# taz.de -- Linken-Abgeordneter Ekkehard Spiegel: „Wir sind kein Erich-Honecker-Cosplay-Verein“
       
       > Erst Hausbesetzer, dann Gärtner, dann Busfahrer – und jetzt Abgeordneter:
       > Ekkehard „Ekke“ Spiegel erklärt, warum das zusammenpasst – und warum die
       > Linke nicht die SED ist.
       
 (IMG) Bild: „Ich bin ein großer Fan der BVG, auch außerhalb meines Berufslebens“: Ekke Spiegel, hier nicht auf Rädern, sondern in einem Café
       
       taz: Herr Spiegel, Sie haben das Direktmandat im Wahlkreis 5 von
       Friedrichshain-Kreuzberg gewonnen. Sie sind von Beruf Busfahrer und haben
       im Wahlkampf gesagt, dass Sie auch weiterhin fahren wollen, wenn Sie
       gewinnen. Und?
       
       Ekkehard Spiegel: Ich bin ja noch kein Abgeordneter, sondern nur gewählt.
       Das heißt, bis Ende Oktober bin ich noch im Schichtbetrieb. Ich habe mir
       jetzt alle Schichten auf Spätdienst legen lassen, damit ich am Nachmittag
       an den Sitzungen teilnehmen kann, und gehe dann halt direkt auf den Bus.
       Bei der ersten Fraktionssitzung musste ich in Dienstkleidung erscheinen und
       auch eher wieder abhauen, weil ich in Schöneweide den 165er fahren musste.
       
       taz: Wie waren die letzten Tage für Sie? 
       
       Spiegel: Durch die Doppelbelastung ist es ganz schön herausfordernd. Da
       muss man sich erst reinfinden, auch familiär. Meine Frau und ich sehen uns
       im Augenblick gar nicht.
       
       taz: Welche Schwerpunkte möchten Sie bei Ihrer Arbeit im Abgeordnetenhaus
       setzen? 
       
       Spiegel: Wir wollen Leute zusammenbringen und miteinander sprechen. Wir
       haben schon im Wahlkampf Kiezversammlungen gemacht und wollen das auch
       weiter tun. Es gibt eine Gruppe, die sich hier in der Schreinerstraße
       trifft, die haben thematisch zu illegalen Airbnbs gearbeitet. Das finde ich
       ein schickes Thema. Da gibt es gerade eine günstige Konstellation, wir
       haben jetzt auch im Bezirk eine Mehrheit, und gerade ist ein neuer
       EU-Gesetzentwurf zu bezahlbarem Wohnraum vorgelegt worden.
       
       taz: Sie blicken auf ein bewegtes politisches Leben zurück. Was hat Sie
       bewegt, den Schritt in die parlamentarische Politik zu gehen? 
       
       Spiegel: Ein Grund war der Aufstieg der AfD. Für mich war damals absehbar,
       dass die AfD nicht von selbst wieder weggeht. Sondern dass man eine Politik
       entwickeln muss, mit der es gelingt, dagegenzuhalten. Bei der Initiative
       Deutsche Wohnen und Co Enteignen, in der ich aktiv war, habe ich mit sehr
       vielen Leuten in der Linken zusammengearbeitet. Am Wahlabend 2021 bin ich
       dann eingetreten. Dass ich Direktkandidat geworden bin, liegt daran, dass
       mich meine Genoss:innen aus dem Ortsverband gefragt haben. Es gab einen
       Beschluss, eine Arbeiter:innenquote in den Parlamenten durchzusetzen.
       Das fand ich richtig. Und wenn man etwas richtig findet, sollte man sich da
       auch reinhängen, wenn man es kann.
       
       taz: Warum ist es wichtig, mehr Arbeiter:innen in den Parlamenten zu
       haben? 
       
       Spiegel: Die liberale Demokratie steckt in einer Krise. Und Teil dieser
       Krise ist auch, dass sich ganz viele Leute nicht mehr vertreten fühlen,
       dass wir ein Jurist:innenparlament haben. Mein Ziel ist es, ganz klar
       an einer Partei zu arbeiten, die in fünf Jahren in der Lage ist, nicht
       einen wie mich auf einen einigermaßen aussichtsreichen Platz zu setzen,
       sondern zwei Krankenpflegerinnen oder einen von Tesla und einen von der BSR
       auf ähnlich gute Listenplätze setzen kann.
       
       taz: Wie macht sich die mangelnde Repräsentation konkret bemerkbar? 
       
