# taz.de -- AfD-Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt: Mit der Kornblume am Revers
> In Sachsen-Anhalt arbeitet die AfD an einer Romantik-Doktrin. Das
> Novalis-Zentrum in Oberwiederstedt wehrt sich gegen eine völkische
> Vereinnahmung.
(IMG) Bild: Marmorbüste von Novalis
Die AfD in Sachsen-Anhalt bastelt an ihrer kulturpolitischen Ideologie.
Dabei greift sie tief hinein in die reiche Geistesgeschichte des
Bundeslandes und entdeckt dabei, dass die Romantik, die maßgeblich in
Novalis’ Geburtsort, dem kleinen Oberwiederstedt, ihren Ursprung hat, für
populistische Strategien bestens geeignet ist. Denn welcher anhaltische
AfD-Biedermann hätte etwas gegen die deutsche Romantik einzuwenden?
So mancher Vertreter des völkischen Flügels hat sich bereits werbewirksam
eine blaue Kornblume ans Revers gesteckt. Schließlich präsentierte
Chef-Ideologe [1][Hans-Thomas Tillschneider] vor ein paar Jahren im
Magdeburger Landtag die Versatzstücke für eine völkische Romantik-Doktrin:
„In der deutschen Romantik finden wir Deutschen zu uns selbst. Die deutsche
Romantik ist die Entdeckung des Volksgeistes und die Entdeckung der
Nationalkultur, was erklärt, weshalb sie an Schulen und Universitäten heute
kaum noch eine Rolle spielt. Umso wichtiger sind Institutionen außerhalb
des staatlichen Bildungsbetriebes, die sich der Romantik annehmen.“
Diese vermeintliche Leerstelle gedenkt die AfD jetzt, nach dem Wahlsieg in
Sachsen-Anhalt, zu füllen. Deswegen versteht Tillschneider die AfD als
„[2][Partei der Romantik]“, denn die Romantiker hätten den
„Nationalgedanken gefördert und durchdacht“. Doch die von ihm geforderte
„Institution außerhalb des staatlichen Bildungsbetriebs“ gibt es bereits
seit 34 Jahren: Das Schloss Oberwiederstedt, in dem der frühromantische
Dichter und Philosoph Friedrich von Hardenberg, der sich selbst Novalis
nannte, zur Welt kam. Heute befindet sich hier das Novalis-Museum, die
Internationale Novalis Gesellschaft, die Forschungsstätte für Frühromantik
und die Novalis Stiftung „Wege wagen mit Novalis“. Man fragt sich: Was will
Hans-Thomas Tillschneider mehr?
Eigentlich könnten alle Anhalter stolz sein auf das Romantik-Zentrum von
Oberwiederstedt unweit der Luther-Stadt Eisleben. Denn nach Jahrzehnten der
Vernachlässigung unter der SED-Herrschaft war es ein mühsamer Weg bis zum
heutigen Glanz des Schlosses in der Mansfelder Provinz. Einige
Wiederstedter erinnern sich noch daran, dass die Tragödie 1945 begann, als
die letzten Hardenbergs im Krieg gefallen, in den Suizid getrieben oder in
den Westen übergesiedelt waren. In den Nachkriegsjahren wurde das Schloss
zu einem Auffanglager, später zu einem Pflegeheim. Der SED-Kulturpolitik,
die nur Autoren förderte, die dem Nationalverständnis der DDR entsprachen,
galt Novalis als romantischer Phantast einer ehemaligen Adelsschicht.
## Eine Privatinitiative verhinderte den Abriss
Viele Einheimische erinnern sich noch an den Elektriker Gerald Wahrlich,
der 1988 die „Interessensgemeinschaft Novalis“ – kurz „IG Novalis“ –
gründete, um das Oberwiederstedter Schloss vor dem drohenden Abriss zu
retten. Nur einem mutigen Hallenser SED-Bezirkschef und der IG Novalis war
es zu verdanken, dass die Abbrucharbeiten gestoppt und große Teile des für
den Abriss vorgesehenen Budgets für den Wiederaufbau verwendet werden
konnte.
War Novalis’ Geburtshaus noch im Frühsommer 1990 in einem erbärmlichen
Zustand, so erstrahlte das Schloss zwei Jahre später in frischem Glanz,
nachdem das Bundesfinanzministerium anlässlich Novalis’ 225. Geburtstag
eine größere Summe für den Wiederaufbau gespendet hatte. In den Folgejahren
kamen Landesmittel aus der Magdeburger Staatskanzlei hinzu, Fördergelder
flossen von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, während der Landkreis
Mansfeld-Südharz bis heute für die laufenden Betriebs- und Personalkosten
sowie Bauprojekte aufkommt.
Der Soziologe Steffen Schmidt, der das Novalis-Museum und die
Forschungsstätte für Frühromantik im Schloss Oberwiederstedt leitet, freut
sich über die Förderung sowie über die guten Verbindungen zum Jenaer
Zentrum für Romantikforschung und zum Frankfurter Romantik-Museum. Er
betont, dass das Novalis-Zentrum über einen „privilegierten Zugriff auf
Bundesmittel“ verfügt und der ehemalige Ministerpräsident Reiner Haseloff
Stammgast in Oberwiederstedt war.
Schmidt gibt sich kämpferisch: „Wir sind nicht erpressbar.“ Von einer
„beängstigenden Perspektive“ will er nichts wissen. Dennoch weiß er, dass
Götz Kubitscheks mittlerweile formell aufgelöstes „Institut für
Staatspolitik“ im nahen Schnellroda unter anderem Namen weiterhin eine
bedeutende Rolle spielt und dass die [3][AfD] im angrenzenden Wiederstadt
bei der letzten Landtagswahl 62,9 Prozent der Stimmen geholt hat. Schmidt
weiß allzu gut, dass die finanzielle Absicherung in Zukunft ungewiss werden
kann. Denn der Landrat für Mansfeld-Südharz könnte die Gelder streichen,
wenn sich nach Neubesetzung des Amtes in knapp zwei Jahren die politischen
Vorzeichen ändern sollten.
## Auch Nietzsche hatte es nicht mit Nationalismus
„Das Novalis-Zentrum bleibt bestehen“, ist Schmidt sich sicher. Derzeit
arbeitet er an der neuen Dauerausstellung, die im November beginnt. Im
Zentrum stehen Leben, Werk und Wirkung des berühmten Oberwiederstedter
Romantikers, besonderes Augenmerk legt Schmidt auf die posthum edierten
philosophischen Fragmente.
Vielleicht tun sich ja in der Ausstellung unvermutete Parallelen zu einem
anderen Anhalter Schriftsteller und Philosophen auf: Friedrich Nietzsche,
der zwei Generationen später in Röcken, in unmittelbarer Nähe von Novalis
späterem Wohnort Weißenfels, aufwuchs. Der große anhaltische Aphoristiker,
der alles Nationalistische und Patriotische verabscheute, hätte sicherlich
begeistert jene Fragmente gelesen, in denen Novalis schrieb: „Das Leben
soll kein gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein.“ Und: „Die
Möglichkeit der Philosophie beruht darauf, wahrhaft gemeinschaftlich zu
denken. Ist gemeinschaftliches Denken möglich, so ist ein
gemeinschaftlicher Wille, die Realisierung großer, neuer Ideen möglich.“
Das ist meilenweit entfernt von Tillschneiders Gefasel von Volksgeist und
deutscher Nationalkultur. Es bleibt zu wünschen, dass das Oberwiederstedter
Romantik-Zentrum den Widerspruchsgeist dieser beiden anhaltischen Denker
wachhält.
20 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Englert
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