastrukturen und Sozialpolitik und der damit zusammenhängenden
       Militarisierung und Kriegspolitik beschäftigt“, sagt sie.
       
       Dass Menschen, die in lokalen politischen Strukturen aktiv sind, auch
       Menschen kennen, die Verbindungen zu kriminellen Machenschaften haben,
       heiße weder, dass sie das gutheißen, noch, dass sie selbst damit zu tun
       hätten. „Damit will ich in keiner Form Gewalt rechtfertigen, aber
       kriminelle Machenschaften sind eben auch eine Wahrheit des Kapitalismus“,
       sagt Thompson. „Es geht auch darum, mit Menschen ins Gespräch zu gehen, die
       durch soziale und gesellschaftliche Problemlagen in diese Verhältnisse
       geraten.“
       
       Ferat Kocak hatte als Reaktion auf die Vorwürfe nach der Wahl seinen Sitz
       im Innenausschuss aufgegeben, dennoch wird sein Parteiausschluss gefordert.
       Die Unterzeichner*innen kritisieren das und verweisen darauf, dass
       auch andere Parteien „zweifelhafte Verbindungen pflegen, die weit über
       einen Chat hinausgehen“. Von der Linkspartei fordern sie, sich mit Kocak
       und weiteren Mitgliedern zu solidarisieren, die wegen ihrer
       Palästinasolidarität in der Kritik stehen, etwa Basem Said, Martha
       Kleedörfer, Hannah Bruns. Der Parteiausschlussantrag gegen Bruns, die sich
       in der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität engagiert, solle
       zurückgenommen werden, so die Forderung.
       
       ## LAG Shalom Berlin fordert, Antisemitismusproblem in den eigenen Reihen
       zu addressieren
       
       Zum umstrittenen Auftritt des Rappers Dahabflex kurz vor der Wahl nimmt der
       Brief nur indirekt Stellung. Dieser hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung
       der Linken Neukölln „Yallah, yallah, Intifada, Westbank, Palästina, Gaza“
       und „Death, death to the IDF“ gerappt. Die Unterzeichner*innen machen
       deutlich: „Kritik am Staat Israel ist nicht antisemitisch.“ Sie verweisen
       auf den jüngsten Bundesparteitag der Linken, bei dem die Partei die
       IHRA-Definition zurückwies und sich mehrheitlich für die Jerusalem
       Declaration on Antisemitism aussprach. „Keine der aktuell umstrittenen
       Aussagen ist gemäß dieser Definition antisemitisch“, heißt es.
       
       Schließlich appellieren die Unterzeichner*innen an die Linke, dass
       eine Koalition mit SPD und Grünen nicht auf Kosten der
       Palästina-Solidarität gehen dürfe. Sie fordern, dass die Partei „alle
       marginalisierten Gruppen in Schutz nimmt“, „den Rassismus der aktuellen
       Gegenkampagne“ benennt und „sich sich hinter jüdische Menschen in all ihrer
       Vielfalt stellt“. Für Vanessa E. Thompson steht fest: „Wenn politische
       Modelle, die gleiche Rechte für alle in Israel und Palästina als Prinzip
       haben, in einer Linkspartei keinen Platz hat, verdient sie diesen Namen
       nicht.“
       
       Die LAG Shalom Berlin, eine Gruppe innerhalb der Berliner Linken, die sich
       „gegen Antisemitismus aus allen Weltanschauungen“ einsetzt, distanziert
       sich auf Instagram von den „teils maßlosen und diffamierenden“
       Antisemitismus-Vorwürfen gegen die Partei. „Trotzdem steht unsere Partei in
       der Verantwortung, das Antisemitismusproblem in ihren Reihen zu adressieren
       und endlich für inhaltliche Klarheit zu sorgen“, so die Gruppe.
       
       5 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://docs.google.com/document/d/1ibG9CIvNXXsK950EMJn5AK2Uh49UZmrOAXRaLKWQpGA/edit?tab=t.0
 (DIR) [2] /Konsequenzen-fuer-Kocak/!6218425
 (DIR) [3] /Vanessa-E-Thompson-ueber-Antifaschismus/!6187877
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ferat Koçak 
 (DIR) Die Linke in Berlin
 (DIR) Berlin-Neukölln
 (DIR) Die Linke
 (DIR) GNS
 (DIR) Friendly Fire
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Berliner Remmo-Familie: Der Kriminelle als neutrale Quelle
       
       Im Kuddelmuddel um Kontakte des Berliner Linken-Politikers Ferat Koçak
       sollte eines nicht vergessen werden: Die Familie Remmo hat eigene
       Interessen.
       
 (DIR) Konsequenzen für Koçak: Noch kein Schlussstrich
       
       Ferat Koçak räumt Fehler im Umgang mit den Remmos ein. Nicht alle sind
       glücklich darüber, dass die Parteiführung über seinen Fall schweigt.
       
 (DIR) Berlins Linke und Nahost: Schmerzhafter Spagat
       
       Das Ausbrechen des Nahostkonflikts in der Linken ist kein Zufall. In der
       neuen Fraktion wird der Palästina-Flügel aber keine dominierende Rolle
       spielen.