       Spiegel: Für mich ist das beste Beispiel Verkehrssenatorin Ute Bonde, die
       sich während des BVG-Streiks im vergangenen Jahr hinstellte und fragte:
       [1][„Welche BVG-Krise?“]
       
       taz: Wenige Wochen zuvor waren die Takte auf mehreren Buslinien reduziert
       worden, weil es zu viele Ausfälle bei den Fahrer:innen gab … 
       
       Spiegel: Ja. Bondes Kommentar war angesichts der Situation vollkommen
       lächerlich. Bei uns ist es einfach als Arroganz angekommen.
       
       taz: Sie sind seit 2023 Busfahrer und waren in mehreren Tarifrunden
       gewerkschaftlich aktiv. Wie nehmen Ihre Kolleg:innen die Landespolitik
       wahr? 
       
       Spiegel: Ganz viele sind wirklich frustriert und wütend. Viele fühlen sich
       nicht gesehen und nicht gehört. Die Rechten sprechen halt diese Frustration
       an und zeigen mit dem Finger auf „die Ausländer“. Bei uns in der
       Kollegenschaft sind solche AfD-Parolen leider schon weit verbreitet. In
       solchen Situationen, gerade als Gewerkschafter, den Rücken geradezumachen,
       ist unglaublich wichtig. Zu sagen, hey, das geht so nicht. Du kriegst keine
       Wohnung dadurch, dass du versuchst, deinen Nachbarn abzuschieben.
       
       taz: Sie sind in den 80er und 90er Jahren in Thüringen aufgewachsen und
       haben als Punk die rechte Gewalt der Baseballschlägerjahre miterlebt. Sehen
       Sie da Parallelen zu heute? 
       
       Spiegel: Es gibt einen Anstieg von Gewalt. Aber die eigentliche Gefahr
       sitzt in den Parlamenten. Das erfordert eine ganz andere Form von Kampf. Es
       steht keine Wiederholung der 90er an, und es steht keine Wiederholung der
       30er an. Wir müssen jetzt nach Beispielen gucken, wo erfolgreich gegen
       solche Regimes gekämpft wurde. Österreich existiert. Polen existiert. Die
       USA und die Kämpfe, die da jetzt gerade stattfinden, existieren. Und daran
       sollten wir uns mal ein Beispiel für Berlin nehmen.
       
       taz: Wie wurden Sie politisiert und wie haben Sie die Zeit in Thüringen
       erlebt? 
       
       Spiegel: Ich bin in einem sehr thüringischen, protestantischen Milieu
       aufgewachsen und war sehr kritisch zur DDR eingestellt. Ich war damals in
       dieser Punkerszene im Umfeld der Kirche von unten und der offenen Arbeit
       und habe auch den Wehrdienst verweigert. Wir haben uns immer als irgendwie
       links verstanden, aber nicht so links, wie die DDR es war. Dieses Milieu in
       einer Kleinstadt ist dann auf die Baseballschlägerjahre getroffen. Daraus
       haben Leute halt unterschiedliche Konsequenzen gezogen. Für mich war klar,
       dagegen muss man kämpfen, da muss man sich zusammentun mit anderen.
       
       taz: Angesichts einer möglichen links geführten Koalition wurde in den
       sozialen Medien [2][schon wieder der Vorwurf der „Mauerschützenpartei“]
       laut. Wie viel SED steckt noch in der Linkspartei? 
       
       Spiegel: Die sollen mal zu mir kommen und wir unterhalten uns. Ich lad die
       mal ein in unseren Ortsverband. Da bin ich der Zweitälteste und kein
       Mauerschütze. Die Politik, die dort vertreten wird, hat mit der Politik der
       SED sehr wenig zu tun. Die Linke als Partei hat eine Geschichte, aber wir
       sind kein Erich-Honecker-Cosplay-Verein.
       
       taz: Was hat Sie Anfang der 90er nach Berlin geführt? 
       
       Spiegel: Die Nazis sind bei mir in die Wohnung gekommen. Danach war ich im
       Krankenhaus. Ich habe mich dann entschlossen, nach Berlin zu kommen und bin
       in die Schreina gezogen.
       
       taz: Die Schreina47 ist ein Hausprojekt in der Schreinerstraße. Als Sie
       eingezogen sind, war es noch ein besetztes Haus. Ich habe gelesen, Sie
       haben sich dort mit dem Satz vorgestellt, „Ich will die Regierung stürzen.“
       Stimmt das? 
       
       Spiegel: Mir ist da einfach nichts Besseres eingefallen. Und außerdem
       wollte ich damals wirklich die Regierung stürzen – nur wusste ich nicht,
       wie das geht. Das waren Kohls Hochzeiten der blühenden Landschaften.
       Natürlich war das eklig für jemanden aus dem Osten. Zu der Zeit sind die
       ersten schlimmen Pogrome gegen Flüchtlinge gelaufen, genau derselbe
       Mechanismus, wie wir heute sehen. Es gab eine schwere Wirtschaftskrise, im
       Osten war in manchen Gegenden auf einmal die Hälfte der Bevölkerung
       arbeitslos. Und in dieser Situation sagte die Regierung: Ja, die Asylanten
       nehmen euch die Jobs weg. Natürlich war man da empört. Für mich waren die
       CDUler Lumpen und Lügner.
       
       taz: Die rechte Gewalt hat Sie auch in Berlin wieder eingeholt. [3][Sie
       waren mit dem Hausbesetzer und Antifaschisten Silvio Meier befreundet.] Und
       Sie waren Teil der Gruppe, die von Neonazis am U-Bahnhof Samariterstraße
       mit Messern attackiert wurde. Sie wurden schwer verletzt, Silvio Meier
       überlebte den Angriff nicht. Wie prägt Sie der Angriff heute?
       
       Spiegel: Was für uns sehr wichtig war: Während des ganzen Prozesses gegen
       die Täter hat keiner von uns, die direkt betroffen waren, gefordert, dass
       die Leute besonders schwere Strafen kriegen sollten. Uns war wichtig, dass
       klargestellt wird, dass das ein rechtsradikaler Angriff war. Silvio wird
       nicht wieder lebendig, wenn jemand lange in den Knast geht. Wir wollten die
       Gesellschaft dadurch verändern, dass wir miteinander reden, und uns fragen,
       wie wir dagegenhalten können. Das ist für mich eine Erfahrung, die meine
       Perspektive auf bestimmte Debatten heutzutage sehr stark prägt, zum
       Beispiel darauf, wie man mit der AfD umgeht. Wie können wir vielleicht auch
       solche Jugendliche, die da so aufgehetzt werden, zurückholen?
       
       taz: Sie waren danach lange in der Entwicklungszusammenarbeit, unter
       anderem in Tschad und in Niger. Was nehmen Sie davon mit für Ihre
       politische Arbeit? 
       
       Spiegel: Vor allem bin ich unglaublich sensibilisiert für das Thema
       Klimawandel wiedergekommen. Die Landwirtschaft in Niger verliert ganze
       Kulturpflanzen. Das hat für alle dort schlimme Auswirkungen. Man kriegt
       auch ein Verständnis für die krassen Ungleichheiten, die auf der Welt
       herrschen. Wenn Kolleg:innen von mir, ich bin ja von der Ausbildung
       Gärtner, sich jeden Tag den Rücken wundschuften und es trotzdem nicht zum
       Leben reicht.
       
       taz: Zurück in Deutschland, was hat Sie motiviert, Busfahrer zu werden? 
       
       Spiegel: Ich hatte das Gefühl, als Gärtner habe ich alles gemacht, was man
       machen kann. Ich habe was gesucht, was mich reizt. Ich bin ein
       leidenschaftlicher ÖPNV-Nutzer und ein großer Fan der BVG, auch außerhalb
       meines Berufslebens. Dann gab es einen Schnuppertag auf dem Betriebshof
       Lichtenberg, da durfte man mit einem Bus im Kreis fahren. Und danach habe
       ich gefragt: Wo kann ich unterschreiben?
       
       taz: Wollen Sie auch als Abgeordneter noch Bus fahren? 
       
       Spiegel: Ich will noch ein bis zwei Schichten pro Monat machen, das kann
       und will ich nicht aufgeben. Ich sehe mich als Vertreter für meine
       Kolleg:innen und will auch weiter ein offenes Ohr für die haben. Und das
       geht halt am besten, wenn man dort ist.
       
       8 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Berlins-CDU-Verkehrssenatorin-Ute-Bonde/!6085934
 (DIR) [2] /Soziologe-zur-Aufregung-ueber-die-Linkspartei-Das-ist-erst-der-Anfang/!6217731
 (DIR) [3] /Antifaschistische-Aktionen/!6048752
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Wahmkow
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Die Linke in Berlin
 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
 (DIR) Silvio Meier
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vorsondierungen in der Hauptstadt: Keine Brandmauer durch Berlin
       
       Mit Rot-Grün-Rot könnte die Linkspartei zur Avantgarde ihrer eigenen
       Entrevolutionierung werden. Und sollte dabei sogar trotzdem radikal
       bleiben.
       
 (DIR) Offener Brief an Berliner Linkspartei: Rückendeckung für Neukölln
       
       In einem offenen Brief solidarisieren sich über 130 Kulturschaffende und
       Aktivist*innen mit der Neuköllner Linken. Sie fordern,
       Ausschlussverfahren zu stoppen.
       
 (DIR) Linksbündnis in Berlin: „Ein bisschen Vergesellschaftung gibt es nicht“
       
       Natürlich will die Linke regieren, sagt Ex-Wirtschaftssenator Harald Wolf.
       Wenn ein Koalitionsvertrag tragfähig ist, werde ihm auch die Basis
       zustimmen.